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Formel 1:Das Ende der Nostalgie

Turkish Grand Prix

Schlechte Aussichten: Die Formel 1 steht vor Terminänderungen

(Foto: KENAN ASYALI/Pool via REUTERS)

Während Lewis Hamilton in der Türkei seinen siebten Titel klarmachen kann, plant die Rennserie schon fürs nächste Jahr: Es geht um Sparpläne und Gewinnmaximierung.

Von Elmar Brümmer

Ob die Formel-1-Saison mit dem Großen Preis der Türkei wirklich schon durch ist, hängt entscheidend von den Wetter- und Streckenverhältnissen auf dem Istanbul Park Circuit ab. Die Qualifikation zum 14. von 17 WM-Läufen war das blanke Chaos. Die nach neun Jahren Renn-Pause reaktivierte Piste hat einen frischen Asphalt, Regenschauer ließen sie zur reinsten Eisbahn werden. Entsprechend groß waren die Überraschungen im Qualifying: Der Kanadier Lance Stroll im Racing Point-Mercedes holt die erste Pole-Position seiner Karriere, Max Verstappen im Red Bull-Honda wird Zweiter vor Sergio Perez im zweiten Racing Point. Titelfavorit Lewis Hamilton belegt nach der zwischenzeitlich unterbrochenen Qualifikation nur Rang sechs, WM-Verfolger Valtteri Bottas startet als Neunter.

Damit spielt der Faktor Zufall eine größere Rolle, ob Lewis Hamilton schon an diesem Sonntag zum siebten Mal Weltmeister wird, und mit seinem siebten Titel auch die von Michael Schumacher gehaltene Rekordmarke egalisiert. Der Brite muss nach dem Rennen noch 78 Punkte Vorsprung auf seinen Teamkollegen Valtteri Bottas haben, dann hat er den Titel-Hattrick geschafft, momentan liegt er mit 85 Zählern vorn. Ungeachtet der historischen Bedeutung wäre dieser Triumph angesichts der Corona-Umstände ein besonders denkwürdiger. Dem Virus davon gefahren zu sein, das wird auch die Geldmeisterschaft Formel 1 stark verändern.

Mit dem Gastspiel in der Türkei geht jener Teil der Not-Saison zu Ende, der mit der Rückkehr von Rennstrecken wie Imola, dem Nürburgring oder jetzt Istanbul ein Stück Renn-Nostalgie wiederbelebt hat. Auch die neuen Pisten wie Mugello und Portimao freuten jene besonders, für die Europa immer noch das Herz der Formel 1 ist, und die stark unter den Expansionsplänen der letzten Jahre gelitten hatten. Der Grund für den Paradigmenwechsel war natürlich nicht etwa eine Besinnung des Serienmanagements auf die Historie, sondern die pure Machbarkeit in Pandemie-Zeiten. Das hat, selbst mit Zehntausenden Zuschauern an manchen Strecken, gut funktioniert. Bislang wurden nur zwei Fahrer positiv getestet, die beiden Racing-Point-Piloten Stroll und Perez. Dank der um das fahrende Personal gebildeten Blasen hatte das jedoch keine Folgen für den Rennbetrieb.

Das Rennen in Saudi-Arabien deutet auf Gewinnmaximierung hin

Die neue Saison, für die gerade der erste Terminkalender präsentiert worden ist, steht für die Formel 1 unter dem Motto: Zurück zur Normalität. Heißt: Künftig kassiert das Management wieder kräftig von den Veranstaltern; die Aushilfspisten, so sehr sie auch von den Fahrern geliebt wurden, fliegen wieder raus. Die Rekordzahl von 23 Rennen deutet schon darauf hin, dass zwischen Mitte März und Anfang Dezember in rasantem Tempo finanzielle Wiedergutmachung betrieben werden soll. Gleich zweimal im Kalender gibt es drei Rennen hintereinander.

Vor allem das vorletzte Rennen in Saudi-Arabien deutet auf Gewinnmaximierung hin. Nachdem bereits jetzt ein saudischer Mineralölkonzern zum Hauptsponsor der Formel 1 aufgestiegen ist, winkt beim Straßenrennen in der Hafenstadt Jeddah ein hoher zweistelliger Millionenbetrag an Antrittsgeldern. Mit dem niederländischen Zandvoort ist dann auch ein bereits für diese Saison geplanter Rückkehrer eingeplant, während für die Premiere in Vietnam zwar ein April-Wochenende blockiert ist, doch angesichts der Erholung des Landes von Covid-19 ein Start in Hanoi derzeit eher unwahrscheinlich ist. Einen Plan B verfolgt die Königsklasse grundsätzlich nicht, gestärkt dadurch, als erste weltweite Sportveranstaltung mitten in diesem Krisenjahr wieder auf Tournee gegangen zu sein - und das erfolgreich. Aber natürlich stünden im Falle eines Rückfalles wieder die gleichen Ausweichpisten zur Verfügung wie in dieser Saison.

Wenn auch noch das nächste Rennen in Bahrain reibungslos über die Bühne gebracht wird, dann hat das Formel-1-Management sein Saisonziel bereits im drittletzten Rennen erreicht. Denn 15 WM-Läufe waren den Fernsehanstalten garantiert, die nun wiederum die Honorare in kompletter Höhe überweisen. Das lindert zumindest die drohenden Verluste etwas, auch bei den Teams.

Kommt eine Gehaltsgrenze für die Fahrer?

Denen sind nur die Bonuszahlungen garantiert, der weitaus größere Teil wird aus der Ausschüttung der Werbeeinahmen bestritten. Diese sind geschmolzen wie die Antrittsgelder. Der Verlust von Rechteinhaber Liberty Media allein im dritten Quartal belief sich auf fast 100 Millionen Dollar. Zwischen 30 und 50 Millionen Dollar dürften jedem Team dadurch aufs Jahr fehlen, das ist mancherorts ein Drittel des Etats. Noch so eine Saison würden nicht alle durchstehen.

Dennoch werden sich alle an mehr Bescheidenheit gewöhnen müssen, auf hohem Niveau. Durch die neue Regelung des Honorarprinzips werden künftig vor allem die Top-Rennställe bestraft. Sie sollen zusätzlich durch eine Budgetdeckelung auf 145 Millionen Dollar pro Jahr eingebremst werden, die massive Abrüstung bei den zum Teil 1000 Mitarbeiter umfassenden Rennställen wie Mercedes, Ferrari oder Red Bull hat bereits begonnen. Vor dem Gesundungsprozess steht das Schrumpfen - was generell der Vernunft und der technisch-sportlichen Gleichberechtigung dienen soll.

Dieser Sparkurs reicht der Regelbehörde Fia aber offenbar noch nicht, sie möchte auch eine - rechtlich umstrittene - Gehaltsgrenze für die Fahrer einführen. Solche Gagen sind in den bisherigen Beschränkungen noch ausgenommen. Das dürfte in die erst nach dem Titelgewinn beginnenden Vertragsverhandlungen zwischen Lewis Hamilton und Mercedes-Teamchef Toto Wolff hineinspielen, bei den es aber weniger um die Höhe des Chauffeur-Honorars geht als um die Ausgestaltung der Zeit nach der Karriere. Die bislang kolportierten 40 Millionen Dollar Jahresgehalt Hamiltons dürften jede gedachte Grenze sprengen. Toto Wolff, der in eigener Sache mit Mercedes verhandelt, hat damit kein Problem: "Die besten Fahrer der Welt sollen wie andere Sportstars auch entsprechend verdienen."

© SZ/ebc
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