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Handball-EM:Prokop hat ein erfolgreiches Team verunsichert

Schon mit seinen Nominierungen hat der Handball-Bundestrainer Selbstzweifel in der Mannschaft gesät. Er muss nun zeigen, dass er aus seinen Fehlern lernen kann - wenn man ihn lässt.

Kommentar von Ralf Tögel

Vielleicht kann ja Joachim Löw Trost spenden. Selbst der allseits bewunderte Fußball-Bundestrainer hatte schwere Stunden zu meistern, selbst der Weltmeister-Macher hat dunkle Flecken auf seinem meist blütenweißen Slimfit-Hemd. Als Löw bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine durch die Vorrunde marschiert war und dabei so starke Gegner wie die Niederlande, Portugal und Dänemark hinter sich gelassen hatte, scheiterte er im Halbfinale an limitierten Italienern - und an seinem Eigensinn. Löw hatte sich personell verzockt, er hatte zuvor starke Spieler aus der Startelf genommen und durch letztlich enttäuschende Akteure ersetzt. Nach dem Turnier wurde er schwer in Frage gestellt.

Der Kollege Christian Prokop macht gerade eine ähnliche Erfahrung. Er hat der deutschen Handball-Auswahl bei der EM in Kroatien eine neue, flexiblere Defensive verordnet; dafür hat er Personal ausgetauscht. Ein neuer Trainer hat das Recht, einer Mannschaft seine Handschrift zu verpassen, ein neues System zu installieren, eine neue Spielidee. Aber Prokop hat das auf Kosten eines bis dato funktionierenden Kollektivs getan, das immerhin vor zwei Jahren den Titel gewonnen hat. Und er hat zudem die Dynamik eines Turniers unterschätzt. Das kann man ihm verzeihen, dafür fehlt ihm die Erfahrung: Als Klubtrainer in Leipzig war er nicht international unterwegs, da konnte er sein Team gemütlich im Wochen-Rhythmus aufs nächste Spiel vorbereiten.

Immer lag Anspannung in der Luft

Aber in einem Wettbewerb wie einer Europameisterschaft, wo jeden zweiten Tag gespielt wird und jede Kleinigkeit den Unterschied ausmachen kann, kommen weichen Faktoren wie Zusammenhalt und Selbstbewusstsein eine wichtige Rolle zu. Das war vor zwei Jahren in Polen gut zu beobachten, als sich die Mannschaft mit jedem Einsatz steigerte, die Spieler gemeinsam mit dem damaligen Trainer Dagur Sigurdsson eine Idee entwickelten, ein Selbstbewusstsein und eine Dynamik erzeugten, die letztlich alle Spieler erfasste, alle Gegner überrollte.

Dieses Gefühl war nun nicht zu spüren, immer lag eine gewisse Angespanntheit in der Luft, es fehlte die Lockerheit, der Flow, in den die Mannschaft beim Titelgewinn vor zwei Jahren gefunden hatte. Stattdessen hatte man den Eindruck, dass mit jedem Spiel die Zweifel wuchsen, die Prokop mit seiner Kadernominierung gesät hatte. Diese Zweifel, diese Verunsicherung nahmen nun ebenfalls eine Dynamik an, allerdings eine, die man sich nicht wünscht - und die Prokop nicht aufhalten konnte.

Das Turnier in Kroatien geht nun als erster Misserfolg in den Lebenslauf des neuen Bundestrainers ein, eine Hypothek für die anstehenden Aufgaben: In einem Jahr ist die Weltmeisterschaft im eigenen Land und in Dänemark, in zwei Jahren steht Olympia auf dem Programm. Prokop muss zeigen, dass er Fehler nicht nur korrigieren, sondern auch aus ihnen lernen kann - wenn man ihn denn lässt. So wie Jogi Löw, der wurde zwei Jahre später bekanntlich Weltmeister.

© SZ vom 26.01.2018/ska

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