Sieben Kurven der Formel 1:"Ferrari verfolgt immer seltsame Strategien"

Lesezeit: 5 min

Sieben Kurven der Formel 1: Charles Leclerc in der Box, das kam häufiger vor am Wochenende in Spa.

Charles Leclerc in der Box, das kam häufiger vor am Wochenende in Spa.

(Foto: Geert Vanden Wijngaert/AP)

Charles Leclerc ist völlig bedient, Fernando Alonso wundert sich - und Sebastian Vettel kritisiert den Formel-1-Chef für einen Spruch über Rennfahrerinnen. Die Höhepunkte des Wochenendes.

Von Anna Dreher, Spa-Francorchamps

Max Verstappen

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(Foto: ANP/Imago)

17,8 Sekunden Vorsprung auf den Zweiten - was für eine Machtdemonstration von Mensch und Maschine. Max Verstappen zeigte, wie gut er überholen und wie sorgsam er mit den Reifen umgehen kann. Dabei war er wie einige andere Fahrer aufgrund von unerlaubten Motorenwechseln strafversetzt worden und musste als Vierzehnter starten. Das machte dem Niederländer nichts, nach zwölf der insgesamt 44 Runden lag er erstmals vorne, nach 18 Umdrehungen war das Rennen entschieden. Selbst Sergio Pérez im gleichen Auto hatte keine Chance mitzuhalten. Wer soll ihn auf dem Weg zu seinem zweiten WM-Titel in Serie stoppen? Nach Spa dürfte klar sein, dass das wohl niemandem mehr gelingt.

Die Dominanz Verstappens war beeindruckend - und womöglich so deutlich wie nie in seiner Karriere. Oder? "Wenn du dir das ganze Wochenende anschaust, dann ja", stimmte er zu und dämpfte gleichzeitig die Erwartungen für eine ähnliche Show diesen Sonntag in Zandvoort. Ferrari werde Red Bull dort "definitiv" näherkommen, sagte Verstappen. Näher. Nicht nahe.

Charles Leclerc

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(Foto: Geert Vanden Wijngaert/AP)

Zwei von drei Boxenstopps wurden Charles Leclerc zum Verhängnis. Auf den ersten konnte er nicht verzichten, in der Bremsbelüftung seines Ferrari hatte sich ein Teil verfangen. Der zweite Besuch bei den Mechanikern war notwendig für frische Reifen. Und der dritte, kurz vor Schluss? Da wollte Ferrari dem Monegassen neue Pneus aufziehen, um bessere Chancen auf den Bonus für die schnellste Runde zu haben. Das ging doppelt in die Hose. Erst reichte es nicht zur Bestzeit, dann erhielt Leclerc auch noch eine Fünf-Sekunden-Strafe, weil er zu schnell in die Boxengasse gefahren war. Vom fünften rutschte er auf den sechsten Platz. Der WM-Kampf ist nach der Paradefahrt von Verstappen wohl entschieden, nun wird Leclerc nicht mehr als Zweiter, sondern als Dritter gelistet mit fünf Zählern weniger als Sergio Pérez und satten 98 Punkten Rückstand auf den Weltmeister. Wieder ein verkorkstes Wochenende für Ferrari, auch wenn Carlos Sainz es noch aufs Podium schaffte.

Ex-Ferrari-Fahrer Fernando Alonso, der von Leclercs Strafe profitierte, sprach stellvertretend für wohl manch anderen, als er sagte: "Ja, ich war überrascht, aber Ferrari verfolgt immer einige seltsame Strategien, das war eine davon." Teamchef Mattia Binotto hingegen verteidigte die Entscheidung für einen dritten Boxenstopp, Leclerc war völlig bedient: "Ich denke nicht, dass es nächste Woche ein paar Wunder geben wird." Als nächstes wird im niederländischen Zandvoort gefahren, direkt danach im italienischen Monza. Spätestens beim Heimrennen wäre zumindest ein Wunder gut.

Sebastian Vettel

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(Foto: Hasan Bratic/dpa)

Vor der Sommerpause hatte der viermalige Weltmeister sein Karriereende angekündigt. Dafür habe er, erzählte er nun, viele Glückwünsche und viel Unterstützung erhalten. So lange er dabei ist, will er noch das Beste aus sich und dem Auto rausholen, was in Belgien mit Platz acht immerhin WM-Punkte brachte. Zum Abschied noch ein 123. Mal auf dem Podest zu stehen in den verbleibenden acht Rennen wird schwer, Aston Martin hat die Entwicklung des Autos weitgehend eingestellt und den Blick schon auf 2023 gelegt.

Was Vettel dann macht? Er sei schon ein bisschen weiter mit seinen Überlegungen, sagte der 35-Jährige, er habe ein "paar Dinge geplant und im Kopf". Bis dahin bleibt er die politische Stimme im Fahrerlager. Nachdem Formel-1-Chef Stefano Domenicali für Aufsehen gesorgt hatte mit seiner Aussage, "wenn nicht gerade ein Meteorit auf der Erde einschlägt, sehe ich nicht, dass in den nächsten fünf Jahren eine Frau in die Formel 1 kommt", kritisierte Vettel ihn deutlich für diese Wortwahl. Er jedenfalls sehe "keinen Grund, warum wir nicht eine Frau in der Startaufstellung haben können. Ich denke, die Herausforderungen, vor denen wir stehen, können auch von Frauen bewältigt werden."

Mick Schumacher

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(Foto: Florent Gooden/PanoramiC/Imago)

Er hätte dieses Rennen gut gebrauchen können, um Werbung für sich zu machen. Noch steht ja nicht fest, wie es für Mick Schumacher weitergeht. Die Vertragsverlängerung mit dem Haas-Rennstall steht aus, während Kevin Magnussen bereits gesetzt ist. Schumacher hat in diesem Jahr zwar seine lang ersehnten ersten WM-Punkte gesammelt, aber auch zwei schwere Unfälle auf seinem Konto. Acht Rennen sind es noch bis zum Saisonende, aber Teamchef Günther Steiner sagt, er habe es nicht allzu eilig mit der Vergabe seines zweiten Cockpits. Mattia Binotto, Teamchef von Ferrari, zu dessen Nachwuchs-Akademie Schumacher gehört, findet: "Er hat sich die letzten Rennen verbessert. Aber es ist immer noch zu früh, ein Urteil zu treffen." Formel-1-Chef Stefano Domenicali gibt dem 23-Jährigen Rückendeckung: "Er verdient es, in der Formel 1 zu fahren, und zwar nicht wegen seines Namens. Er hat die Fähigkeiten, um hier zu sein."

Dass Schumacher diesmal keine Punkte sammeln konnte, lag zum einen an einer Strafversetzung wegen unerlaubten Motor- und Getriebewechseln ans Ende des Feldes. Und an generellen Problemen mit dem Auto, das zu langsam war und bei dem Neuerungen nach der Sommerpause nicht zündeten wie erhofft. "Vom Speed her sind wir nicht da, wo wir sein wollen, das wussten wir aber vorher schon", sagte Schumacher, der Siebzehnter wurde. Dass die Geschwindigkeit diese Woche zurückkommt, ist vor allem für seine Zukunft wichtig.

Lewis Hamilton

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(Foto: Hasan Bratic/Nordphoto/Imago)

Dass es an diesem Wochenende enorm schwer werden würde mit einem Platz auf dem Podium, war Mercedes klar. Das ganze Wochenende rätselte das Team von Lewis Hamilton darüber, wieso der Abstand zur Konkurrenz so groß war. Für den siebenmaligen Weltmeister spielte das dann aber ziemlich schnell keine Rolle mehr. Bei einem missglückten Überholmanöver crashte er mit Fernando Alonso - danach musste er sein Auto am Streckenrand abstellen, schon in der ersten Runde. Hamilton nahm das ganz auf sich: "Es war meine Schuld, ich konnte ihn nicht sehen."

Sein Kollege George Russell beendete das Rennen als Vierter, aber auch das konnte die Stimmung bei den Silberpfeilen nur bedingt aufhellen. "Ich denke nicht, dass wir zufrieden sein können, Verstappen ist uns allen davongeflogen", sagte Teamchef Toto Wolff. "Wir müssen wirklich herausfinden, wie wir unser Auto verbessern können, denn der Rückstand ist einfach zu groß." In der WM-Wertung ist Russell Fünfter, Hamilton Sechster, das entspricht nicht dem Anspruch dieser Kombo. Was das Ausscheiden in der ersten Runde angeht, war es erst das fünfte Mal für Hamilton in 302 Formel-1-Rennen - nach 2009 und 2012 aber bereits das dritte Mal in Spa.

Spa-Francorchamps

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(Foto: Rudy Carezzevoli/Getty Images)

Traditionsstrecken erleben gerade schwierige Zeiten in der Formel 1, die boomt und möglichst global expandieren will. Die Kontrakte mit den Standorten Frankreich, Monaco und Belgien laufen aus. Ein Kalender ohne Eau Rouge, eine der legendärsten Kurven des Motorsports? Das konnten sich die Verantwortlichen dann doch noch nicht vorstellen. Und so bleibt die mit 7,004 Kilometern längste, umgeben von Wäldern und Wiesen malerisch in den Ardennen gelegene Strecke doch noch im Programm. Kurz vor dem Rennstart gab die Königsklasse die Vertragsverlängerung für 2023 bekannt, immerhin. Das dürfte für Begeisterung bei Fans wie Fahrern gesorgt haben, bei denen der Kurs beliebt ist. Längst basteln die Macher an einer idealen Reihenfolge der 24 geplanten Stopps fürs kommende Jahr, neu dabei ist als dritter Standort in den USA sicher Las Vegas. Details darüber, welche Grand Prix in der kommenden Saison wann stattfinden, sollen "zu gegebener Zeit" veröffentlicht werden.

Audi

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(Foto: Hasan Bratic/dpa)

Die Formel 1 hat am Wochenende ein neues Familienmitglied begrüßt, das zwar erst in vier Jahren mit am Tisch sitzen wird, aber schon in der Gegenwart für beste Laune sorgt. Audi wird von 2026 an als Motorenlieferant in die Königklasse einsteigen, damit steht fest, dass es neben Mercedes, Ferrari, Honda und Renault einen weiteren Hersteller geben wird. Die dann greifenden Regeländerungen passen zur künftigen Ausrichtung der Auto-Branche. Und weil es längst ein offenes Geheimnis ist, dass auch Porsche dazustoßen will, war der Königsklasse besonders zum Feiern zu Mute.

Die Herangehensweise ist unterschiedlich. Audi schließt sich mit einem Team - wahrscheinlich dem als Alfa Romeo antretenden Sauber-Rennstall - zusammen, das den Rest des Autos zur in Neuburg an der Donau entwickelten Antriebseinheit liefern soll. Kolportiert wird, dass Audi nach und nach Anteile übernehmen will, um irgendwann quasi als Werksteam in der Königsklasse anzutreten. Porsche soll sich mit den amtierenden Weltmeistern von Red Bull einig sein, sich bei seinem Engagement im Vergleich zur VW-Schwestermarke aber zurückhalten. Drei deutsche Autobauer ab 2026, das stärkt den Motorsportstandort Deutschland. Fehlen nur noch mehr deutsche Fahrer.

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