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Sieben Kurven der Formel 1:Hamilton triezt sein Team

Der britische Seriensieger pokert bei der Vertragsverlängerung, Vettel fährt zurück nach hinten - und der potenzielle Hamilton-Nachfolger Russell baut Mist. Das Renn-Wochenende in Imola.

Von Elmar Brümmer

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Toto Wolff

F1 Grand Prix of Emilia Romagna - Practice & Qualifying

Quelle: Getty Images

Der 100. Sieg in der Hybrid-Ära für Mercedes ist ein historischer, sichert er dem deutsch-britischen Rennstall doch vorzeitig den siebten Konstrukteurs-Titel in Serie. Damit ist die Ferrari-Bestmarke vom Anfang des Jahrtausends übertroffen. In den kommenden Jahren bleibt das Reglement stabil, der Fortsetzung der Dominanz steht nach heutigem Stand wenig im Wege. Die Frage ist nur: wer führt den Rennstall in die Zukunft? Wolff, der 2013 das Steuer nicht nur als Teamchef, sondern auch als Mitbesitzer übernommen hat, sucht eine berufliche Veränderung. Möglich, dass er Teamaufsichtsrat wird, wie es Niki Lauda gewesen war. Problem nur: Wer wird sein Nachfolger? Wolff muss ihn erst noch suchen, um ihn dann in der kommenden Saison aufbauen. Was seine Zukunftspläne angeht, ist der Wiener sich wohl schon einig mit Konzernchef Ola Källenius. Richtig amtsmüde scheint der 48-Jährige nicht: "Ich fühle mich nach dem ersten Lockdown und durch die letzten Monate stark verjüngt. Plötzlich liebe ich es auch wieder, zu den Rennen zu fahren." Bei den Ergebnissen...

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Lewis Hamilton

F1 Grand Prix of Emilia Romagna

Quelle: Getty Images

Zehn Stunden. Eine Pizza. So lange hat es beim letzten Mal gedauert, als der Formel-1-Weltmeister mit Mercedes-Chef Toto Wolff über eine Vertragsverlängerung verhandelt hatte. Marathonsitzungen wie diese soll es erst wieder geben, wenn beide Weltmeister-Titel für das Team unter Dach und Fach sind. Der erste Streich ist vollbracht, der zweite dürfte in zwei Wochen folgen. Lewis Hamilton reichen schon sieben Punkte. Das Rennen in Imola hat unterstrichen, dass der Brite in der Form seines Lebens ist. Den 93. Sieg seiner Karriere, der schon am Start verloren schien, erkämpfte er sich mit einem cleveren Zwischenspurt. Programmatische Ansage an den Kommandostand, als die Rivalen an die Box kamen: "Haltet mich nicht auf. Ich werde jetzt schneller!" Hamilton hielt Wort, streichelte die Reifen und fuhr trotzdem den nötigen Vorsprung heraus. Abseits der Piste lobt er bei jeder Gelegenheit das Team, "die wahren Helden", aber er versteht es auch zu pokern. Da reicht schon ein Nebensatz: "Ich wäre gerne weiter in der Formel 1. Darauf gibt es aber keine Garantie..."

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Sebastian Vettel

Großer Preis Emilia Romagna

Quelle: dpa

Start von Rang 14, zurückgefallen auf Platz 15 nach einer Kollision in der ersten Runde, am Ende Dreizehnter im Ziel und schließlich ein Upgrade auf Platz zwölf. Tatsächlich, das sind kleine, mühsame Fortschrittchen, die Sebastian Vettel in den letzten Rennen mit Ferrari macht. Aufgeben will er nicht, kann er nicht. Aber richtig vom Fleck kommt er auch nicht. Da bleibt er so lange wie kaum ein anderer im Rennen draußen, wird zur Rennhälfte als Vierter geführt, fährt bessere Rundenzeiten als Kollege Charles Leclerc. Doch dann verkantet beim Reifenwechsel die Radmutter rechts vorn, die Standzeit beläuft sich auf dramatische 13,1 Sekunden. Wieder zurück nach hinten. Und der Zusatzstopp in der späten Phase des Gran Premio ruiniert endgültig die Chancen auf Punkte. Zum siebten Mal in dieser Saison eine Nullnummer: "Wir hätten Besseres verdient. Aber es hat nicht sollen sein." Allein, der Heppenheimer hat gezeigt, dass er noch Speed und Willen besitzt. Bei Aston Martin freuen sie sich drauf.

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Mick Schumacher

Mick Schumacher

Quelle: dpa

Kimi Räikkönen, der einzige Fahrer im Feld, der 2006 beim letzten Rennen in Imola dabei gewesen ist, und damals im McLaren Fünfter wurde, feiert mit dem Alfa Romeo seinen ersten doppelten Punktgewinn der Saison. Auch der umstrittene Kollege Antonio Giovinazzi holt einen Zähler. Das passt zur Vertragsverlängerung für die beiden. Mick Schumacher, der sich schon mit einem Ausbildungsplatz im Zürcher Oberland angefreundet hatte, wird jetzt wohl umgeleitet: uum US-Rennstall Haas, der seinen Sitz in Großbritannien und mit Günther Steiner einen italienischen Teamchef hat. Steiner sagt über ein Cockpit für Schumacher, der sonst keine Alternativen mehr hätte: "Es wäre eine Ehre für uns, etwas, worauf wir stolz sein könnten." Offenbar wird aus der Ferrari-Akademie in dieser Saison nur einer von drei Kandidaten aus der Formel 2 befördert. Steiner sagt, dass die Verhandlungen sich auf der Zielgeraden befänden. Der polternde Held aus der Netflix-Doku "Drive to survive" weiß, dass Schumacher über sein Talent hinaus Aufmerksamkeit generieren wird: "Für Deutschland wäre es gut, auch für die ganze Formel 1."

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Rennkalender

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Quelle: AFP

Gleiches Spiel, wohin die Formel 1 in ihrer Corona-Not auch zurückkehrt auf altbekannte Strecken oder solche, auf denen sie bislang nur getestet hat: Die aktuelle Piloten-Generation ist voll des Lobes. Das kennen wir aus Mugello, vom Nürburgring und aus Portimao. Auch die Rennen waren allesamt überraschend, was ebenso für den Großen Preis der Emilia Romagna gilt. Nur: mit dem Lob ist keinerlei Rabatt auf die Antrittsgebühren der Zukunft verbunden. Da hilft es auch nichts, dass der neue Formel-1-Chef Stefano Domenicali aus der Rennstadt stammt. Im neuen Kalender, der die Rekordanzahl von 23 Rennen umfasst, sind die üblichen Verdächtigen gelistet. Vietnam soll zu seinem Debüt kommen, Zandvoort zum Comeback. Ein Fragezeichen steht noch hinter Brasilien, ein Ausrufezeichen aber hinter Saudi-Arabien. Dort soll in der Hafenstadt Jeddah gegen eine stattliche Gebühr ein Straßenrennen ausgetragen werden. Selbst wenn der Kalender, nach dem die Saison Ende März wie gehabt in Australien beginnen soll, bloß ein Entwurf ist: schon formieren sich Proteste gegen einen Start in Saudi-Arabien.

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Fernando Alonso

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Quelle: AP

Nanu, ein zweifacher Weltmeister, der Trockenübungen machen muss? Fernando Alonso, im neuen Rennjahr zurück im Renault-Werksteam, hat in Imola so getan, als stünde er bereits wieder in Diensten der Franzosen. Er nahm an allen Briefings teil, diskutierte kräftig mit, allein in dem ihm zugedachten Rennwagen saß noch Daniel Ricciardo, der sogar Dritter wurde. Alonso, 39, darf nur abseits der Rennwochenenden hinters Lenkrad, und auch das nur in einem zwei Jahre alten Renault. "Es wird mich wohl ein, zwei Rennen brauchen, bis ich mich wieder wohl fühle", ahnt Alonso, der seit zwei Jahren - auf eigenen Wunsch - raus war aus der Königsklasse. Als besonders geduldig ist der Asturier nicht gerade bekannt: "Es ist vom Lenkrad bis zu den Ingenieuren zwar alles neu für mich, aber ich werde die Eingewöhnungsphase so kurz wie möglich halten." Er fühle sich frisch nach seinen Gastspielen in Indianapolis und der Rallye Dakar, sehe eine neue Perspektive. Bei einem PR-Tag durfte er in Barcelona schon mal probefahren: "Wenn Du den Grip wieder spürst, kommt alles von allein."

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George Russell

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Quelle: AFP

Er ist der Mann, der eines Tages Valtteri Bottas ersetzen soll - oder gar Lewis Hamilton? Gerade noch durfte sich George Russell freuen, dass er ein weiteres Jahr bei Williams bleiben kann, obwohl die Kandidaten auf sein Cockpit allesamt mehr Sponsorengeld bringen. Aber der Brite gilt als eines der größten Talente, seine makellose Bilanz im internen Duell mit Nicholas Latifi zeugt davon. Doch am Ende des Tages gehört er in Imola zu den unglücklichsten Fahrern. In der letzten Neutralisierungs-Phase passiert ihm ein Fehler, der mehr als Künstlerpech ist - und ihn noch lange verfolgen wird. Im Kopf noch ganz im normalen Renngeschehen, besessen davon, mit einer aggressiven Fahrweise endlich seinen allerersten WM-Punkt zu holen, gibt er in der Safety-Car-Phase auf der Geraden einen Tick zu viel Gas, schaltet gleichzeitig hoch - und schon hängt sein Rennwagen in der Mauer. Schneller, als er gucken oder reagieren konnte, die kalten Reifen waren wie Eis. Sofort sagt der 22-Jährige "Sorry" zum Team, für sich selbst weiß er: "Da gibt es keine Entschuldigung. Ich muss daraus lernen."

© SZ.de/sonn

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