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Rücktritt von Reinhard Grindel:Die Uhr ist abgelaufen

  • Reinhard Grindel verkündet seinen Rücktritt als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes.
  • Die Annahme einer Uhr von einem umstrittenen ukrainischen Funktionär war ein Fehltritt zu viel.
  • Er will seine hochdotierten Posten bei Fifa und Uefa zwar behalten - allerdings ist fraglich, ob er damit durchkommt.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Am Montagabend hielt Reinhard Grindel, 57, noch einmal eine Rede als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Er trat im Fußballmuseum in Dortmund auf die Bühne, eröffnete die neue "Hall of Fame" des deutschen Fußballs und lobpries dessen ewige Helden, Männer wie Helmut Rahn oder Uwe Seeler. Es war, so sollte sich bald zeigen, Grindels letzte Rede als Präsident des DFB.

Am Dienstagmittag erklärte der Niedersachse seinen Rücktritt, angesichts des immensen internen Widerstandes und immer neuer Verfehlungen, die in der Enthüllung über die Entgegennahme einer Luxus-Uhr von einem undurchsichtigen ukrainischen Funktionär kulminierten. In einer gewundenen persönlichen Erklärung entschuldigte sich Grindel dafür, dass er den Geschenk-Vorgang falsch eingeschätzt habe. Der Rückzug aus dem DFB-Präsidium im Zuge diverser Telefonkonferenzen soll sich relativ geräuschlos vollzogen haben. Aber: Die höchst lukrativen Vorstandsämter im Weltverband Fifa und in Europas Fußball-Union Uefa, die insgesamt mit fast 500 000 Euro jährlich dotiert sind, will Grindel behalten.

Somit endet Grindels Amtszeit an der Verbandsspitze nach nicht einmal drei Jahren. Er ist der DFB-Präsident mit der kürzesten Amtszeit seit einem gewissen Friedrich Wilhelm Nohe, der den Posten 1904/05 innehatte. Und es war eine Amtszeit, in der Grindel nie überzeugen konnte.

Auf 6000 Euro bezifferte Grindel den Wert der Pretiose

Im April 2016 war er, damals CDU- Bundestagsabgeordneter und DFB-Schatzmeister, nur durch die Wirren des Sommermärchen-Skandals an die Verbandsspitze gespült worden. Rasch geriet er wegen regelmäßiger Fehltritte in die Kritik, intern wie extern. Schon im Herbst, rund um die EM-Vergabe 2024 an Deutschland, wurde er als veritabler "Streichkandidat" beschrieben, für den es schwer werden dürfte, sich über die erste Amtszeit hinaus auf dem Posten halten zu können. Zu groß war da bereits der interne Widerstand.

In den vergangenen Tagen häuften sich dann der Druck und die Enthüllungen. Am Freitag berichtete der Spiegel, dass Grindel von Juli 2016 bis Juli 2017 als Aufsichtsratschef einer DFB-Tochtergesellschaft, der DFB-Medien GmbH, insgesamt 78 000 Euro bezogen hatte, wovon die Öffentlichkeit nichts erfuhr und auch das Gros der anderen Spitzenfunktionäre im Verband offenkundig nicht. Groß war der Aufruhr, und am Montagabend kamen weitere gravierende Sachverhalte hinzu.

Zum einen zeigten SZ-Recherchen, dass in der Vergütungs-Affäre der Vorwurf im Raum steht, Grindel habe sogar einen Präsidiumsbeschluss missachtet. Kurz nach seiner Wahl hatte er sich vom DFB-Präsidium, zusätzlich zu einer Aufwandsentschädigung von 7200 Euro pro Monat, einen sogenannten Verdienstausfall von weiteren 7200 Euro pro Monat genehmigen lassen. Grund: Für das neue Amt verzichtete er auf sein Mandat als Abgeordneter im Bundestag sowie auf eine Rückkehroption zum vormaligen Arbeitgeber ZDF.

Nach Informationen der SZ war diese Genehmigung durch das Präsidium aber mit dem Hinweis versehen, dass Änderungen am Einkommen zu melden seien; das hätte auch die Zusatzeinkünfte aus dem Posten als Aufsichtsratschef der DFB-Tochter betroffen. Schon dazu hatte sich Grindel am Montag nicht mehr näher äußern wollen.

Am späten Abend dann berichtete die Bild, dass Grindel 2017 vom ukrainischen Oligarchen und Fußballfunktionär Grigorij Surkis eine Luxus-Uhr angenommen habe. Auf 6000 Euro bezifferte Grindel selbst den Wert der Preziose am Dienstag. So etwas anzunehmen, war ein doppelter Fauxpas. Zum einen hat sich, auch international, längst herumgesprochen, dass derart teure Geschenke Fußballfunktionären viel Ärger bereiten können, wie in der Vergangenheit unter anderem der FC-Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge, der Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger und mancher im Jahr 2014 amtierende Fifa-Vorstand zu spüren bekamen. Daneben aber ist Spender Surkis eine besonders berüchtigte Gestalt in Europas Fußball - auch das müsste jedem Insider bekannt sein.

In den Neunzigerjahren war sein Klub Dynamo Kiew sogar vom Europapokal ausgeschlossen worden, weil aus Surkis' engem Umfeld versucht worden war, den spanischen Referee mit teuren Pelzmänteln zu einem günstigen Spielresultat zu bewegen. Später war Surkis maßgeblich daran beteiligt, dass die Co-Bewerbung von Ukraine/Polen den Zuschlag für die EM 2012 erhielt. Dieser völlig überraschende Coup steht bis heute unter starkem Korruptionsverdacht. Auch gab es ein Einreiseverbot in die USA für den Kiewer Geschäftsmann.

Im Uefa-Vorstand war er trotzdem bis Februar 2019 aktiv, stimmte bei der EM-Vergabe 2024 an Deutschland mit ab. Den Posten räumte er nur nach einem heftigen inner-ukrainischen Konflikt mit seinem Widersacher Andrej Pawelko. Journalisten, die im Kontext recherchierten, beklagten sogar Morddrohungen, die sie in der Schweiz den Strafbehörden anzeigten.

Grindel erklärt, ein Interessenskonflikt sei für ihn nie erkennbar gewesen, er habe die Gabe als Privatgeschenk gesehen; auch habe Surkis nie etwas gefordert oder er selbst eine Gegenleistung erbracht. Auch sei er mit der Uhr gegenüber Mitarbeitern und Kollegen im DFB offen umgegangen.

Es heißt, Grindel habe überall Verrat gewittert

Die Darstellung erscheint aus mehreren Gründen unüblich. Zum einen werden dabei en passant weitere DFB-Leute als Mitwisser bezichtigt; das könnte zu internen Klagen passen, Grindel habe in den vergangenen Wochen sowieso überall nur noch Intrige und Verrat gewittert. Zum anderen erstaunt hier die mangelnde Sensibilität angesichts der besagten Sumpflandschaft, in der sich Surkis bekanntermaßen bewegte. Es fragt sich, warum ein deutscher Vertreter in den internationalen Gremien von Fifa und Uefa jährlich 500 000 Euro verdienen soll, wenn er solche Personen nicht einzuordnen vermag? Noch mehr verwundert dies vor dem Hintergrund, dass Grindel ja Vorsitzender des Compliance-Komitees der Uefa ist: Wie hätte er vor dem Hintergrund des teuren Uhren-Geschenks noch frei in seiner Wächterfunktion agieren können, wären ihm Verfehlungen von Surkis vorgelegt worden? So offenbaren Grindels Darlegungen unfreiwillig eine bemerkenswerte Distanz zum Sujet der Geschäftsethik - was auch wieder den Kreis zu den 78 000 Euro schließt, die er bei einer DFB-Tochter einstrich, aber nicht anmeldete.

Zu klären ist auch, ob die Vergütungs-Affäre und die Surkis-Uhr schon alle Verstöße Grindels gegen Compliance-Regeln waren. Auf den Verbandsfluren werden diverse weitere Themen diskutiert. Bereits vor dem Wochenende gab es bei DFB-Protagonisten Nachfragen verschiedener Medien zu diversen Vorgängen, auch zu Grindels internationalen Beziehungen. Zum Verhältnis zu Surkis, aber auch zum ungarischen Uefa-Vorstand Sandro Csanyi, der ihn nach Budapest eingeladen haben soll; zudem soll es Bande zu einem weiteren Topfunktionär in Südosteuropa geben.

Grindel drohen weitere Konsequenzen

In jedem Fall drohen Grindel über den Amtsverlust hinaus weitere Konsequenzen. Steuerrechtliche Probleme wegen der Uhr sieht er mit Verweis auf die Einschätzung seines Steuerberaters zwar nicht, der Zollverwaltung will er die Gabe aber nachträglich melden. Daneben gibt es noch die Ethik- und Compliance-Komitees der Verbände, und die werden nun aktiv. Die DFB-Ethiker teilten der SZ am Dienstag mit, dass sie auf einer Sitzung am 10. April beraten wollen, wie sie mit den jüngsten Vorwürfen umgehen. Die Uefa beantwortete eine Anfrage zunächst nicht, die Fifa will "potenzielle Verfahren" nicht kommentieren.

Von daher ist es eine spannende Frage, ob Grindel mit seinem Plan durchkommt, den deutschen Fußball international weiterhin zu vertreten - und dafür knapp 500 000 Euro jährlich von Fifa und Uefa einzustecken. Vorgänger Wolfgang Niersbach hatte das 2016 auch vor, als er wegen seiner Rolle im Sommermärchen-Skandal sein Amt niederlegen musste. Wenig später wurde er gesperrt.

© SZ vom 03.04.2019/schm
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