Fußball-WM Brasilien spielt wie mit einem Ruhepuls von 35 Schlägen

Allein unter Brasilianern: Der Schweizer Steven Zuber hat keine Angst vor der vermeintlichen Übermacht und ist so frei, umringt von acht Gegnern, das 1:1 zu erzielen.

(Foto: Jason Cairnduff/Reuters)
Von Javier Cáceres, Rostow am Don

Der Optimismus der brasilianischen Auswahl hat am Sonntag einen Dämpfer erhalten. Auf den Tag genau drei Jahre nach der letzten Niederlage, bei der auch 222-Millionen-Euro-Stürmer Neymar Jr. in der Startelf stand (0:1 gegen Kolumbien bei der Copa América), kam der fünfmalige Weltmeister in Rostow in der Gruppe E gegen die Schweiz nicht über ein 1:1 hinaus. "Das wirft uns nicht aus der Bahn, schließlich gibt es große Nationen, die schon verloren haben", sagte Brasiliens Verteidiger Miranda, wohl auch in Anspielung auf das 0:1 von Titelverteidiger Deutschland kurz zuvor gegen Mexiko. "So ist eine WM. Auftaktspiele sind immer schwierig", fand Brasiliens Torschütze Coutinho im ZDF: "Jetzt müssen wir uns auf die nächsten Spiele konzentrieren."

Wie sehr die Dinge sich bei Brasilien doch geändert haben! Nach Jahren des Drills unter den Trainern Scolari und Dunga sind ist wieder "alegria" eingekehrt, die Freude, und das nicht nur neben, sondern auch auf dem Feld. Neymar ließ am Samstag seinen persönlichen Coiffeur nach Rostow einfliegen, um sich eine Frisur zaubern zu lassen, die aussah wie mit Haarspray befestigtes Stroh aus dem letzten Osterkorb. Niemand scherte es in Brasilien. Was interessierte, war das, was auf dem Rasen geschehen sollte. Das freilich dürfte unter den Anhängern der Brasilianer nur bedingt für Zufriedenheit gesorgt haben. Denn die Brasilianer zeigten nach gutem Beginn, in dem eine Besinnung auf die Wurzeln des schönen Spiels zu ahnen war, auch einen Hang zum Phlegma, der sie teuer zu stehen kam.

Die Brasilianer waren mit einigem Respekt in das zweite WM-Duell mit der Schweiz gegangen; 1950 endete das erste ebenfalls unentschieden. Zwar hatten sich die Schweizer erst in der Relegation für Russland qualifiziert, aber den Brasilianern war nicht entgangen, dass die Mannschaft von Trainer Vladimir Petkovic in den jüngsten sechs Spielen nur ein Gegentor kassiert hatte.

Von der vielgerühmten Offensive ist weit wenig zu sehen

Diese Abwehrstärke war in den Anfangsminuten gut zu sehen. Die Schweizer verteidigten mit sehr dicht gestaffelten Reihen, die keinen Raum für Fantasie zu lassen schienen. Doch nachdem sie in der dritten Minute für Aufsehen gesorgt hatten, als Xherdan Shaqiri einen Ball auf Granit Xhaka durchgesteckt hatte, den dieser in aussichtsreicher Position nicht verwerten konnte, rissen die Brasilianer Ball und Spiel an sich. Sie deuteten an, ihrem Vortrag poetische Elemente beizumengen. Die deutlichste Gelegenheit entsprang zwar einem Gestochere, Paulinho trat dabei den Ball knapp neben das Tor (11. Minute), dann aber kam der Auftritt von Philippe Coutinho vom FC Barcelona.

In der 20. Minute legte er sich den Ball nach einer zu kurz geratenen Kopfballabwehr der Schweizer zurecht - und zwirbelte ihn mit viel Effet über den rechten Innenpfosten ins Netz. Torwart Yann Sommer, einer von neun Bundesliga-Profis in der Schweizer Startelf, streckte sich vergeblich - 1:0. Danach verwalteten die Brasilianer die Partie wie mit einem Ruhepuls von 35 Schlägen pro Minute. Es kam ihnen entgegen, dass die Schweizer Offensive so furchteinflößend ist wie Heidi, die Titelheldin des Buches von Johanna Spyri. Vom vielgerühmten Offensivquartett der Brasilianer - Neymar, Coutinho, Willian und Gabriel Jesus - war weit weniger zu sehen als von den defensiven Mittelfeldabräumern Paulinho und Casemiro. Neymar, der nach einem Mittelfußbruch erst vor zwei Wochen sein Comeback gab, lieferte den Beweis, dass er tatsächlich "noch nicht bei 100 Prozent" ist, wie Trainer Tite am Vorabend erklärt hatte. Die zweite Halbzeit begann dann mit dem Gegentor durch Steven Zuber. Nach einer Ecke von Shaqiri verschaffte der sich mit einem kleinen Schubser gegen Innenverteidiger Miranda genügend Platz, um aus drei Metern per Kopf zu treffen - auch weil Torwart Allison keine Anstalten machte, die Torlinie zu verlassen (50.).

Erst nach diesem 1:1 rührten die Brasilianer wieder die Trommeln zum Angriff - allerdings gegen eine Schweizer Mannschaft, die nun mit größerer Selbstsicherheit verteidigte. Neymar traf in der 58. Minute aus spitzem Winkel nur das Außennetz - und schüttelte dann seinen Manndecker Behrami ab, der nach dem x-ten Foul die gelbe Karte sah und von Trainer Petkovic vorsichtshalber ausgewechselt wurde. Anschließend zwang Neymar Torwart Sommer zu einer Parade bei einem 20-Meter-Schuss (77.), danach schickte Tite den früheren Hoffenheimer Roberto Firmino für Gabriel Jesus aufs Feld, der es nach einem Pass des ebenfalls eingewechselten Mittelfeldspielers Fernandinho aus zu spitzem Winkel versuchte (81.). Neymar scheiterte noch nach einer Flanke von Willian aus acht Metern per Kopf, ebenso Miranda in der Nachspielzeit mit einem 14-Meter-Schuss nach einer Ecke. Ansonsten hielt die Schweizer Abwehr. Und das bedeutet in Summe: Brasilien muss schon am Freitag gegen Costa Rica sein Steigerungspotenzial abrufen. Die gute Nachricht aus brasilianischer Sicht: Es ist sehr viel davon vorhanden.

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