Fußball-Bundesliga Warum Werder Bremen plötzlich so gut ist

Sind bei Werder Bremen derzeit für die Tore zuständig: Max Kruse (links) und Gratulant Fin Bartels.

(Foto: imago)
  • Noch zur Winterpause galt Werder Bremen in der Bundesliga als Abstiegskandidat. Dann hat sich die Saison gedreht.
  • Mittlerweile kämpft Bremen um den Europacup. Einige glauben, das hat mit dem Trainer zu tun.
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Von Ralf Wiegand, Bremen

Die Statistiken, die sich in jüngster Zeit um Werder Bremen herumstricken lassen, sind voller Superlative, wie man sie sonst nur aus dem Tierreich kennt. Dort war vor Kurzem etwa von einer Ameise zu hören, die das Hundertfache ihres Gewichts geschleppt hat - ein Wissenschaftler hat das fotografiert und dafür einen Wissenschaftspreis gewonnen. Werder Bremen zählt seit sieben Jahren, als mit der Saison 2009/2010 eine Ära des Erfolges endete, auch zu den kleinen Tieren im großen Fußball, nur ohne Superkräfte: Der Verein wurde schon vom eigenen Gewicht fast erdrückt. Nie mehr erreichte der viermalige Meister auch nur annähernd das Niveau von damals. Bis heute.

Irgendjemand, dieser Verdacht liegt nahe, hat eine fundamentale Veränderung an der Weser herbeigeführt, und offenbar glauben einige Menschen, dass das der Trainer war. Alexander Nouri, 37, ist dafür von (zugegebenermaßen sehr wenigen) Lesern des Sat 1-Videotextes sogar vorzeitig zum Trainer der Saison gekürt worden, eine sinnfreie Spielerei.

Allerdings muss den Wählern ihr Votum schon ein ernstes Anliegen gewesen sein, denn jeder musste 25 Cent bezahlen, um per Telefon seine Stimme abzugeben. Nouri hatte die Mannschaft vor dem fünften Spieltag auf Platz 18 übernommen, mit null Punkten; nach dem 20. Spieltag lag sie noch immer auf dem Relegationsplatz. Nun spielt sie an diesem Freitag beim 1. FC Köln mal wieder ein sogenanntes Sechspunktespiel - diesmal aber nicht im Kampf um den Klassenerhalt, sondern um die Qualifikation für die Europaliga.

Werder gewann neun von elf Spielen

Seit jenem 20. Spieltag hat Werder keines der folgenden elf Spiele mehr verloren, sogar neun gewonnen. 29 Punkte in dieser Phase sind die beste Bilanz aller Bundesligisten, sogar der FC Bayern München holte fünf Punkte weniger. Das lässt sich noch weiter spinnen: Nur zwei Klubs in den anderen großen europäischen Ligen haben in dieser späten Saisonphase im vergleichbaren Zeitraum - den letzten elf Spielen - mehr Punkte geholt als die Bremer: AS Monaco und Tottenham Hotspur. Auch im internationalen Maßstab ist die Serie der Bremer also bemerkenswert, zumal gegen Ende einer Spielzeit, in der den Ameisen aus dem Prekariat des Fußballs normalerweise die Kraft ausgeht.

Wenngleich alles so aussieht wie früher und sich im dauerfrohen Weserstadion auch so anfühlt wie früher - es ist doch alles anders als früher. Werder Bremen hat sehr lange gebraucht, um sich vom Stil der Nuller-Jahre zu verabschieden. Damals verfügten die Bremer über eine der spielstärksten Mannschaften der Liga, technisch beschlagen, offensiv und dominant. Über viele Jahre kickten herausragende Akteure an der Weser, denen noch heute die größtmögliche Verehrung zu Teil wird, Johan Micoud etwa, der Brasilianer Diego, Mesut Özil am Beginn seiner Kariere, der junge Pizarro, der verrückte Ailton, der besessene Torsten Frings. An der Philosophie, dass solche Leute immer in der Lage sind, ein Tor zu erzwingen, wenn sie nur bedingungslos nach vorne spielen, hielten die Trainer von Thomas Schaaf bis zu Nouris Vorgänger Viktor Skripnik eisern fest. Sie ignorierten, dass die Abwehr, in der Bremen eine nicht minder beeindruckende Ahnengalerie von Rune Bratseth über Per Mertesacker bis zu Sokratis aufweist, ihren Beitrag zu diesem Hasardeurspiel schon nicht mehr leisten konnte, und die Genies, eines nach dem anderen, verkauft werden mussten, um fehlende Erfolge finanziell zu kompensieren.

Robin Dutt (Trainer) und Thomas Eichin (Sportdirektor) verzweifelten fast an dieser nostalgischen Sehnsucht nach dem schönen Spiel und redeten den Klub klein und kleiner, bis er sportlich tatsächlich ein Zwerg war. Dutts Nachfolger Skripnik, ein so genanntes Werder-Urgestein, beschwor indes das alte, wunderbare Werder. Es trug ihn fünf glorreiche Spiele, dann rutschte das Team wieder ab. Eine Balance für die neue Zeit fand auch er nicht.

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Alexander Nouri ist nun der erste Trainer, der sich auf die Verhältnisse eingestellt und die Bremer Mannschaft stabilisiert zu haben scheint. "Wir lauern wie eine Schlange und schlagen zu, wenn wir die Chance kriegen", beschreibt der Däne Thomas Delaney diese Qualität. In lediglich zwei jener elf Spiele ohne Niederlage stehen in den Statistiken mehr Torschüsse für Werder als für den Gegner; acht Mal kamen die Bremer zu weniger Eckstößen, nur zwei Mal liefen die Profis in Grün-Weiß aufaddiert mehr als das andere Team. Daten einer klassischen Kontermannschaft.