Deutschland bei der Handball-EM:Neun Corona-Fälle? Macht doch nix!

Lesezeit: 3 min

Deutschland bei der Handball-EM: Plötzlich Leistungsträger und Torschütze: Julian Köster, der jüngste Spieler im deutschen Kader, zeigte gegen Polen eine starke Partie.

Plötzlich Leistungsträger und Torschütze: Julian Köster, der jüngste Spieler im deutschen Kader, zeigte gegen Polen eine starke Partie.

(Foto: Radovan Stoklasa/Reuters)

Nach zwei höchst komplizierten Tagen holen die deutschen Handballer bei der EM durch das 30:23 gegen Polen den Gruppensieg - mit einem zusammengewürfelten Team, das über sich hinaus wächst.

Von Carsten Scheele

Gleich eine gute Nachricht: Die deutschen Handballer haben für ihre EM-Partie am Dienstagabend ein Team zusammenbekommen. Zwar ein kurioses, nur 14 Akteure waren im Kader, darunter einige Spieler, die 24 Stunden zuvor noch zu Hause in Deutschland auf dem Sofa gesessen haben; mit einem Torwart, der vor einigen Monaten noch seinen Rückzug aus dem Nationalteam erklärt hat. Doch nun stand Johannes Bitter, 39, vom HSV Hamburg wieder im deutschen Tor. Er habe "nicht wahnsinnig viel Handball trainiert" in den letzten Tagen, erklärte Bitter wahrheitsgemäß. Doch als Bundestrainer Alfred Gislason anrief, sei für ihn klar gewesen: Er will helfen.

Und das tat Bitter, einziger Torwart im Kader. Wie auch das übrige deutsche Team lieferte er - in einer der kompliziertesten Stunden für den deutschen Handball - eine Leistung ab, die kaum hoch genug bewertet werden kann, und die sogar mit dem Gruppensieg belohnt wurde. Durch das sichere 30:23 (15:12) gegen Polen schließt die deutsche Mannschaft die Vorrunde der Europameisterschaft in Ungarn und der Slowakei als Erster ab - und nimmt zwei wichtige Punkte in die Hauptrunde mit.

Deutschland bei der Handball-EM: Plötzlich wieder wichtig: Johannes Bitter (Mitte) pariert gegen Polen, obwohl er eigentlich längst seinen Rückzug aus dem Nationalteam erklärt hatte.

Plötzlich wieder wichtig: Johannes Bitter (Mitte) pariert gegen Polen, obwohl er eigentlich längst seinen Rückzug aus dem Nationalteam erklärt hatte.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

"Ein Riesenkompliment an das Team", sagte Gislason nach dem Spiel. "Die Vorzeichen standen überhaupt nicht gut", erklärte auch Kapitän Johannes Golla: "Aber wir haben uns gesagt, dass wir das Spiel für die Jungs gewinnen wollen, die infiziert sind."

Neun Spieler mit positiven Corona-Tests, eine solche Situation darf mitten in einer Europameisterschaft als Worst-Case-Szenario durchgehen. Zu den bekannten Namen gesellten sich am Dienstag noch Linksaußen Marcel Schiller und Torwart Till Klimpke, ihre Tests waren ebenfalls positiv. Eilig wurden aus Deutschland fünf Spieler nachnominiert, um die dezimierte Mannschaft wieder zu füllen, darunter Kräfte wie Bitter, Paul Drux oder Fabian Wiede. Die Stunden vor dem Spiel verbrachten die Spieler auf ihren Einzelzimmern: Das Essen wurde an die Zimmertür geliefert, das Training fiel aus, stattdessen wurden die Ergebnisse der jüngsten PCR-Tests erwartet. Am Nachmittag ging es direkt in die Halle. Da sagte selbst der erfahrene Bundestrainer Gislason, der im Handball wirklich viel durchgemacht hat: "So eine Situation habe ich noch nie gehabt."

Das neue Team überzeugt: Bitter pariert, Steinert trifft, Köster überragt

Kurioserweise legte das erheblich durchrüttelte deutsche Team den bislang besten Start in diesem Turnier hin. Lag nicht schnell zurück wie gegen Belarus und Österreich, sondern führte 5:3 (13. Minute). Auch packte die Abwehr viel besser zu als zuletzt, und kam mal ein Wurf frei durch, stand Bitter parat: Von der ersten Minute an war er ein starker Rückhalt, als hätte er das Nationalteam nach zuvor 170 Länderspielen nie verlassen. Im Angriff sprang Christoph Steinert vom HC Erlangen, in Abwesenheit von Timo Kastening oder Julius Kühn, als Haupttorschütze ein: Sechs seiner ersten sechs Versuche fanden den Weg ins Tor.

Hinten parierte Bitter einen unangenehmen Flatterball des Polen Michal Daszek (16.), danach ballte er die Faust in Richtung deutscher Bank. Nur sieben Gegentore nach 20 Minuten, konnte das wahr sein?

Mit fortlaufender Spielzeit zeigte sich durchaus, dass das deutsche Team nicht wirklich eingespielt war. Ein Beispiel: Auf Linksaußen rackerte der Kieler Rune Dahmke über 60 Minuten durch, obwohl er erst am Montagabend nachnominiert worden war - und eigentlich gar nicht mehr zum engsten Kreis des DHB-Kaders gehört. Andere fassten sich ein Herz: Allen voran Julian Köster, mit 21 Jahren jüngster Spieler des Kaders, der in der zweiten Liga beim VfL Gummersbach spielt - er warf drei Tore bis zur Halbzeit. "Jungs, sehr, sehr gut", verkündete Gislason in der ersten Auszeit. Der Isländer war sichtlich beeindruckt.

Zur Halbzeit führte das deutsche Team 15:12, und auch nach der Pause nahm dieser wirklich erstaunliche Handballabend seinen Lauf. Die Polen konnten zunächst verkürzen, den Ausgleich schafften sie jedoch nie. Spätestens als Torwart Bitter Mitte der zweiten Halbzeit einen freien Tempogegenstoß der Polen wegfischte, schien die ärgste Gegenwehr gebrochen. Steinert stand am Ende bei neun Treffern, der junge Köster bei sechs; er wurde sogar zum "Spieler des Spiels" gekürt. Nach dem Abpfiff jubelte das deutsche Team, als könne es selbst nicht glauben, was da gerade passiert war.

Wie es weitergeht, lässt sich trotz dieser Leistung kaum prognostizieren. Am Donnerstag steht das erste Hauptrundenspiel gegen Spanien an; vorausgesetzt, es werden nicht noch viel mehr positive Fälle gemeldet. Vom nächsten tollen Auftritt der deutschen Handballer bis zum Rückzug der Mannschaft aus dem Turnier scheint alles möglich.

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