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Fußball:Doping im Fußball: Dutzende Hinweise, eisernes Schweigen

Müll aus dem Hotel der ukrainische Fußball-Nationalmannschaft

Aus einem Müllsack vor dem Teamquartier der Ukrainer: Schmerzmittel, Entzündungshemmer und Infusionslösungen.

(Foto: Jannik Jürgens/Correctiv.org)
  • Vor zehn Jahren deckten spanische Ermittler das Doping-Labor des Artzes Eufemiano Fuentes auf.
  • Obwohl es eindeutige Hinweise gab, dass er auch Fußballer betreut haben soll, wurden die Akten geschlossen.
  • Seitdem gibt es zahlreiche weitere Hinweise auf Doping im Fußball.

Anfang Juli 2006. Die Sportwelt ist zerrissen zwischen zwei Brennpunkten. Während Deutschland im WM-Sommermärchen-Taumel liegt, bricht im Nachbarland Frankreich die Realität des Sportbusiness auf. Zum Start der Tour de France wird die Affäre um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes publik, sie beendet über Nacht die Karrieren von Dutzenden von Radsporthelden, darunter die der deutschen Ikone Jan Ullrich. Im Sog der Enthüllungen gehen bald komplette Rennställe wie das Team Telekom unter.

Aber Radsport und Fußball - sind das im Hinblick auf Doping nicht ganz verschiedene Welten? Klar doch: Das erzählt die Ballbranche seit Jahrzehnten; auch im Juli 2006 ist das die Wahrnehmung. Und so findet am Tag des Halbfinales Deutschland - Italien auch kein Gehör, was in Madrid der aus der Untersuchungshaft entlassene Blutpanscher Fuentes im Radiosender Cadena Ser bezüglich seiner Klientel enthüllt: "Auch andere Sportarten wurden betreut, insbesondere Fußballer. Namen, die auftauchen müssten, wurden noch nicht genannt - ich weiß nicht, warum!"

"Man hat mich dreimal mit dem Tode bedroht, es wird kein viertes Mal geben"

Diese Namen, angeblich viele Nationalspieler diverser Länder, fallen nie. Als die Fuentes-Causa den Fußball erfasst, gehen im Königreich die Schranken der Justiz runter; alle Akten wandern sofort unter Verschluss. Dabei ist gesichert, dass Fuentes dort auch im Fußball tätig und sehr begehrt war - so wie andere spanische Dopingärzte, die noch aufflogen. Aber auch Fuentes lernte seine Lektion. Zwar hatte er in der französischen Zeitung Le Monde über Dopingpraktiken von Barcelona bis Madrid ausgepackt. Eingedenk einer Klagewelle der Klubs besann er sich um und zog vor Gericht Teile seiner Aussagen zurück, auf anwaltlichen Rat und auch aus Angst: Als ihn in Madrid die Richter fragten, ob er Kontakt mit Real habe, verwies Fuentes auf eine Äußerung, die er auch schon in der Zeitung gemacht hatte: "Man hat mich dreimal mit dem Tode bedroht, es wird kein viertes Mal geben."

Le Monde wurde in Madrid und Barcelona zu Schadenersatzzahlungen verdonnert; dabei hatten die Richter es dem Blatt untersagt, Beweise vorzulegen. Weil der Fußball so staatstragende Relevanz besitzt im iberischen Doping-Paradies, zog die Zeitung vor den Europäischen Gerichtshof. Doch bis die Sache entschieden ist, dürften alle Beteiligten in Rente sein.

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Wie die Akteure bei Real Sociedad Sebastian, wohin Fuentes, wie 2013 publik wurde, von 1999 bis 2005 Dopingmittel geliefert hatte. Der frühere Klubchef Inaki Badiola hatte die Buchprüfer Ernst & Young auf die Bilanzen angesetzt, sie fanden Schwarzgeldzahlungen von bis zu 328 000 Euro pro Saison an Fuentes. In der Saison 2002/03, im Jahr der heftigsten Fuentes-Versorgung, schrammte der Erstligist haarscharf am Meistertitel vorbei. Die gefeuerten Teamärzte tauchten im Radsport unter. Die Profis jener Zeit aber versicherten, wie der langjährige Nationalspieler Xabi Alonso, der dort von 1999 bis 2004 wirkte: "Ich habe niemals Doping bei Sociedad gesehen. Die Vorwürfe sind absolut falsch!"

Trotz der Beweislage hielt sich die Fußballindustrie die Causa Fuentes locker vom Hals. Dank der Kraft des Geldes, der Politik und der Sportmedien, für die Fußball Religion ist: Der Großteil fühlt sich als Teil dieser Familie und agiert auch so.

Doping-Guru Fuentes arbeitete mit mafiöser Präzision. In Deutschland und Italien hatte er eigene Statthalter; abgewickelt wurden die Schmutzgeschäfte über Konten bei einer Genfer Bank. Zwar rollten Gerichte sein Treiben vom Radsport bis zur Leichtathletik auf, aber der Fußball blieb unangetastet. Und Fuentes unbehelligt von Klagen - das ist ein Kernmerkmal des Fußballdoping-Problems. Denn wer einen Dopingarzt verklagt, spielt mit der Büchse der Pandora: Was, wenn der in Bedrängnis Geratene seine Patientenakte öffnet?

Entlarvend ist eine WM-Studie der Fifa 2014

Drei Dinge sind passiert, seit die Affäre abgewürgt wurde. Die athletische Entwicklung im Fußball nahm so dramatisch zu, dass die Fifa selbst in ihrem Wissenschaftsreport zur WM 2014 das alte Branchen-Mantra pulverisierte: "Talent und Technik allein reichen heute nicht mehr aus. Junge Spieler müssen hart arbeiten, um vielseitige Athleten zu werden und den Sprung zum Weltklassespieler zu schaffen."

Zweitens: Spaniens Fußball dominierte die Branche wie niemand zuvor. Die Nationalelf holte EM- und WM-Titel, Endspiele in Europas Spitzenklasse gerieten zu Lokalderbys; auch didaktisch regieren Apologeten des spanischen Energiefußballs. Drittens: Es gibt kaum noch Dopingfälle. Es ist bloß so, das der Fußball allein bestimmt, was ein Dopingfall ist. De facto kontrolliert sich diese Milliardenindustrie selbst.

Zugleich wimmelt es von handfesten Hinweisen, es gibt alarmierende Erhebungen. Etwa die Blut-Studien zu den EM-Endrunden 2008 in Österreich/Schweiz und 2012 in Polen/Ukraine: Beim Turnier 2008 wiesen rund 40 Profis auffällige Blutwerte auf; Hämoglobinwerte nahmen im Turnierverlauf sogar zu - statt ab. Erklärt wurde das mit Dehydration: Die Kicker hätten, in der gemäßigten Alpenklimazone, so viel Flüssigkeit verloren, dass ihre Werte anstiegen. Das sollte auch ähnliche Messungen in der Studie 2012 erklären, genaue Zahlen wurden nicht mal mehr genannt. Bizarr: Selbst Spitzendoper mit viel größerer Belastung wie Lance Armstrong hatten niedrigere Werte (und deshalb ständig mit Mikrodosen "nachgedopt").

Entlarvend aber ist die WM-Studie der Fifa 2014. Sie liefert ein Resultat, das offen den Dopingverdacht nährt: Die Brasilien-Werte wiesen, so schreiben die Wissenschaftler, "im Gegensatz zu dem, was bei der Euro 2008 gezeigt wurde, keinen signifikanten Effekt des Wettkampfs auf die Werte der kritischen Blutparameter auf". Hat sich also die Blutbildung der Spezies Mensch binnen sechs Jahren so dramatisch verändert? Oder war es 2008 im Salzkammergut heißer als im Amazonasbecken rund um Manaus im Jahr 2014?

Im Herbst 2015 kam dann eine Hormon-Langzeitstudie ans Licht, in Auftrag gegeben von der Uefa. Sie legt massiven Steroid-Missbrauch nahe. Experten aus zwölf Dopinglaboren ermittelten auffällige Testosteronwerte in 7,7 Prozent von 4195 anonymisierten Urinproben der Jahre 2008 bis 2013. Die Proben stammten von 879 Spitzenkickern, die größtenteils in Europas Topwettbewerben spielten, in Champions- und Europa League. Direkte Dopingnachweise sind auch das nicht, wohl aber Indizien für eine starke Verbreitung von Steroiden in der Branche. Das müsste Untersuchungen zur Folge haben. Aber kaum war Alarm, wiesen Wissenschaftler auf allerlei "Unsicherheitsfaktoren" hin, wie unterschiedliche Gütestandards der Labore.

Der Spitzensport bricht gerade unter Dopingenthüllungen zusammen - und nur der Fußball bleibt sauber?

Was die Frage aufwirft, auf welcher Qualitätsgrundlage dem Fußball ständig absolute Reinheit attestiert wird. Zumal Dopingtests ohnehin nahezu ineffektiv und viele Stoffe gar nicht nachweisbar sind. Und die Blutpässe, die der Fußball seit kurzem führt, sind nachweislich mit Mikrodosierungen sehr wirksam zu unterlaufen.

Als im Mai die deutsche Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) positive Hormonwerte bei Frankfurts Profi Marco Russ ermittelt hatte (die postwendend mit einer Tumorerkrankung erklärt wurden), informierte sie, ganz im Sinne des neuen Anti-Doping-Gesetzes, die Staatsanwaltschaft. Und zugleich den Deutschen Fußball-Bund, der sofort den Klub kontaktierte. Ungeachtet des konkreten Falles: Razzien bei Personen, die vorab informiert werden, darf man sich sparen. Der Vorgang entlarvt das neue deutsche Gesetz als Witz.

Nur Wochen zuvor schien in England eine Bombe zu platzen. Sunday Times und ARD hatten mit versteckter Kamera den Londoner Arzt Mark Bonar gefilmt, der erzählte, er habe Profis diverser Premier-League-Teams gedopt: neben Chelsea, Arsenal, Birmingham auch welche von Überraschungsmeister Leicester City. Ein Wichtigtuer? Bonar, Frauenarzt wie Fuentes, rezeptierte den Undercover-Rechercheuren Dopingmittel über eine an seine Praxis angeschlossene Apotheke. Und Chelseas Ex-Fitnesscoach Rob Brinded, seit Jahren in Spanien tätig, bestätigte den Lockvögeln, Bonar kümmere sich um solche "Dinge".

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Die Klubs verwahrten sich öffentlich gegen Bonars Aussage. Aber: Keiner klagte. Schade. Denn nur wo geklagt wird, wird ermittelt; England hat nicht mal ein Anti-Doping-Gesetz. So bleiben Bonars Patientenakten geschlossen. Wie die von Fuentes.

Und Frankreich? Bestreitet die EM ohne Mamadou Sakho. Der Verteidiger des FC Liverpool war im März in der Europa League positiv auf einen Fettverbrenner getestet worden - vier Wochen Sperre. Er verzichtete auf Öffnung der B-Probe - und verpasst die EM. Was hatte er drin? Fettverbrenner kann vieles sein, von Ernährungszusätzen über Ephedrin bis zu Wachstumshormonen. War es nur ein Lapsus: Warum verzichtete er so klaglos auf die Heim-EM? War es ein hartes Delikt, wäre über Versorgungswege und Hinterleute zu reden, und darüber, wie einem Elitekicker in Europa so eine Panne passieren kann. Aber Genaues ist ja nicht bekannt.

1998 gewann Frankreich die WM im eigenen Land. Danach startete die Tour de France - mit der großen Festina-Dopingaffäre. An deren Ende wurden 60 Personen verurteilt. Patrick Keil, der Ermittlungsrichter, sagte Jahre später: Jeder Radprofi, den er vernahm, habe versichert, dass insbesondere Fußballer dieselbe Pharmabehandlung pflegten wie sie selbst. Keil bedauerte, damals vor dem enormen politischen Druck eingeknickt zu sein. Weil Frankreich Weltmeister war, "konnte diese Komponente nicht untersucht werden".

In Aix-en-Provence im EM-Land haben nun gerade Mitarbeiter des Recherchekollektivs Correctiv Müllsäcke vor dem Teamquartier der abgereisten Ukrainer inspiziert. Sie fanden neben Trikotage und einer Kapitänsbinde der Uefa benutzte Spritzen, Packungen zu 14 Medikamenten und kleine Ampullen mit klarer Flüssigkeit, berichteten die Journalisten. Explizit Verbotenes sei nicht dabei gewesen, dafür Schmerz- und Entzündungshemmer und Infusionslösungen. Infusionen sind nur in engem Rahmen erlaubt. Bei anderen Teamquartieren war kein Zugang zum Hotel-Müll möglich, berichten sie. Am Donnerstag verkündete die Uefa: Alle 1818 Dopingtests bei den EM-Teilnehmern waren "ausnahmslos negativ". Ruhig Blut, Fußball.

Der Spitzensport bricht gerade zusammen unter globalen Dopingenthüllungen. Reihenweise werden Labore gesperrt und olympische Bannsprüche für ganze Nationalteams diskutiert. Aber der Fußball, die ertragreichste Körpermesse von allen, freut sich aufs nächste Match. Hier ist alles unter Kontrolle.