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Fußball-WM: Frankreich - Uruguay:Kein Chef, nirgends

Frankreich kommt gegen Uruguay über ein 0:0 nicht hinaus. Dribbler hat die Mannschaft genug - was ihr fehlt, ist ein Anführer.

Dann gab es noch eine kleine Aufregung, weil Schiedsrichte Yuichi Nishimura aus Japan im Eifer des Gefechts ein Foul gesehen hatte. Freistoß, 20 Meter Torentfernung, eine gute letzte Torchance für Frankreich nach 90 Minuten torlosen Kampfes. Uruguays Verteidiger erregten sich sehr. Und in aller Ruhe machte sich Thierry Henry bereit, der eingewechselte, alternde frühere Welt- und Europameister. In seinen Augen stand die Hoffnung, der ganzen französischen Fußball-Krise zumindest für dieses erste WM-Spiel in Südafrika noch eine Wende zu geben. Er nahm nicht viel Anlauf. Er schlenzte. Und von einem Abwehrkopf prallte der Ball ins Niemandsland. Keine Wende für Frankreich. 0:0.

WM 2010 - Uruguay - Frankreich

Als würde er sie nicht sehen: Nicolas Anelka fand keine Bindung zu seinen Mitspielern - auch später Thierry Henry nicht.

(Foto: dpa)

Trostlosigkeit in Kapstadt nach einem Spiel, das seine Farbe in erster Linie aus der ersten gelb-roten Karte des Turniers bezog, die Uruguays Nicolas Lodeiro sah. Selbst Frankreichs umstrittener Nationaltrainer Raymond Domenech sagte: "Das Niveau ist enttäuschend gewesen, auch wenn es am Ende spannend war."

Im Grunde müsste diese erste Fußball-WM in Afrika auch die WM Frankreichs sein. Viele in der Mannschaft haben afrikanische Wurzeln und empfinden eine besondere Beziehung zum Kontinent ihrer Vorfahren. Aber irgendwie ist es in diesen Tagen nicht leicht, die Équipe Tricolore zu mögen. Das hat natürlich mit der Art und Weise zu tun, wie die Franzosen sich für die WM qualifizierten, mit dieser Aktion ihres früheren Kapitäns Thierry Henry, der sich in der Verlängerung des entscheidenden Ausscheidungsspiels in Paris gegen Irland den Ball mit der Hand schussgerecht servierte und dann zum Siegtreffer ablegte. Das hat aber auch damit zu tun, wie Nationaltrainer Raymond Domenech seinen Kader leitet.

Raymond Domenech hat offensichtlich beschlossen die Außenwelt für seine Spieler als Feindbild zu inszenieren: Fast aus jeder Trainingseinheit im WM-Domizil in Knysna machte er ein Geheimnis, Domenechs Furcht vor dem schlechten Einfluss kritischer Medien ging so weit, dass er schon Unterhaltungen über veröffentlichte Artikel unter Strafe stellte; nach einem Telefonat mit der Heimat als WM-Franzose darüber zu berichten, was die Presse schreibt, kostet nach einem Bericht der Sportzeitung L'Équipe 50 Euro.

Eine seltsam verkrampfte Atmosphäre umgibt das Team, die umso verkrampfter wirkt, da sie in Knysna in der Nachbarschaft der lebenslustigen Dänen wohnen. Und es ist klar, dass es nur ein Mittel gibt, um die Stimmung rund um die Blauen zu heben: spielerische Meisterschaft auf dem Feld. Aber auf die deutete schon vor Frankreichs WM-Auftakt gegen Uruguay wenig hin, wenn man die jüngsten Testspielergebnisse bedachte: 2:1 gegen Costa Rica, 1:1 gegen Tunesien, 0:1 gegen China - Domenechs Auswahl hatte gespielt, als wollte sie beweisen, dass eine Mannschaft, welche erst die Hand Henrys ins Turnier gebracht hat, bei einer WM im Grunde nichts zu suchen hat.

Uruguays Team ist in dieser Situation vielleicht gar kein schlechter Auftaktgegner gewesen, weil es für einen eher rustikalen Stil bekannt ist, gegen den sich eine französische Elf mit ihrer gepflegten Technik normalerweise wohltuend abheben müsste. Aber den Franzosen gelang auch gegen die defensiven Südamerikaner wenig. Wer an Frankreich denkt, an den Weltmeister von 1998, den Europameister von 2000, den WM-Finalisten von 2006, denkt vor allem an das filigrane Fußball-Ballett des großen Regisseurs Zinédine Zidane der das solide Handwerk des französischen Kollektivs einst mit seiner Kunst veredelte.

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