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Sieben Kurven der Formel 1:Leclerc ist kleinlaut wie nie

Weil der Monegasse einen Anfängerfehler begeht, erlebt Ferrari einen Totalschaden in Rot. McLaren ist plötzlich die dritte Kraft. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Von Elmar Brümmer, Spielberg

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Lewis Hamilton

F1 Grand Prix of Styria

Quelle: Getty Images

Zweites Rennen, erster Doppelerfolg für Mercedes, und der Weltmeister in seiner eigenen Umlaufbahn. Was samstags noch der Wolkenbruch über dem Murtal verschleierte, und die vielleicht beste Qualifying-Runde in der Karriere Hamiltons war, ließ sich sonntags im Renntrimm ungetrübt erkennen: Der Brite ist in Bestform. Froh, wieder die Höhenluft auf der obersten Podeststufe zu atmen, wie er bekennt. Sieg Nummer 85, sechs noch bis zur Rekordmarke von Michael Schumacher.

Daran wird er von nun an wieder gemessen. Natürlich auch an Valtteri Bottas, dem erstarkten Teamkollegen. Er habe alles herausgeholt aus dem Auto, "und sogar noch mehr", bilanzierte Hamilton. Ein typischer Champions-Nachmittag: Plötzlich passte die Fahrzeugabstimmung wieder, das Auto war robust genug für die Randsteine, und mit den Vertragsverhandlungen soll es jetzt auch bald los gehen. Übermütig lässt ihn die Rückkehr zur eigenen Normalität nicht werden: "Wir müssen auf Zehnspitzen bleiben und achtsam sein."

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Sebastian Vettel

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Quelle: AFP

Würde der Anspruch des Heppenheimers für ein Cockpit in der kommenden Saison auch heute schon gelten, dann müsste er sofort aus dem SF 1000 aussteigen. Denn "wettbewerbsfähig", wie Vettels Kriterium lautet, ist das rote Auto bislang in keinster Weise. Aber Vettel will sitzen bleiben, das hat er erst vor dem zweiten desaströsen Wochenende in Spielberg bekräftigt. Ob er seinen Rücktritt zum Saisonende schon in dieser Woche in Budapest ankündigen wird, wie gemunkelt wurde? Viele Alternativen außer einem Sabbatical hat er nicht mehr.

Aber er besitzt immer noch genügend Stolz, um seine Abschiedstournee ordentlich zu Ende zu bringen. Dass diesmal Kollege Leclerc einen Anfängerfehler gemacht hat, dürfte fast tröstlich für ihn sein. Aber das kann nicht über das Grundproblem hinwegtäuschen, dass er hessisch-defätistisch so schildert: "Uns fehlt der Bums." Dafür gab es den großen Rumms.

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Vallteri Bottas

F1 Grand Prix of Styria

Quelle: 2020 Pool

Zweiter werden, das ist plötzlich nur noch "Schadensbegrenzung" für den Mann, der drei Jahre lang die Nummer zwei bei Mercedes war und jetzt WM-Spitzenreiter vor Lewis Hamilton ist. Startplatz vier, das war der Schaden. Die Begrenzung war eine Aufholjagd über 65 Runden gegen Max Verstappen, in deren entscheidender Phase sein Renningenieur sich über Funk abmeldete: "Ich bin jetzt ruhig - und du gibst Gas." Im letzten Umlauf, so die Kalkulation, hätte er eine Chance, Max Verstappen anzugreifen.

Aber der Bottas von 2020 war schneller als die Hochrechnung. Fünf Runden vor Schluss war er vorbei, im zweiten Anlauf. "Schön, dass mir das Manöver gelungen ist", sagte er, als ob er sich lediglich ein Fleißkärtchen verdient hatte. Doch da spürt einer, dass er gerade den Lauf hat, mehr ist als Eintagsfliegen-Sieger: "In diesem Sport ist es leicht, an sich selbst zu zweifeln. Aber ich habe keinen Grund dazu, ich weiß, zu was ich fähig bin. Ich bin zuversichtlich, dass das ein guter Kampf um den Titel in diesem Jahr wird." Neuerdings sieht man den Finnen auch noch meditieren: offenkundig der Versuch, die Coolness noch zu steigern.

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Ferrari

Formel 1 - Großer Preis von Österreich

Quelle: dpa

Jeder blamiert sich, so gut er kann. Es ist die einzige Wertung, in der Ferrari auf absehbare Zeit weltmeisterlich ist. Keine Runde ist gefahren auf dem Red-Bull-Ring, schon hat Charles Leclerc seinen Teamkollegen Sebastian Vettel und auch sich selbst aus dem Rennen bugsiert. Ein Totalschaden in Rot. Leclerc ist kleinlaut wie nie: "Seb hat nichts falsch gemacht. Es war ganz einfach mein Fehler. Ich bin von mir selbst enttäuscht, denn ich habe seine, meine und die Chancen des ganzen Teams ruiniert."

Team- und Technikchef Binotto fleht, sich jetzt nicht selbst zu zerfleischen: "Aber jetzt ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen, jetzt müssen wir Einigkeit zeigen." Angesichts der langen Wartezeit auf einen Titel, seinen Fehlkonstruktionen samt den Merkwürdigkeiten um den Motor und dem offensichtlichen Abstieg ins Mittelfeld dürfte der Druck von außen enorm groß werden. Binotto hatte schon nach dem Qualifying ungewöhnlich selbstkritisch bekannt: "Die Stoppuhr lügt nicht. Was wir abliefern, entspricht nicht dem Anspruch einer Marke wie Ferrari. Diese Fakten lassen sich nicht ignorieren." Die vorgezogenen aerodynamischen Upgrades waren bislang nur eine Luftnummer. Nach dem neuerlichen Debakel konnte er die Systemkritik fortsetzen: "Es schmerzt. Das ist der schlechteste Abschluss, der an einem schwierigen Wochenende denkbar war."

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Lando Norris

F1 Grand Prix of Styria

Quelle: Getty Images

Als Neunter starten, Fünfter werden, ohne dass die Top-Teams unter Ausfallerscheinungen leiden mussten: Plötzlich ist McLaren die dritte Kraft in der Formel 1, und der britische Pilot in seinem zweiten Grand-Prix-Jahr WM-Dritter. Drei Überholmanöver in den letzten beiden Runden - buchstäblich auf den letzten Metern, als die Gegner vor ihm schwächelten, schob sich Norris nach vorn: "Ich mag Rennen, in denen ich pausenlos attackieren muss."

Schon beim Saisonauftakt in der Steiermark hatte er sich als Spätzünder bewährt und noch den Extrapunkt für die schnellste Rennrunde geholt. Die ging diesmal an seinen Teamkollegen Carlos Sainz jr. Auch ein Beleg dafür, wie ausgeglichen stark der orangefarbene Rennwagen geworden ist. "Die Form müssen wir jetzt halten", fordert der 20 Jahre alte Norris. "Es geht alles in die richtige Richtung", verspricht ihm sein deutscher Teamchef Andreas Seidl.

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Sergio Perez

F1 Grand Prix of Styria

Quelle: 2020 Pool

In der ersten Runde auf Platz 17, vor dem letzten Umlauf drauf und dran, sich den vierten Platz zu sichern: Der Rennwagen vom Typ RP 20 scheint dem Mexikaner auf dem Leib geschneidert zu sein. Am Ende wird er durch ein im Kampf um Platz vier ruinierten Frontflügel Sechster, aber auch das ist mehr als ordentlich. Teamkollege Lance Stroll wurde direkt dahinter Siebter. Erfolg bringt immer Neider, zumal es im Mittelfeld in dieser Saison so eng wie lange nicht ist.

Prompt hat das Renault-Werksteam Protest gegen das Racing Point-Team eingelegt - der Rennwagen sei eine schamlose Kopie des Silberpfeils von Mercedes aus dem Vorjahr. Solche offiziellen Kopien sind verboten. Die Rennkommissare haben daraufhin die als Beleg angeführten Teile beschlagnahmen lassen, Mercedes muss den Technikern des Automobilweltverbandes Fia zum Vergleich die Bremsbelüftungen von 2019 zur Verfügung stellen. Die Anklage hat einen langen Anlauf, sie war schon im März vor dem abgesagten Auftakt in Melbourne vorbereitet worden.

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Europa-Tournee

Großer Preis von Österreich

Quelle: dpa

Wenigstens einmal hat Ferrari in diesen Tagen Grund zur Freude, sogar zu echtem Stolz. Das 1000. Rennen in der Formel 1 darf die Scuderia vor heimischem Publikum absolvierten. Dafür wurde - nach Steiermärker Vorbild - eigens der Große Preis der Toskana erfunden, der am 13. September auf der Motorradrennstrecke von Mugello gefahren wird. Der Gran Premio della Toscana bekommt sogar die offizielle Zusatzbezeichnung "Ferrari 1000". Den acht Rennen aus dem Rumpfkalender wird in jedem Fall noch weiterer bestätigter WM-Lauf hinzugefügt: Putins Großer Preis in Sotschi (27. September).

Höchst wahrscheinlich, dass es im Oktober dann in Europa weitergeht - neben dem italienischen Imola und Portimao in Portugal soll es dann nach dem bewährten Hygienekonzept auch einen Großen Preis von Deutschland in Hockenheim geben. Zuschauer will die Formel 1 frühestens Ende August in Belgien zum ersten Mal wieder zulassen. Ob es überhaupt noch Überseerennen geben wird, ist derzeit fraglich. Dann müsste Automobilverbandspräsident Jean Todt die Regel außer Kraft setzen, dass auf mindestens drei Kontinenten gefahren wird, um den Weltmeisterstatus zu vergeben.

© SZ.de/ebc

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