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Pussy-Riot-Musikerinnen:"Wir haben Beulen und Kratzer"

Die Pussy-Riot-Musikerinnen Tolokonnikowa (li.) und Aljochina verlassen maskiert die Polizeistation in Adler.

(Foto: AFP)

Die russische Polizei nimmt in Sotschi 15 Aktivisten fest und lässt sie wieder frei, darunter Mitglieder der Punkband Pussy Riot. Kritiker vermuten, die Regierung wolle vom Fall des verhafteten Umweltschützers Witischko ablenken. Dessen Verbleib ist rätselhaft.

Von Johannes Aumüller

Am Rand der Olympischen Spiele sind Polizei und Justiz so umfassend wie noch nie während der Veranstaltung gegen Aktivisten und Menschenrechtler vorgegangen. Insgesamt kam es seit dem späten Montagabend in Sotschi zu 15 vorübergehenden Festnahmen. Darunter waren auch die Mitglieder der russischen Musikgruppe Pussy Riot, Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina. Inzwischen sind die Verhafteten wieder freigelassen worden.

Schon verschiedentlich waren Kritiker der Spiele oder der gesellschaftlichen Situation in Russland in den vergangenen Monaten mit derartigen Aktionen eingeschüchtert worden. Diesmal kursiert unter Aktivisten zusätzlich die Theorie, dass es die große Aufregung um die im Westen so bekannten Musikerinnen just an diesem Tag gab, um von den Entwicklungen im Fall des verurteilten Umweltaktivisten Jewgenij Witischko abzulenken. Dessen Arrest hätte am Dienstag enden sollen, doch er kam nicht auf freien Fuß.

Witischko war ursprünglich wegen angeblicher Beschädigung eines Zauns verurteilt worden. Vor einer Woche hatte ein Berufungsgericht die Umwandlung der Bewährungs- in eine dreijährige Lagerhaft-Strafe bestätigt. Allerdings musste der Aktivist von der Umweltschutzorganisation "Ökologische Wacht im nördlichen Kaukasus", die in den vergangenen Jahren zahlreiche Umweltsünden rund um den Bau der Olympiastätten angeprangert hatte, in seiner nahe Sotschi gelegenen Heimatstadt Tuapse noch einen 15-tägigen Arrest absitzen, weil er an einer Bushaltestelle geflucht haben soll. Diese Frist endete am Dienstag um 13.20 Uhr.

Doch nach Lage der Dinge hatte ihn die Polizei schon zuvor in die Regionshauptstadt Krasnodar gebracht, wo es eine weitere gerichtliche Entscheidung gab. Seine Mitstreiter vermuten, dass Witischko nach dem Ende des Arrests überhaupt nicht mehr auf freien Fuß kommt, sondern direkt per Konvoi ins Straflager gebracht wird. Nach Darstellung seiner Organisation Ökowacht widerspricht das Vorgehen aber dem ursprünglichen Gerichtsurteil, wonach Witischko selbstständig hätte einrücken sollen - und er vor dem Beginn der Lagerhaft erst noch ein paar Tage in Freiheit hätte verbringen können. Bis zum Dienstagabend hatten die Anwälte von Witischko keine Kenntnis, wo genau der Aktivist sich befindet. Die als Pussy-Riot-Aktivistinnen bekannt gewordenen Tolokonnikowa und Aljochina waren am Dienstag gemeinsam mit acht anderen Personen im Zentrum von Sotschi festgenommen worden; darunter waren auch Semjon Simonow von der Organisation Memorial, der sich in den vergangenen Monaten für ausgebeutete Arbeiter eingesetzt hatte, sowie drei Journalisten, unter anderem einer von der regierungskritischen Nowaja Gazeta. Später bestätigte die Polizei, dass der Grund für diese Aktion ein Diebstahl in dem Hotel gewesen sei, in dem die Musikerinnen wohnten. Nach einem mehrstündigen Verhör auf dem Polizeiquartier in Adler wurden alle wieder freigelassen. Tolokonnikowa warf den Uniformierten brutale Gewalt vor: Sie sei mit dem Gesicht über das Parkett gezerrt und geschlagen worden. "Wir haben einige Beulen und Kratzer. Wir werden uns beschweren", sagte sie. Tolokonnikowa und Aljochina waren 2012 nach einem Anti-Putin-Auftritt in einer Moskauer Kirche wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" verurteilt worden und erst im Dezember im Zuge einer Amnestie freigekommen. Sie sagten, sie seien in den vergangenen Tagen bereits mehrmals festgehalten worden. Angeblich waren sie in der Stadt, um ein Video für ihren Song "Putin bringt dir bei, die Heimat zu lieben" zu drehen. Dieses Lied sangen sie auch, als sie die Polizeistation verließen. Bereits in der Nacht zum Dienstag hatte die Polizei zum wiederholten Mal Mitglieder der Umweltschutzorganisation Ökowacht kurzzeitig festgesetzt. Diesmal traf es unter anderem Olga Noskowetz, die angeblich mit mehreren Personen in einem Gebiet nahe des Olympischen Parks unterwegs war, wo sie sich nicht hätte aufhalten dürfen. Sie bestreitet diesen Vorwurf.

Angeblich waren auch Tolokonnikowa und Aljochina im Auto. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zeigte sich empört. "Unter Präsident Wladimir Putin werden die olympischen Ringe zu Handschellen", sagte ihr Sprecher John Dalhuisen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) müsse sich einschalten. Dalhuisen warf den russischen Behörden Menschenrechtsverletzungen vor, indem sie massiven Druck auf Aktivisten ausüben würden. "Es geht um Menschen, die nur ihre Meinung sagen", sagte er. Das IOC hatte nach Bekanntwerden des Vorgehens gegen Tolokonnikowa und Aljochina gesagt, das scheine ein "Fall für die lokalen Behörden" zu sein. Auch zum Urteil gegen Jewgenij Witischko erklärte das IOC, es stehe nicht im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen.

© SZ vom 19.02.2014/mane

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