DFB-Elf bei der WM Das Bewährte reicht nicht mehr

Joachim Löw: War mit seiner Aufstellung berechenbar.

(Foto: REUTERS)

Joachim Löw muss einen Richtungswechsel einleiten, damit das deutsche Team bei der WM noch Chancen hat. Der Bundestrainer kann nicht mehr so weitermachen wie in den zwölf Jahren zuvor.

Kommentar von Philipp Selldorf, Moskau

Wenn die Soziologen recht haben, dann bekommt Deutschland ein Problem mit der alternden Gesellschaft. Am Sonntagabend in Moskau hat es allerdings danach ausgesehen, als behielten die Soziologen sogar noch früher recht, als sie es selbst vorhergesagt hatten. Deutschland hat alt und schwer und erschöpft ausgesehen auf dem Rasen des Luschniki-Stadions, und als die Spieler zur Pause gingen, da konnte man anhand der nachdenklich in die schützende Kabine schleichenden Männer meinen, dass an diesem Ort eine Ära zu Ende gegangen wäre.

Im Luschniki wurde gerade Geschichte geschrieben, so wirkte das. Die Generation der Spieler, die als junges, erfrischendes Team bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika angetreten war, um die Welt zu erobern und dies ja auch 2014 in Rio de Janeiro geschafft hatte, die schien jetzt dringend reif dafür zu sein, um abzudanken. Mancher am besten noch in Moskau in der Halbzeitpause.

Für Abschiedsgesänge ist das Turnier ein wenig zu jung. Die Titelverteidigung ist noch möglich, auch wenn das an diesem Abend klingt, als würde der Abstiegskandidat die rechnerische Möglichkeit aufs gesicherte Mittelfeld beschwören.

Doch es ist auch nicht so, als wäre diese stellenweise erschreckende und entlarvende Darbietung des Weltmeisters gegen ein in den wesentlichen Momenten physisch und spielerisch überlegenes Mexiko vollkommen überraschend gekommen. Anzeichen, dass dieses Team die Spuren der Vergänglichkeit in sich trägt, drängten sich zuletzt häufig auf. Einige der wichtigen Akteure geben die Klasse, die sie in ihren besten Tagen hatten, schon länger bloß noch als Erinnerung zu erkennen. Das kann mit aktueller und anhaltend schlechter Form zu tun haben - oder mit der unschönen Tatsache, dass auch diese großen Fußballer dem Prozess des Älterwerdens nicht entkommen. Manche Spieler, Mesut Özil, Thomas Müller oder Sami Khedira mittendrin, bewegten sich mit einer Dynamik, als hätten sie gerade erst gestern eine sehr, sehr kräfteraubende Saison beendet.

Es gibt noch hungrige Spieler

Dass die ganze Welt schon seit Anbruch des Wochenendes Jogi Löws Aufstellung für dieses Spiel kannte, konnte man einerseits als Zeichen eines klaren, verlässlichen Kurses deuten - andererseits aber auch als Beleg einer Berechenbarkeit, die ins Mut- und Fantasielose reicht. Dabei ging es nicht bloß um das Versäumnis, für den hoffnungsvollsten WM-Debütanten einen Startplatz geschaffen zu haben - den auch schon 29 Jahre alten Marco Reus. Sondern um die grundsätzliche Festlegung, unbedingt am Bewährten festhalten zu wollen.

Auf Leroy Sané von Manchester City (in Englands Premier League der Nachwuchsspieler der Saison) als den Vertreter einer neuen und anderen Generation, hat Löw erstaunlicherweise verzichtet. Aber der 58-Jährige hat für die nächsten Gruppenspiele gegen Schweden und Südkorea noch genügend andere Spieler im Kader, die hungrig darauf sind, die Welt des Fußballs noch zu erobern.

Er wird sich jetzt etwas einfallen lassen müssen, der Bundestrainer. Seine Wir-werden-bereit-sein-Parole, die er kurz vor Turnierstart offenbarte, wurde von den Mexikanern ad absurdum geführt. Löw hat sich zum Einstieg ins Turnier zu sehr darauf verlassen, dass seine Auswahl zuvor meist dann, wenn sie in die Pflicht genommen wurde, ihre Kräfte bündeln konnte. Jetzt aber muss er abrupt einen Richtungswechsel inszenieren. Es geht in diesem Turnier nicht mehr lange weiter, wenn er so weitermacht wie in seinen zwölf Amtsjahren zuvor.

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