French Open:Gut, wer ein Franzose ist

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French Open: Der Court Philippe Chatrier unter Flutlicht.

Der Court Philippe Chatrier unter Flutlicht.

(Foto: Christophe Ena/AP)

Bei keinem Grand-Slam-Turnier nutzen die Gastgeber den Heimvorteil aus wie der französische Tennisverband in Paris. Selbst kaum bekannte Profis dürfen in den Arenen spielen, während Spitzenkräfte auf die Außenplätze müssen.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Bei den French Open findet an zehn Abenden während des zweiwöchigen Grand-Slam-Turniers eine sogenannte Night Session statt. Die Ansetzungen der Matches im Flutlicht lauteten bislang: Am Montag spielte Titelverteidiger Novak Djokovic gegen den Japaner Yoshihito Nishioka. Am Dienstag der Weltranglisten-Vierte Stefanos Tsitsipas gegen den Italiener Lorenzo Musetti. Am Mittwoch der 13-malige Turniersieger Rafael Nadal gegen den Franzosen Coretin Moutet. Am Donnerstag durften erstmals zwei Frauen auf den Court Philippe Chatrier. Aus Sicht des Veranstalters ergab auch diese Zuteilung absolut Sinn.

Es sprach zwar nicht viel dafür, die 24-jährige Lettin Jelena Ostapenko für eine Zweitrundenpartie auf die größte Bühne hier zu schicken. Sie gewann vor fünf Jahren in Paris den Titel, das schon. Aber andere Namen lassen sich, bei allem Respekt, besser verkaufen. Dass es um Tickets, Quote und Kommerz geht, lässt sich ja nicht von der Hand weisen: Amazon Prime überträgt die nächtlichen Spiele. Ostapenko, die Nummer 13 der Welt, spielte gegen die Nummer 40, auch das hätte gegen eine Wahl dieses Duells auf diesem Platz gesprochen. Aber: Die Nummer 40 ist Alizé Cornet. Eine Französin.

French Open: "Ich habe Gänsehaut und fast Tränen in den Augen": Alizé Cornet durfte in der Night Session spielen - und ließ sich von den Zuschauern zum Sieg gegen Jelena Ostapenko tragen.

"Ich habe Gänsehaut und fast Tränen in den Augen": Alizé Cornet durfte in der Night Session spielen - und ließ sich von den Zuschauern zum Sieg gegen Jelena Ostapenko tragen.

(Foto: Clive Brunskill/Getty Images)

Die Partie verlief exakt so, wie das der Veranstalter gerne sieht. Der erste Satz ging vielleicht etwas schnell, 6:0 für Cornet. Aber er entfachte Begeisterung. Ostapenko gewann Satz zwei, was gut für eine längere Matchdauer sowie TV-Übertragung war. Den Sieg holte mit einem 6:3 im dritten Satz Cornet. Die Menge tobte einmal so laut, dass sich Ostapenko herrlich theatralisch die Ohren zuhielt. Beim Handschlag schaute sie Cornet kaum an, entnervt verließ sie den Platz, während Cornet jubelte: "Ich habe Gänsehaut und fast Tränen in den Augen." Auch L'Équipe, die mächtige Sporttageszeitung, frohlockte im Titel: "Cornet hält den Tornado auf". Dieses Match war wieder ein Beispiel dafür, wie das in Roland Garros abläuft. Man kann festhalten: Die französischen Profis werden begünstigt.

Am Dienstag wurden zehn französische Spieler auf die drei größten Arenen verteilt

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass bei den vier Grand Slams, die es im Jahr gibt, jeder Gastgeber das Bestmögliche für die eigenen Landsleute unternimmt. In Melbourne, Wimbledon und New York machen sie das nicht anders. Und so lässt sich auch die FFT, die Fédération Française de Tennis, die Chance nicht nehmen, die eigenen Akteure zu stärken. Das fängt schon vor den French Open an. Je sechs Wildcards, freie Startplätze fürs Hauptfeld gingen an Französinnen und Franzosen. In der Qualifikation wurden 18 Wildcards an Vertreter des eigenen Verbandes vergeben. In Berlin, beim WTA-Frauenturnier, musste Sabine Lisicki, Wimbledon-Finalistin 2013, durchaus um eine Wildcard für die Qualifikation des Turniers im Juni kämpfen. Die FFT tut alles, um ihren Spielern zu helfen, für das Turnier bedeutet das vor allem: Möglichst viele sollen vom Heimvorteil und der Unterstützung profitieren und Erfahrung vor großem Publikum sammeln, was in der Praxis sehr gut funktioniert.

Am Dienstag etwa wurden zehn französische Spieler auf die drei größten Arenen verteilt. Cornet durfte schon da das erste Mal auf den Center Court. Die alten Recken Richard Gasquet und Gilles Simon ließen sich auf dem Court Suzanne Lenglen und dem Court Simonne Mathieu zum Sieg treiben. Der wuselnde, dauernd Stopps zaubernde Hugo Gaston wäre wohl nicht in Runde drei angelangt, hätten ihn die Zuschauer nicht auf Suzanne Lenglen mitgerissen. Nach seinem packenden Sieg gegen den Weltranglisten-19. Alex de Minaur aus Australien bat Gaston, die Nummer 74, auf dem Platz darum, dass alle seiner Freundin ein Geburtstagslied anzustimmen. Natürlich sangen alle.

Moutet lieferte auf dem selben Platz ein großes Match, er bezwang den früheren Paris-Champion Stan Wawrinka. Auch Diane Parry wuchs über sich hinaus, sie schaltete die Titelverteidigerin Barbora Krejikova aus Tschechien aus, auf Court Philippe Chatrier. Während ein spektakuläres Männerduell wie das zwischen dem Kanadier Denis Shapovalov und dem jungen Dänen Holger Rune, der gerade durch die Decke nach oben schießt, auf den kleinen Court 12 gequetscht wurde und die Schlangen sich stauten, spielte zeitgleich Tessah Andrianjafitrimo, die Nummer 141, im Court Simonne Mathieu.

French Open: "Immer wenn ich spürte, ich habe keine Energie mehr am Ende, nutzte ich die Menge": Gilles Simon nach seinem Zweitrundensieg gegen den Amerikaner Steve Johnson.

"Immer wenn ich spürte, ich habe keine Energie mehr am Ende, nutzte ich die Menge": Gilles Simon nach seinem Zweitrundensieg gegen den Amerikaner Steve Johnson.

(Foto: Thomas Samson/AFP)

Eine völlige Gerechtigkeit gibt es natürlich nie, was die Ansetzungen bei Grand Slams betrifft, deshalb sind sie auch oft Gegenstand von Debatten. Zudem muss man die FFT in Schutz nehmen. Ihre eigenen Spieler machen die Stadien eben randvoll. Und sie nehmen sich diese Freiheiten, weil sie es dürfen, es gibt keine Regularien für Ansetzungen, außer ungeschriebene. Nadal und Djokovic - auch Roger Federer, als er da war - spielen nur einmal auf Court Suzanne Lenglen, ansonsten nur auf Court Philippe Chatrier. Zudem, alle Entscheidungen der neuen Turnierdirektorin Amélie Mauresmo sind ja nicht falsch. Einige französische Spieler haben nichts anderes verdient, als in den Arenen gepriesen zu werden.

Vor allem das französische Männertennis steht vor einer Zäsur. 15 Jahre lang trugen Jo-Wilfried Tsonga, Gasquet, Simon und Gaël Monfils die Hoffnungen der Nation, sie hatten tolle Karrieren, auch ohne den ersehnten Grand-Slam-Sieg, als Ersatz holten sie immerhin den Davis Cup. Tsonga, 37, trat nun ab, sein letztes Match gegen den Norweger Casper Ruud wurde im Hauptstadion zu einem Fest, die Marseillaise wurde geträllert, Tränen flossen, als Familie und Weggefährten auf den Platz kamen und Federer per Videobotschaft Tsonga gratulierte.

Simon, 37, wird Ende der Saison in den Ruhestand gehen, auch er machte klar, welcher Faktor die Kulisse in Paris für ihn als Franzosen ist. Am Dienstag spielte er bis nach Mitternacht gegen den Spanier Pablo Carreno Busta und meinte nach dem 6:4 im fünften Satz, er habe für die Zuschauer gesiegt, die ihn so spät angefeuert hatten. Als er dann auch noch im Court Philippe Chatrier gegen den Amerikaner Steve Johnson gewann, sagte er: "Immer wenn ich spürte, ich habe keine Energie mehr am Ende, nutzte ich die Menge."

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