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Fußball-EM:Die Uefa sendet nur, was der Uefa gefällt

England v Russia - Group B: UEFA Euro 2016

Fans randalieren, im Fernsehen sieht man: nichts. Die Uefa will ja ihr Produkt EM verkaufen.

(Foto: Getty Images)

Der europäische Fußballverband will sein Produkt EM verkaufen, also zeigt er die Ausschreitungen im Stadion nicht. Was soll das?

Es waren erst ein paar Sekunden nach dem Spiel England gegen Russland vergangen, als der ZDF-Kommentator Oliver Schmidt zum Radioreporter wurde. Schmidt fing an, Szenen zu beschreiben, die der Zuschauer nicht sehen konnte, sie handelten von der Tribüne "rechts von mir", wie Schmidt sagte und er beschrieb, wie sich die besagte Tribüne schnell leerte, und dass es offenbar Randale gab. Schmidt sagte auch, warum er diese Szene beschreiben musste, denn im Fernsehen sah man Spieler auf dem Rasen. Im Bild war alles in Ordnung.

Der Grund, warum Schmidt zum Radioreporter werden musste: Die Uefa bestimmt das Bild, das aus den Stadien gesendet wird. Und der europäische Fußballverband zeigt nur, was er zeigen will. Technisch funktioniert das so: Es gibt ein sogenanntes Weltbildsignal, das eine Produktionsfirma im Auftrag der Uefa mit 35 Kameras produziert. Dieses Signal übernehmen die übertragenden Sender, auch das ZDF. In Marseille hatte das ZDF zwar ein eigenes Kamerateam vor Ort, allerdings für Interviews und Einschätzungen, nicht, um den Stadioninnenraum zu filmen. Das wäre theoretisch auch möglich, bis zu zehn eigene Kameras dürfen ARD und ZDF platzieren, allerdings bedeutet das einen Aufwand, der sich fast nur bei Spielen der deutschen Mannschaft rechtfertigen lässt.

Keine Flitzer, keine Bengalos, keine politischen Plakate

Fast alles, was über den deutschen Fernseher läuft, ist also das Weltbildsignal der Uefa und das ist kein journalistisches. Die Uefa will ihr Produkt Europameisterschaft verkaufen und da sind Bilder von prügelnden Fans nicht förderlich. Also versucht man, sie zu unterdrücken. Was in Marseille passiert ist, weiß man, weil es unabhängige Fotografen auf Bildern oder Fans auf Smartphone-Videos festgehalten haben. Das bedeutet: Der Zuschauer muss den Fernsehbildern misstrauen. Die Uefa sendet nur, was der Uefa gefällt.

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Natürlich muss man die Gewalt nicht glorifizieren, man muss keinen Voyeurismus bedienen und Schlägern eine riesige Bühne geben. "Wir wollen nicht, dass Szenen von Gewalt im Fernsehen zu sehen sind", teilte die Uefa am Sonntag mit. Aber es gibt eben Abstufungen zwischen einer verherrlichenden Darstellung und überhaupt keiner Darstellung. Konsequent zu Ende gedacht bedeutet diese Strategie: Wenn die Uefa eine Bildregie wie in Marseille bei jedem Spiel durchzieht, dann könnte es bei jedem EM-Spiel Ausschreitungen geben und am Ende hätte der Zuschauer eine friedliche EM gesehen.

Es gibt klare Regeln der Uefa für das Weltbild: Keine Flitzer, keine bengalischen Feuer, keine politischen Plakate, keine Schlägereien. Auch leere Ränge passen nicht in das gewünschte, saubere Bild, das Veranstalter und Sponsoren sehen wollen. "Ich weiß definitiv, dass es für das Weltbild eine klare Ansage der Uefa gibt, was gezeigt werden darf und was nicht", sagte der preisgekrönten Live-Regisseur Volker Weicker in einem Interview mit der FAZ.

Neu ist das nicht. 2012 bei der Europameisterschaft in der Ukraine hielten zum Beispiel die Grünen-Europaabgeordneten Rebecca Harms und Werner Schulz in Charkow ein Transparent hoch, mit denen sie "Fairplay in Fußball und Politik" forderten, ein Protestbanner gegen den Umgang mit der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko. Der Fernsehzuschauer bekam es mit, weil es ZDF-Reporter Béla Réthy erzählte. Auch dort wurden Flitzer, leere Tribünen, Bengalos nicht gezeigt. Es ist gut möglich, dass die Kommentatoren von ARD und ZDF bei der EM 2016 noch häufiger zum Radioreporter werden müssen.

Nachtrag: Die ARD hat inzwischen Bilder des Vorfalls von einer nach eigenen Angaben exklusiven ARD-Kamera veröffentlicht.