Fifa beschließt Torlinien-Technologie:Ein bisschen Technik gegen den menschlichen Makel

Treffer mit Hilfsmitteln erkennen: Die Regelhüter des Weltfußballs gestatten erstmals Torkameras und Chips im Ball. Doch es bleibt noch eine ganze Menge zu besprechen nach diesem als "historisch" gefeierten Tag.

Thomas Kistner, Zürich

Irgendwann war es so weit, da wusste auch Jerome Valcke nicht mehr weiter. Der Generalsekretär des Weltverbandes Fifa hatte nach der Sondersitzung des International Football Association Board (IFAB) mitgeteilt, dass im Profifußball die Torlinien-Technologie zum Einsatz kommen und erstmals bei der Klub-WM im Dezember in Tokio erprobt werden soll. Zugleich gestattet das Regel-Board IFAB aber auch weiter den Einsatz von Torrichtern, die ja bei der EM in Polen und der Ukraine wiederholt deftig daneben lagen.

Umstrittene Tor-Entscheidungen in der Fußball-Geschichte

Ohne Kamera: Bei der WM 2010 wurde DFB-Torwart Neuer von einem Schuss des Engländers Lampard bezwungen - das Tor galt nicht.

(Foto: dpa)

Und schließlich ließ das Gremium offen, welches technische System die Torlinie künftig überwachen soll - das im Tennis verwendete Kamera-Auge Hawk-Eye oder der Chip im Ball, das GoalRef-System? Befragt, ob bei der Klub-WM in Japan zum Jahresende neben den beiden Torlinien-Systemen auch die zusätzlichen Torrichter eingesetzt werden, streckte Valcke entnervt die Waffen: "Keine Ahnung!" Beim Kneten der Hände fiel ihm ein, dass das wohl noch besprochen werde müsse.

Eine ganze Menge bleibt noch zu besprechen nach diesem als "historisch" gefeierten Tag. Dass es keiner war, zeigte schon die Abwesenheit des IFAB-Vorsitzenden: Sepp Blatter, der Boss des Fußball-Weltverbandes Fifa, ist ja für vieles bekannt, nur nicht dafür, dass er auf persönliche Präsenz bei einem geschichtsträchtigen Anlass gern verzichtet.

Platini und der Makel

Am Donnerstagabend im Zürcher Hauptquartier aber war Distanz zum Geschehen geboten. Brachte die Interpretation des dort soeben Beschlossenen schon seinen Generalsekretär arg ins Trudeln, wäre Blatter selbst zudem Gefahr gelaufen, auf peinliche Grundsatzfragen wie diese zu stoßen: Warum hat er ein Jahrzehnt lang das verhindert, was jetzt - im Grundsatz - beschlossen wurde? Fortan wird also bei großen Fifa-Turnieren mit zwei Torlinien-Systemen experimentiert, von denen eines, das Knowhow des Kamera-Auges, jüngst von Sony gekauft wurde - das Unternehmen ist zufällig ein Fifa-Topsponsor.

Daneben toleriert das internationale Regel-Board aber auch weiter die wackeren Torrichter, die dem Uefa-Präsidenten Michel Platini so sehr ans Herz gewachsen sind. Platini, ein glühender Verfechter des "menschlichen Makels", glaubt weiterhin felsenfest daran, dass groteske Fehlentscheidungen, die von Millionen zornigen Menschen mühelos erkannt werden können, nur nicht von den Schiedsrichtern, das Salz im Süppchen des Fußballs sind.

Aufschlussreicher als das Beschlossene ist indes der Themenkreis, der nicht angerührt wurde. "Die Frage des Einsatzes von Technologie im Fußball über die Torlinie hinaus stellte sich nicht und ist auch in Zukunft kein Thema", betonten Valcke und die Vertreter der neben der Fifa im IFAB versammelten Verbände von England, Irland, Schottland und Wales.

Nimmt man hinzu, dass interessanterweise auch die Torlinientechnologie so funktionieren soll, dass "nur der Schiedsrichter, nicht aber das Publikum" (Englands FA-Generalsekretär Alex Horne) das entscheidende Signal erhält, stehen plötzlich quälende Erkenntnisse im Raum. Transparente Entscheidungen sollen trotz (oder gerade wegen?) des Einsatzes neuer, unbestechlicher Hilfsmittel den Zuschauern nicht geliefert werden; andere Sportarten von Tennis über Eishockey bis Kricket haben mit dieser Offenheit kein Problem.

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