Fußball-Regionalliga:Demütiger Dorfklub

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Eingeschworen: Die Pipinsrieder bejubeln das Tor zum 3:1 in Heimstetten durch Lucas Schraufstetter (Zweiter von links).

(Foto: Sven Leifer/foto2press/imago)

Der FC Pipinsried startet furios in die Saison - und seine Spielersperren wegen vergessener Passanträge wurden nach einem Einspruch stark verkürzt.

Von Christoph Leischwitz

Der Trainer verhält sich auffällig unauffällig. Andreas Thomas ist ohnehin noch nicht so bekannt in der Fußball-Regionalliga Bayern. Erstens, weil er sich mit dem FC Pipinsried vergangene Saison ja noch in der Bayernliga aufhielt, sich monatelang in einer Art Tabellenführungs-Quarantäne befand und ewig auf den Aufstieg warten musste, ohne noch einmal raus auf den Platz gehen zu dürfen; zweitens, weil der 39-Jährige zuvor im Nachwuchs des FC Ingolstadt gearbeitet hatte und danach mit dem SV Manching in drei Jahren nicht über die Landesliga hinauskam.

Am Dienstagabend nun bestritt Thomas in der Regionalliga sein erstes Derby - zumindest fühlte sich das Spiel beim gut 50 Kilometer entfernten SV Heimstetten wie ein echtes Derby an, es ging in Sachen Zweikämpfe und auch verbal hoch her, zum Beispiel, als sich der ehemalige Pipinsrieder auf der Bank der Heimstettner, Marco Bläser, in der Pause mit den Gästefans anlegte.

Als Lucas Schraufstetter zwei Minuten nach dem 1:2 der Gastgeber das vorentscheidende 3:1 erzielte (74.), da rannte die Mannschaft kollektiv an der Heimstettner Bank vorbei zu den mitgereisten Anhängern, die direkt dahinter standen. Trainer Thomas aber stand fast immer ruhig am Seitenrand und kaute konzentriert Kaugummi. Am Dienstag musste er ein Ersatzleibchen überstreifen, weil er ein trikotähnliches Shirt trug. Fast wirkte es, als käme ihm das Unscheinbare zupass. "Demut!", sagt dann auch der Sportliche Leiter des FC Pipinsried, Tarik Sarisakal. "Die ist ganz wichtig, damit hält man die Spannung hoch."

Pipinsried kommt als eingeschworene Gemeinschaft daher

Dummerweise fällt Pipinsried in der Tabellen-Momentaufnahme nach drei Spieltagen ziemlich auf. Drei Favoriten stehen ganz vorne: Bayreuth, Bayerns U23, Schweinfurt - dann folgt schon der Klub aus dem Dachauer Hinterland. Dabei hatten zahlreiche Leistungsträger den Verein nach dem Aufstieg verlassen, auch wegen der ungewissen finanziellen Zukunft. In Pipinsried sind sie stark abhängig von den Zuschauerzahlen, eine feste Etatplanung war pandemiebedingt kaum möglich. Die Kadersuche war Flickwerk, und zum Auftakt herrscht Personalnot: Die Rückkehrer Atdhedon Lushi und Marian Knecht sind noch verletzt, und eine organisatorische Panne gab es auch noch: Albano Gashi und Dominik Schröder waren gesperrt worden, weil das FC-Präsidium vergessen hatte, rechtzeitig die Passanträge zu stellen. Allerdings wurde die Strafe nach einem Pipinsrieder Einspruch stark verkürzt, Gashi stand in Heimstetten in der Startelf, wenn auch auf der linken Außenbahn an ungewohnter Stelle. Gerade deswegen griff der Trainer ihn hernach als positives Beispiel heraus: "Nicht seine Favoriten-Position. Aber er macht alles für die Mannschaft."

Der Trainer, sagt der Chef Sarisakal, habe mit seiner stoischen Ruhe und seiner Sachlichkeit alles im Griff, und man sehe, dass die ersten Rädchen ineinander griffen. Aber für die Stimmung sei nicht der Trainer zuständig, "sondern die Spieler zwölf bis zwanzig". Die Einwechslungen funktionieren, alle scheinen hochmotiviert und mit ihrer Rolle zufrieden zu sein. Pipinsried kommt als eingeschworene Gemeinschaft daher, die ja auch zum Auftakt beim 1. FC Nürnberg II nie die Moral verlor und nach einem 0:2-Rückstand noch punktete.

"Es hat sich in den letzten zwei, drei Wochen schon enorm etwas entwickelt, vor allem im Mannschaftsgefüge", sagt Thomas. "Erfolg macht größer", findet der Coach, und einige Spieler strotzen offenbar ohnehin vor Selbstvertrauen. "Ich habe in den letzten drei Jahren vielleicht fünf Spiele verloren", sagte Angreifer Pablo Pigl, der gegen Heimstetten doppelt traf (25., 41.) und 2019 auch schon mit Türkgücü München einen Aufstieg feierte. So erfolgreich werde die Saison nun zwar kaum laufen mit dem Außenseiter-Dorfklub, aber: "Es gibt doch keinen Grund, jetzt weniger selbstbewusst weiterzumachen." Spielerisch sei sogar noch mehr drin als in den ersten Spielen, glaubt der 29-Jährige.

Am kommenden Samstag empfängt Pipinsried den Aufsteiger SC Eltersdorf. "Da sind wir erstmals in einer Rolle, die mir gar nicht gefällt", sagt Sarisakal: in der des Favoriten.

© SZ/lein/sewi
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