SZ-Serie zur Zukunft des Wintersports:Salti in Airbags

SZ-Serie zur Zukunft des Wintersports: Vom Funpark zu Olympia: Sabrina Cakmakli beim Sprung durch die Halfpipe der Winterspiele von Peking, wo sie Zwölfte wurde.

Vom Funpark zu Olympia: Sabrina Cakmakli beim Sprung durch die Halfpipe der Winterspiele von Peking, wo sie Zwölfte wurde.

(Foto: Danielle Parhizkaran/USA Today/Imago)

Erst Corona, dann Schneemangel: Die Freestyle-Skiszene sucht kreativ nach Ausweichmöglichkeiten. Der Nachwuchs aber schlittert von einer Krise in die nächste. Teil 3 der SZ-Reihe über Perspektiven für Macher und Sportler.

Von Mona Marko

Freestyle-Skiing, die junge, unprätentiöse Alpin-Disziplin kam lange Zeit ohne Geld und Verbandsstrukturen aus. Was die Skiartisten aber brauchen, ist Schnee - und zwar in Massen: für kleine und große Schanzen, Kicker genannt, für Halfpipes, für die Landungen von Rails und Boxen. Eine nur meterbreite Piste, mit der sich Skitouristen notfalls zufriedengeben können, reicht da nicht.

Und so warteten die Shaper, die Leute, die Funparks bauen und pflegen, in diesem Jahr lange auf den richtigen Winter. Erst Ende Januar hat es ausreichend geschneit, erst dann war es möglich, die Parks in vollem Umfang anzulegen, damit die Freestyler problemlos ihre Tricks üben konnten. Tricks wie den Cork 360: eine Drehung um die eigene Längsachse in Schräglage.

Wer besonders unter den aktuellen Bedingungen leidet, sind die Jugendlichen. "Beim Nachwuchs ist es schon hart", sagt Korbinian Resenberger, Teammanager der Freeski-Abteilung des Deutschen Skiverbands (DSV). "Erst die Zwangspause durch Corona, dann der Schneemangel: Diese verlorene Trainingszeit ist schwer nachzuholen." Während der Pandemie konnten die Kinder lange gar nicht auf die Ski, weil die Funparks geschlossen waren. Zwei Jahre gab es den Freestyle-Skisport für den Nachwuchs deshalb kaum.

Statt Springen im Funpark üben die Kids Rückwärtsfahren auf der Piste

Im aktuellen Winter - dem "Winter danach" - hatten alle gehofft, neu durchstarten zu können. Doch stattdessen bleiben die Athleten wieder gewissermaßen am Boden, das Warten dauerte an: Solange die Skigebiete grün und braun waren, blieben die kleineren Parks in Bayern geschlossen, und wenn sie befahrbar waren, boten sie nur wenige Hindernisse, Obstacles genannt. Schanzen: Fehlanzeige.

Auch die Funparks in Nesselwang und in Oberammergau haben erst seit Mitte Januar geöffnet. "Es mangelt nicht an Kindern, die Lust auf Freestyle Skiing haben. Das Problem sind die Parks, da muss man um jeden kleinen Park in der Region froh sein", sagt Tobias Papistock, Vorstand vom Snowgau Freestyle Team in Oberammergau. Im Dezember sind die Trainer mit den Kindern auf die normalen Pisten ausgewichen und haben zum Bespiel Rückwärtsfahren geübt.

Die Freestyler von morgen sind auf den Schnee und auf die kleinen Parks in der Region angewiesen, die Profis hingegen haben mehr Spielraum. Sie trainieren im Stubai Zoo im Stubaital, im Penken Park im Zillertal, im Absolut Park in Flachauwinkl. Oder sie fliegen nach Übersee wie die DSV-Freestylerin Sabrina Cakmakli, die sich in Calgary in Kanada auf diese Saison vorbereitete.

SZ-Serie zur Zukunft des Wintersports: Vorbereitung in Calgary: Halfpipe-Spezialistin Sabrina Cakmakli.

Vorbereitung in Calgary: Halfpipe-Spezialistin Sabrina Cakmakli.

(Foto: Aflosport/Imago)

"Wir Profis können uns nicht beschweren", sagt die 28-Jährige, "aber ich denke da an die Kids." Sie erinnert an ihre eigene Kindheit: "Wir sind jeden Abend nach der Schule in Nesselwang bei Flutlicht im Park rumgesprungen. Da stand damals ein echt cooler Park." Für die meisten Spitzenathleten gilt, dass diese Stunden, in denen sie als Kinder an ihren Kunststücken feilten, die Grundlage einer Karriere sind, die wie im Falle von Sabrina Cakmakli zur Teilnahmen an drei Olympischen Spielen führte, in Peking war sie Zwölfte. In dieser Woche bei den Freestyle-Weltmeisterschaften im georgischen Bakuriani verpasste sie das Halfpipe-Finale. Die WM endet am Sonntag - auch in Bakuriani mussten Wettbewerbe abgesagt werden. Erst war es zu warm, dann kam zu viel Neuschnee.

Falls bei den Profis die Schneedecke für Trainingscamps nicht ausreicht, können sie immer noch ins Trockene ausweichen. Etwa in eine Freiluftanlage in Scharnitz bei Innsbruck, wo sie ihre Salti und Corks dann eben in den Airbag hineinspringen - in ein überdimensional großes Luftkissen. Die Anfahrt zur Schanze in Scharnitz ist mit Plastikmatten ausgelegt. Üben können die Athleten auch auf Trampolinen oder Wasserschanzen - das gehört schon immer zum Sommertraining. "Nur irgendwann müssen sie das Ganze natürlich auch auf den Schnee transferieren, wir sind ja Wintersportler", sagt DSV-Teammanager Korbinian Resenberger.

Spätestens seit der Corona-Pandemie sind es die Coaches gewohnt, Kurse im letzten Moment zu verschieben, alternative Trainingsmöglichkeiten zu organisieren. Auch ermöglicht Freestyle mehr Flexibilität als beispielsweise der Alpin-Slalom, der auf Stangentraining im Schnee angewiesen ist. Trotzdem fehlen die Praxistage, sagt Resenberger: "Natürlich hatten wir Einschränkungen bei der Trainingsqualität."

Noch schwieriger ist es für die Skicrosser. Es gibt nur wenige Skicross-Strecken im Alpenraum, denn sie sind aufwendig gebaut. Für die Kurse, für Schanzen und Steilkurven modellieren die Shaper 10 000 bis 20 000 Kubikmeter Schnee. "Ohne Kunstschnee geht es schon seit 20 Jahren nicht mehr", sagt Heli Herdt, Skicross-Sportchef des DSV. Und wenn es aufgrund der hohen Temperaturen nicht einmal für die Schneekanonen reicht, dann weichen die DSV-Skicrosser aus, trainieren statt in Grasgehren oder auf der Reiteralm zum Beispiel in Schweden, in Idre Fjäll, wo im Januar auch Weltcup-Wettbewerbe stattfanden.

Im Terminkalender des Weltverbands Fis wurde ebenfalls eine Reihe von Wettbewerben gestrichen - meist aufgrund von Schneemangel. Damit fehlt jungen Athleten die Möglichkeit, Wettkampferfahrung zu sammeln.

Um die Zukunft ihres Sports machen sich Resenberger und Herdt langfristig trotzdem vergleichsweise weniger Sorgen als die Kollegen anderer Sparten. Denn schon jetzt werden Kicker und Skicross-Strecken im Sommer in die Erde modelliert. Im Winter reicht somit eine geringe Menge Schnee, um die Elemente und Kurse befahrbar zu machen. Umdenken müsse man trotzdem, sagt Herdt. "Man muss sich eher fragen, ob es Sinn macht, die Saison so früh zu starten. Mittel- und langfristig kann es sein, dass wir die Saison nach hinten raus verlängern."

Die Leidtragenden bleiben im Freestyle und im Skicross somit eher die Kleinen. Um den Nachwuchs vom Sport der Luftakrobaten zu begeistern, veranstaltet der Bayerische Skiverband Coaching Days für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren. Das Problem bleibt: Auch dafür braucht es Schnee.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusSZ-Serie zur Zukunft des Wintersports
:Das Ende der Olympischen Winterspiele?

Man will sie nicht mehr, sie schaden der Umwelt - und ihre Grundlage schmilzt: Olympia im Winter wird für das IOC zum immer größeren Problemfall. Teil 1 einer neuen SZ-Reihe über Perspektiven für Macher und Sportler.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: