Deutschland bei der Handball-WM Geärgert vom blitzschnellen Rasputin

Viel versucht, aber gereicht hat es nicht: Jannik Kohlbacher wirft auf das Tor der russischen Mannschaft.

(Foto: Soeren Stache/dpa)
  • Die deutsche Handball-Nationalmannschaft kommt trotz zwischenzeitlicher Vier-Tore-Führung nur zu einem Unentschieden gegen Russland.
  • Der Punktverlust beim 22:22 bedeutet auch, dass das DHB-Team mit Blick auf die Hauptrunde nicht mehr viele Punkte abgeben darf.
  • Gegner am Dienstag ist Titelverteidiger Frankreich.
Von Joachim Mölter, Berlin

Mit einem Schlag wurde es still in der mit 13 500 Zuschauern vollbesetzten Arena in Berlin, besser gesagt: mit einem Wurf. Der vom deutschen Rückraumspieler Steffen Fäth gepeitschte Ball prallte an der russischen Abwehrmauer ab, das Spiel war aus, das Unentschieden zwischen den deutschen und den russischen Handballern besiegelt, 22:22 (12:10). Der Lärmpegel, der sich in den 60 Minuten zuvor am oberen Limit bewegt hatte, fiel auf Null.

Die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) hatte in ihren zwei vorherigen Vorrundenspielen bei dieser Weltmeisterschaft das Publikum begeistert und Hoffnungen auf ein erfolgreiches Turnier geweckt. Diese Euphorie ist nun gedämpft. "Das Unentschieden fühlt sich an wie eine Niederlage", sagte Kapitän Uwe Gensheimer, "weil wir die ganze Zeit geführt haben. Aber wir haben es nicht geschafft, den Sack zuzumachen." Der Spielgestalter Paul Drux forderte: "Wir müssen das schnell abhaken." Bereits am Dienstagabend (20.30 Uhr/ZDF) steht die nächste Partie an, gegen Titelverteidiger Frankreich. "Wenn wir noch eine gute Rolle spielen wollen, müssen wir gegen Frankreich punkten", sagte der Kreisläufer Hendrik Pekeler.

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Das Duell mit dem Titelverteidiger hat in der Tat wegweisende Bedeutung für das angestrebte Ziel der Deutschen, das Halbfinale: Wer in die Hauptrunde kommt, nimmt die Punkte mit, die er in der Vorrunde gegen die anderen Vorrücker geholt hat. Unter Umständen könnte sich da der Punktverlust gegen die Russen sogar noch als irrelevant erweisen - wenn die nämlich nicht weiterkommen. Insofern hat auch Russland (4:2 Punkte) am Dienstag ein richtungsweisendes Treffen mit Brasilien (2:4). Der Sieger ist so gut wie weiter als Gruppendritter, der Verlierer muss in die Trostrunde.

Der Spielplan war im Grunde schön gerichtet für die gastgebende Auswahl des DHB: Die vermeintlich schwächsten Gegner kamen zuerst, quasi zum Einspielen der Mannschaft und zum Einstimmen des Publikums. Nachdem die Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop also die Außenseiter Korea (30:19) und Brasilien (34:21) abgefeiert hatte, kam es am Montag zum ersten Härte- und Stresstest mit einer europäischen Mannschaft - Russland. Und den haben die Deutschen nicht bestanden: In der Schlussphase verspielten sie eine zwischenzeitliche Vier-Tore-Führung (16:12/38.), dabei ließen sie in den letzten 90 Sekunden noch drei Gegentore zu.

Dibirow und Gensheimer erzielen jeweils acht Tore

Die Russen sind zwar nicht mehr so einschüchternd wie noch zur Jahrtausendwende, als sie die WM 1997 und Olympia 2000 gewannen. Aber ein Spieler flößte den Deutschen doch mächtig Respekt ein: Der Linksaußen Timur Dibirow, 35, inmitten all der Rückraumriesen nur ein schmächtiges Männchen, das mit blank poliertem Schädel und Rauschebart an den legendären Wunderheiler Grigori Rasputin erinnert. Gefürchtet ist dieser Dibirow nicht nur wegen seiner Torgefahr (er war am Montag mit acht Treffern erneut bester Schütze seines Teams), sondern auch wegen seiner Abwehrqualitäten: Er agiert als Spitze einer "sehr unangenehmen 5-1-Abwehr", wie der deutsche Co-Trainer Alexander Haase gewarnt hatte.

Wie unangenehm diese Abwehr werden kann, erlebten die deutschen Spieler von Beginn an. Der aus dem Abwehrriegel nach vorne gezogene Dibirow drängte den deutschen Spielmacher Martin Strobel in der Rückraummitte weit nach hinten. Und auf der halbrechten Abwehrseite rückte auch Daniil Schischkarew so weit nach vorne, dass er Fäth, den bis dato besten Rückraumschützen des DHB-Teams, praktisch aus dem Spiel nahm. Je länger die Partie dauerte, desto mehr Mühe hatten die deutschen Handballer, sich gegen diese offensive Abwehr durchzusetzen, der Spielfluss stockte ein ums andere Mal. "Es war zu wenig Bewegung drin", kritisierte Gensheimer, mit acht Toren erneut bester Schütze seines Teams.

"Ich will nichts auf den Angriff schieben", sagte hingegen Bundestrainer Christian Prokop: "Wir waren einfach in den entscheidenden Momenten nicht ganz so konsequent und clever, wie wir uns das erhofft haben." Nach dem 20:17 (52.) wechselte Prokop mehrere Male den Torhüter Andreas Wolff gegen einen siebten Feldspieler aus - prompt fing sich seine Mannschaft noch fünf Tore ein in der Schlussphase. Drux verteidigte die Maßnahme: "Christian hat gesehen, dass wir uns schwer tun, Chancen rauszuspielen. Er wollte uns mit dem siebten Feldspieler einfach nur eine Hilfe geben." Grundsätzlich sei die Idee nicht schlecht gewesen, fand Drux, "wir müssen es nur besser spielen". Man kann das durchaus als Selbstkritik verstehen - der Fehlpass zum 21:21-Ausgleich kam ja von ihm. Damit waren die Russen wieder im Spiel.

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