Feindbild im Fußball:Wenn der Schiedsrichter zum Freiwild wird

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Borussia Dortmund - VfL Wolfsburg

Die Szene des Wochenendes: Schiedsrichter Stark zeigt Marcel Schmelzer Rot - dabei hatte der den Ball mit dem Knie berührt. 

(Foto: dapd)

Schiedsrichter dienen Fußballfans oft als Zielscheibe für Aggressionen. Nach Fehlentscheidungen werden Referees wie Wolfgang Stark von Zehntausenden ausgebuht. Um seiner Verantwortung gerecht zu werden, muss der Profifußball den Unparteiischen endlich helfen - schließlich ist er Vorbild für die unteren Ligen.

Ein Kommentar von Thomas Hummel

In den Niederlanden wurde zuletzt ein Linienrichter während eines Jugendspiels zu Tode geprügelt. Im oberbayerischen Rosenheim griffen nach einer Partie der zehnten Liga Spieler den Schiedsrichter an, der verlor einige Zähne und verfügt auf einem Auge nur noch über 30 Prozent Sehkraft. Von überall kommen jetzt solche Geschichten von Gewalt gegen Referees.

Diese Fälle dokumentiert leider: Es muss offenbar erst einer sterben, damit die breite Öffentlichkeit ein Problem zur Kenntnis nimmt. Wenn in Dachau zwei Schiedsrichterobmänner zurücktreten, weil sich ihrer Meinung nach die Gewaltspirale immer weiter nach oben dreht, dann interessiert das kaum jemanden. Auch die Verbände reagieren träge, wiegeln ab und verweisen darauf, dass das Problem nicht neu sei. Das stimmt. Auf den Fußballplätzen ging es schon immer hoch her, wenngleich die Ausprägung der Gewalt neue Dimensionen erreicht. Letzteres ist vor allem ein gesellschaftliches Problem. Doch es wäre begrüßenswert, wenn der Fußball zumindest täte, was er tun kann.

Es ist ein Skandal, wenn der Rosenheimer Klub, dessen Spieler den Spielleiter angriffen, beim Verband mit 500 Euro Strafe davonkommt. Doch hier landet man auch schnell bei der Bundesliga.

Schiedsrichter Wolfgang Stark hat am Samstag das Spiel Borussia Dortmund gegen den VfL Wolfsburg mit mehreren Fehlentscheidungen in einer Szene massiv beeinflusst. Der Dortmunder Marcel Schmelzer wehrte einen Ball auf der Linie nicht mit der Hand, sondern mit dem Knie ab. Stark gab dennoch Elfmeter und die rote Karte für Schmelzer. Dass beim Wolfsburger Angriff der Spieler Vieirinha im Abseits stand, war eine zusätzliche Pointe.

Das Schlimme an der Geschichte ist dabei weniger, dass Borussia Dortmund anschließend das Spiel und vermutlich auch endgültig die Meisterschaft verlor. Das Schlimme ist, dass fast 80.000 Menschen im Stadion reagieren, wie im Stadion seit Jahrzehnten reagiert wird: Es erhebt sich ein Furor gegen den Schiedsrichter, Stehplatz-Besucher stimmen übelste Morddrohungen an, Sitzplatz-Besucher schwingen die Fäuste, von überall fliegen Bierbecher und anderes Material von den Rängen. Der Mensch auf der Tribüne lässt sich treiben vom Rausch der Massenaggression. Auch sonst brave Jugendliche oder unbescholtene Familienväter (und -mütter) plärren mit. Dieser Mann, der Schiedsrichter, ist nun der Feind.

Die nächste Schlussfolgerung liegt da auf der Hand: Wenn Zehntausende in einem Bundesligastadion den Schiedsrichter angreifen, dann machen sie das in der zehnten Liga auch. Nur, dass dort keine Ordner, keine Polizei, keine Absperrungen vorhanden sind. Der große Fußball ist das Vorbild für den Kleinen. Dessen muss sich der große Fußball bewusst werden und sich fragen: Was tun?

Ein TV-Beweis hätte Stark geholfen

Erstens muss die Bedrängung des Schiedsrichters im Profifußball aufhören. Wenn Jürgen Klopp, Jupp Heynckes und auch alle Spieler respektvoll mit den Unparteiischen umgehen, statt theatralisch Schiedsrichter-Entscheidungen zu kommentieren, werden das Zuschauer, Jugendspieler und deren Eltern registrieren.

Außerdem muss der Fußball endlich beginnen, Fehlentscheidungen zu minimieren. Und das heißt: die Schiedsrichter mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts auszurüsten. Dass Wolfgang Stark der einzige Mensch der Nation ist, der 30 Sekunden nach Schmelzers Rettungsaktion nicht weiß, welches Körperteil da im Spiel war, ist schlicht eine unbegreifliche Naivität. Schmelzer lenkte den Ball zur Ecke, es wäre ein leichtes gewesen, hätte Stark ein vor dem Fernseher sitzender Kollege anhand der Wiederholung den Tathergang beschrieben und ihm per Funk ins Ohr vermittelt. Das ganze Stadion hätte 30 oder auch 60 Sekunden lang diese Entscheidung still abgewartet, Stark hätte auf Eckball (oder auf Freistoß wegen Abseits) entschieden und zumindest in diesem Fall wäre der Schiedsrichter als vernünftiger Spielleiter und nicht als Feindbild nach Hause gefahren.

Der TV-Beweis ist kein Allheilmittel, niemals wird jede Aktion objektiv aufgelöst und entschieden werden können. Doch vieles könnte damit sehr wohl verhindert werden. Weil der Fußball-Weltverband und vor allem der Europäische Fußball-Verband hier strikt dagegen sind, muss wohl die Revolution von unten kommen: Die Referees sollten viel vehementer die Hilfe beantragen, die sie bekommen können.

Es wäre ein kleiner Beitrag wider das Feindbild Schiedsrichter. Und das würde dann auch den ehrenamtlichen Kollegen in Jugend- und Amateurligen helfen. Denn wenn Zehntausende die "schwarze Sau" beschimpfen, dann ist damit nicht der Herr Stark gemeint. Sondern dann ist die "schwarze Sau" ein Symbol für eine manipulierende Instanz, die bisweilen zum Freiwild erklärt wird.

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