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1:1 gegen Werder:Bayern hat ein bisschen Blues

Enttäuscht: Robert Lewandowski beim 1:1 gegen Bremen

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Der FC Bayern spielt gegen Bremen nur 1:1, dabei sind einige Defizite im Team zu erkennen. Die Absenz von Joshua Kimmich reißt ein großes Loch.

Aus dem Stadion von Maik Rosner

Hansi Flick klatschte schnell noch einmal in die Hände, um seine Mannschaft zur vielleicht letzten Chance anzutreiben. Doch kaum ließ der Trainer des FC Bayern seine Hände ruhen, ertönte schon der Schlusspfiff, ohne dass ein Münchner den Ball noch einmal berührt hatte. Zügigen Schrittes verließ Flick am Samstagnachmittag die kalte Arena, in der dieses 1:1 (0:1) gegen Werder Bremen am Ende seines 50. Pflichtspiels als Cheftrainer stand. Flicks Bilanz ist mit 45 Siegen, zwei Unentschieden und drei Niederlagen weiterhin sehr beeindruckend und sogar die beste in der Münchner Vereinsgeschichte. Doch fehlende Frische und Kreativität sowie ein bisschen Blues waren bei seinem kleinen Jubiläum schon dabei, und womöglich handelte es sich zumindest in Teilen durchaus um jene Begleiterscheinungen der straffen Agenda, die die deutsche Nationalmannschaft ein paar Tage zuvor beim 0:6 gegen Spanien neben anderen Defiziten in noch weitaus größerer Ausprägung erfasst hatte.

"Wir haben nicht ganz so unsere Chancen erspielt, wie wir das gewohnt waren", sagte Flick später auf die Frage, ob die Dauerbelastung so langsam ihren Tribut fordere. "Aber", fügte er hinzu, "es wird auch wieder andere Spiele geben, hoffe ich jedenfalls." Ebenso wie auf eine Rückkehr der angeschlagenen Corentin Tolisso und Bouna Sarr schon am Mittwoch gegen RB Salzburg, wenn bereits der Einzug ins Achtelfinale der Champions League und sogar der Gruppensieg erreicht werden können. Insgesamt acht Spiele stehen für die Bayern in den kommenden vier Wochen noch an.

"So muss man in München auftreten"

Maximilian Eggestein hatte Werder verdient in Führung gebracht (45.), Kingsley Coman glich mit einem Kopfball aus (62.). Zu einem Sieg reichte es für keine der beiden Mannschaften, weil in der Schlussphase zweimal Josh Sargent für Bremen und einmal der eingewechselte Münchner Eric Maxim Choupo-Moting das wohl entscheidende Tor verpassten. Für Werder stand nach 22 Niederlagen in Serie gegen die Bayern nun immerhin jenes Ergebnis zu Buche, das sie in den vergangenen Wochen offenbar zu ihrem Standard erhoben haben. "Fünf Mal 1:1 ist wahrscheinlich der langweiligste Rekord, den die Bundesliga zu bieten hat", sagte Trainer Florian Kohfeldt gut gelaunt bei Sky, stolz sei er auf dieses eingestellte Kuriosum jedoch nicht. Dafür aber auf die neue Stabilität seiner Mannschaft, die sich das unerwartete Remis verdient hatte, wie auch Flick urteilte. "Wenn man sieht, wer die besseren Torchancen hatte, hätten wir auch drei Punkte mitnehmen können", befand Werders Innenverteidiger Ömer Toprak sogar mit einigem Bremer Recht.

Für die Liga hielten Bayerns erste Punktverluste nach zuletzt neun Pflichtspielsiegen in Serie die beruhigende Erkenntnis bereit, dass sie nicht jeden Ausfall und Dauerstress kompensieren können. Hinzu kam Frank Baumanns Bestandsaufnahme zum Bremer Anteil am Remis, der den kommenden Münchner Gegnern durchaus als Vorlage dienen könnte. "Wir haben sehr, sehr gut verteidigt und die Bayern nicht ins Rollen kommen lassen", sagte Werders Sportchef, "die Bayern haben einige Räume angeboten. So muss man in München auftreten."

Mit einigem Unbehagen hatte Flick das 0:6 der DFB-Elf gegen Spanien verfolgt. Nicht nur aus alter Verbundenheit als ehemaliger Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, sondern auch wegen seiner geknickten Spieler im DFB-Team. Erleichtert hatte Flick deshalb im ersten gemeinsamen Training am Freitag zur Kenntnis genommen, dass die DFB-Spieler der Bayern in München sofort wieder mit jener Intensität und Arbeitsfreude kickten, die Flick von ihnen gewohnt ist. Jedenfalls hatte er das so kundgetan.

In seiner Startelf war das Länderspiel dennoch abzulesen, allerdings wohl vor allem, um eine zu hohe Belastung zu vermeiden. Nur Torwart Manuel Neuer bot Flick von den deutschen Nationalspielern auf, Leon Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané saßen zunächst auf der Bank sowie Niklas Süle gar auf der Tribüne, laut Verein aufgrund von Trainingsrückstand. Ein bisschen überraschte all das schon, besonders bei Goretzka, weil Joshua Kimmichs Absenz im defensiven Mittelfeld nach dessen Meniskus-OP ja aufgefangen werden musste. Flicks Lösung im ersten kompletten Spiel ohne Kimmich verblüffte ebenfalls durchaus.

Der 17 Jahre alte Jamal Musiala, sonst als offensiver Außen eingesetzt, unterstützte den erfahrenen Sechser Javier Martínez im Zentrum als Achter. Diese Lösung hatte allerdings nicht lange Bestand, weil Linksverteidiger Lucas Hernández früh aufs Becken gefallen war und sich in der 19. Minute mit Schmerzen zu weiteren Untersuchungen verabschiedete. Für ihn kam Goretzka, begleitet von einigen Umbauten in der Münchner Defensive. Goretzka übernahm von Martínez die Sechs, der Baske rutschte zurück in die Innenverteidigung und Abwehrchef David Alaba für Hernández nach außen in seine langjährige Rolle hinten links.

Überhaupt keine Großchance in der ersten Halbzeit

Wirklich eingespielt war die Münchner Formation schon vorher nicht, was sich die durchaus mitspielenden Bremen bereits in Form einer Doppelchance zunutze gemacht hatten. Zunächst schoss Sargent Neuer mit einer Direktabnahme an, Ludwig Augustinssons Nachschuss wehrte der Kapitän ab. Auch später wurde Werder immer wieder mit Bällen hinter die Münchner Kette gefährlich, wie bei Leonardo Bittencourts Volley ans Außennetz.

Die Bayern dominerten zwar, einem Tor ähnlich nah wie die Bremer kamen sie vorerst aber nicht. Es war sogar so, dass sie in der ersten Halbzeit überhaupt keine Großchance erwirtschafteten und mit einem 0:1 in die Pause gingen, weil Werder seine dritte gefährliche Torannäherung zur Führung nutzte. Sargent lief Martínez nach einem Einwurf einfach davon und legte den Ball zu Eggestein, der von Goretzka nicht gestört wurde und mit links an Neuer vorbei einschob. "Ein ganz, ganz billiges Gegentor", kritisierte Thomas Müller. Und viel fehlte kurz nach dem Seitenwechsel nicht, dass Milot Rashica einen Konter zum 0:2 abgeschlossen hätte, doch Jérôme Boateng kam ihm im letzten Moment noch entscheidend in die Quere.

Erst in der 52. Minute ließ sich Bayerns erste Torchance bestaunen, als Douglas Costa aus rund 20 Metern abschloss und sich der leicht abgefälschte Ball an die Latte senkte. Zehn Minuten später glückte Coman das 1:1 mit einem Kopfball, der an sein Tor zum 1:0-Sieg im Finale der Champions League gegen Paris Saint-Germain erinnerte. Allein schon, weil Kopfbälle eigentlich eher nicht zu Comans Vorlieben zählen, aber auch, weil Goretzka nun eine ähnliche Halbfeldflanke geschlagen hatte wie im August gegen PSG jener Kimmich, den Goretzka nun vertrat. Wenn man so will, spielte Kimmich wegen dieser Anleihe an seiner Originalflanke nun sogar ein bisschen mit, obwohl er auf der Tribüne saß.

Vermisst wurde er sonst aber erkennbar im Zentrum des Spiels als Arbeiter und Chef, als Antreiber und Gestalter zugleich. "Joshua wird immer fehlen, weil er ein wichtiger Spieler für uns ist", sagte Flick später. Dass Kimmichs Absenz ein großes Loch reißt, hatte Flick wohl auch spätestens geahnt, als er das 0:6 der DFB-Elf am TV verfolgte.

© SZ/sonn
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