Fußball-WM in Russland Plötzlich gilt ein normaler Fan als Hooligan

Bereits die Festellung von Personalien am Rande eines Fußballspiels kann ausreichend sein um in der Datei "Gewalttäter Sport" zu landen.

(Foto: Martin Meissner/AP)
  • Mehr als 10 000 Fans werden derzeit in der Datei "Gewalttäter Sport" geführt. Die Aufnahme passiert meist heimlich.
  • Bei der Behörde, welche die Datei verwaltet, sind bereits Anfragen russischer Behörden eingegangen, Informationen über Fans zu übermitteln.
  • Die Weitergabe nach Russland ist umstritten und könnte den Datenschutz verletzen.
Von Julian Budjan

Er hatte schon lange geahnt, in einer dieser Fußballdateien zu stehen. Bei Verkehrskontrollen waren die Beamten besonders gründlich. Wenn er in ein Land außerhalb Europas reiste, ließen ihn die Schranken am Flughafen oft nicht durch. Er musste dann Fragen beantworten: Wohin geht es, mit wem, warum? Einmal sei es nicht dabei geblieben, erzählt der Münchner Fan Florian Marzell, der eigentlich anders heißt. Ende 2016 wollte er mit Freunden ein Länderspiel in Osteuropa besuchen, nebenbei Land und Leute kennenlernen. Doch daraus wurde nichts.

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Beim Einsteigen in den Flieger führten ihn die Bundesbeamten ab und teilten ihm mit, dass gegen ihn ein Ausreiseverbot ausgesprochen werde: Er dürfe die Bundesrepublik für vier Tage nicht verlassen. Zudem müsse er an seinen bayerischen Wohnsitz zurückkehren und sich täglich beim Amt melden. Dass Fans von Dortmund und Schalke ebenfalls an Bord waren, ließe nur einen Schluss zu, so die Begründung: Deutsche Hooligans hätten sich zum gemeinsamen Randalieren im Ausland verabredet. Und er sei einer von ihnen.

"Völlig absurd" nennt Marzell die Anschuldigungen. Er ist Monteur, ein Mann mit brummender Stimme, er schüttelt den Kopf, wenn er davon spricht. Erst habe er Wut, dann "Hilflosigkeit" empfunden. Er ist nie von einem Gericht verurteilt worden, nicht vorbestraft.

Die Datei "Gewalttäter Sport" jährlich kontrollieren?

So wie Marzell geht es vielen Fans in Deutschland. Mehr als 10 000 werden derzeit in der Datei "Gewalttäter Sport" geführt. Schon eine Feststellung der Personalien, eine oft präventive Maßnahme im Rahmen eines Fußballspiels, Beleidigungen oder Platzverweise können ausreichen, um hineinzugelangen. Eingetragen werden Personendaten, äußerliche Merkmale bis hin zu Tattoos und Schuhgröße, letzte Aufenthaltsorte und Begleitpersonen. Das passiert meist heimlich, die Betroffenen werden nur in Bremen und Rheinland-Pfalz über eine Speicherung informiert. Alle eingeleiteten Verfahren werden erfasst, nicht aber deren Ausgang oder der Grund für die Aufnahme in die Datei.

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Es gehört zur polizeilichen Praxis, gegen eine Gruppe von Fans, in der Einzelne straffällig geworden sind, pauschal Anzeige zu erstatten, um überhaupt ermitteln und Übeltäter identifizieren zu können. Wenn die Verfahren eingestellt werden, wirkt sich das aber nicht auf die Datei aus: Auch Unbeteiligte bleiben gespeichert.

Zur WM in Russland könnten nun auch diese Fans mit Einschränkungen rechnen müssen. Bei der Zentralen Informationsstelle Sport (ZIS), die die Datei verwaltet, sind bereits Anfragen russischer Behörden eingegangen, Informationen über deutsche Fans zu übermitteln. Das geht aus den Antworten des Bundesinnenministeriums (BMI) auf eine kleine Anfrage der Grünen hervor. Schon beim Confed-Cup 2017 wurden Fandaten nach Russland weitergereicht, es ging um fünf Personen.

Nun erscheint die Weitergabe einerseits sinnvoll - die Bilder pöbelnder Fans beim Länderspiel in Prag im vergangenen September, als eine Gruppe deutscher Anhänger rechtsextreme Parolen rief, sind noch präsent. Das Verfahren wurde laut einem Bericht des WDR eingestellt, weil keine sogenannten Störer zu identifizieren waren. Die Anwesenheit deutscher Hooligans in Russland sei wahrscheinlich, heißt es.