bedeckt München

Handball-Nationalteam:Atmosphärische Störungen

Ob die immer wieder kolportierten atmosphärischen Störungen zwischen Spielern und Trainer so weit zu kitten sein werden, dass die DHB-Auswahl in die Weltmeisterschaft 2019 und ein Jahr später in die Olympischen Spiele von Tokio mit begründeten Hoffnungen auf ein erfolgreiches Abschneiden gehen kann, ist nun eine zentrale Frage. Bei der EM war ja immer deutlicher zu beobachten gewesen, dass die Chemie zwischen Trainer und Spielern Schaden genommen hatte.

Prokop überforderte sein Team in Stresssituationen mit dezidierten und umfangreichen Vorgaben, gab in Auszeiten zu viel Input, anstatt sich auf klare und knappe Anweisungen zu beschränken. Bisweilen stellte die Mannschaft in ihrer Not das Abwehrsystem eigenmächtig um, teilweise wurden die hektischen Anweisungen des Trainers gar nicht umgesetzt. Selbst international erfahrene Spitzenkräfte wie Kapitän Uwe Gensheimer gerieten in eine Abwärtsspirale, die Akteure ließen sich von den vielen Wechseln des Trainers aus dem Rhythmus bringen.

Die Verunsicherung der Spieler kumulierte schließlich im entscheidenden Hauptrundenspiel gegen den späteren Europameister Spanien: Innerhalb von desaströsen zehn Minuten zu Beginn der zweiten Halbzeit verspielten die deutschen Handballer das Weiterkommen ins Halbfinale, nach dem klaren 27:31 war der Titel perdu. Essenziell wird nun sein, ob das DHB-Präsidium dem Trainer zutraut, aus seinen Fehlern zu lernen.

Und ob Prokop einsieht, dass er die Spieler nicht in ein starres System pressen kann, sondern die Spielweise den zur Verfügung stehenden Profis anpassen muss. Denn bessere Spieler wird er nicht finden, im Gegensatz zu den letzten Turnieren - EM und Olympia 2016 sowie WM 2017 - fehlte diesmal keiner wegen einer Verletzung, Prokop konnte also aus dem Vollen schöpfen. Und außerdem ist es sowieso illusorisch, in der Zeit bis zur WM den Kader radikal nach seinen strategischen Vorstellungen umzubauen, ohne die Aussicht auf ein erfolgreiches Abschneiden dort zu gefährden. All das wird Bob Hanning nun abwägen müssen, wenn er nach eingehenden Gesprächen mit Spielern, dem Bundestrainer und dem Präsidium über Prokops Zukunft zu entscheiden hat.

Dass er mit dem 39-Jährigen weitermachen will, hat er bekräftigt. Schon allein, weil er den Trainer gegen Widerstand und für eine hohe Ablösezahlung durchgesetzt hat. Beharrt der Bundestrainer aber auf seinem Konzept, ist er nicht zu Kompromissen bereit, hört er nicht auf die Spieler, wird er kaum zu halten sein. Hanning weiß das. Und er weiß auch, dass er selbst dann die nächste Personalie sein wird, die in Frage gestellt wird.

© SZ vom 01.02.2018/jbe

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite