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Gewalt im argentinischen Fußball:Der Fußball ist Argentiniens unheilbare Krankheit

Die Fanklubs bekämpfen sich gegeneinander und untereinander, es geht um Macht und Geschäft. Wer die jeweilige Barra Brava eines prominenten Teams leitet, der ist nicht selten Vorsitzender einer kriminellen Vereinigung. Die Barras Bravas handeln hauptberuflich mit Eintrittskarten, Trikots, Parkplätzen - sie verdienen manchmal mit Drogen, Schutzgeld und Transfers, ihre Kapos sind so bekannt wie die Spieler.

Auf Bestellung feuern sie auch bei politischen Veranstaltungen oder Streiks an oder schüchtern ein. Ihnen folgen Politiker, Funktionäre, Polizisten, Spieler. In den Reihen dieser Mafia stehen Killer, Fälscher, Betrüger, es wird erpresst und bedroht. "Der Fußball kommt nicht vom Mars", klagt Mauricio Pellegrino, der als Trainer vom FC Valencia zu Estudiantes de La Plata gewechselt ist. "Das Problem der Gewalt hat nicht der Fußball, sondern die Gesellschaft." Doch der Fußball schaut tatenlos zu, wie das Monster wütet.

Eine besonders berüchtigte und umsatzstarke Bande trägt den Namen La 12, die Zwölf. Es ist die Clique von Boca Juniors. Sie lässt das berühmte Stadion La Bombonera, die Pralinenschachtel, beben, und ihre Fraktionen streiten um das Kommando. Boca spielt zwar derzeit die schlechteste Saison seiner Geschichte und ist Vorletzter, aber La 12 macht Stimmung und Terror wie eh und je. Ende März wurde die Polizei deshalb bei einem Spiel des Rivalen San Lorenzo vorstellig und verhaftete den Torwart Pablo Migliore aus der Kabine hinaus, natürlich vor Kameras.

Migliore war zuvor bei Boca unter Vertrag gestanden und deckte laut abgehörter Telefonate einen angeklagten Justizflüchtling von La 12, Maximilano Mazzaro. Mazzaro soll einen Nachbarn des Schwagers von Mauro Martín ermordet haben, einem Paten von La 12. Der mutmaßliche Mitwisser Migliore verbrachte 40 Tage im Gefängnis Ezeiza nahe des Flughafens von Buenos Aires, ehe er vor den Ermittlern anscheinend plauderte. Nach seiner Freilassung flüchtete er sofort zu Dinamo Zagreb nach Kroatien, denn zu Hause wäre sein Leben nicht mehr sicher. Zum Abschied flehte Migliore: "Die einzige Bitte, die ich habe: Beschützt meine Familie."

Niemand kann und mag den Irrsinn aufhalten. Nicht die linke Staatschefin Kirchner. Nicht der rechte Bürgermeister von Buenos Aires und frühere Boca-Präsident Mauricio Macri, der gute Beziehungen zu La 12 hat. Nicht Julio Grondona, 81, ewiger Fifa-Vize und Herr über Argentiniens Fußball. Grondona bedauert gerade vor allem, dass seine alte Liebe Independiente wohl absteigt, was am Wochenende zur nächsten Verwüstung führen könnte. Anfang des Jahres warf Mónica Nizzardo das Handtuch, die zuvor mutig die Organisation "Retten wir den Fußball" angeführt hatte. "Die Perversion im argentinischen Fußball ist extrem", schrieb sie zum Abschied. "Alle wissen das, aber statt ein Gegenmittel zu suchen, versucht man damit zu leben, als ob es sich um eine unheilbare Krankheit handelt."

© SZ vom 12.06.2013/cko
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