FC Bayern Wie viel steckt in diesem Kader noch drin?

Die Elf des FC Bayern vor dem Champions-League-Spiel gegen Ajax Amsterdam.

(Foto: dpa)
  • In der Debatte um Bayern-Trainer Kovac kommt es darauf an, den Fußballlehrer in Verbindung zu setzen zu der Klasse, die er unterrichtet.
  • Wer den Bayern zuletzt beim Versuch des Fußballspielens zusah, konnte sich erinnert fühlen an das DFB-Team bei der verpatzten WM 2018.
  • Womöglich haben Bayerns Führungsfiguren die Kräfte der alten Helden etwas über- und die Tücken eines Umbruchjahres etwas unterschätzt.
Von Christof Kneer

Vom Kicker hat Franck Ribéry damals die Note 1,5 bekommen, zusammen mit Miroslav Klose war er der beste Spieler. Auch gut drauf an diesem Tag war Luca Toni, der neue Mittelstürmer, der mit einer 2,5 bewertet wurde und sich außerdem Bayerns Führungstor gutschreiben lassen durfte. Bayern hat noch zwei weitere Tore geschossen an diesem ersten Spieltag der Saison 2007/08, durch Klose und Klose, und die Fachpresse war sich einig, dass der Gegner mit einem 3:0 noch günstig davongekommen sei. Beim Gegner handelte es sich um Hansa Rostock mit dem Trainer Frank Pagelsdorf. Stefan Beinlich spielte auch mit bei Hansa, ein Mensch im Sturm hieß Enrico Kern. Der war selbstverständlich chancenlos gegen die bayerische Abwehr Lucio/Demichelis, die sich wiederum aufs defensive Mittelfeld Zé Roberto/van Bommel verlassen konnte. Auf der Bank der Münchner saß der Ottl Andi.

Franck Ribéry kommt von weit her, er spielte seinen Fußball schon in einer Zeit, in der RB Leipzig noch nicht mal gegründet war. Gegen Ribéry spricht das nicht, im Gegenteil. Es spricht sehr für ihn, dass er über elf Jahre später, mit 35, immer noch am linken Flügel ein Dribbling anreißt und sich durch zwei Gegner hindurchschlängelt.

Es spricht auch für den FC Bayern, dass er solche Karrieren zulässt und fördert.

Was nicht für den FC Bayern spricht: dass so ein Spieler über elf Jahre später immer noch so entscheidend ist für diese Mannschaft. Dass Franck Ribéry kein Kürelement ist, sondern immer noch Pflicht, ebenso wie Arjen Robben, der Mann vom anderen Flügel, der ein Jahr jünger ist und zwei Jahre später in den Verein kam.

Ribéry & Robben sind wichtiger für diesen Klub, als es zwei 34- bzw. 35-Jährige eigentlich sein dürften. Im hohen Alter sind sie vielleicht so wichtig wie noch nie, aber nicht, weil sie stärker wären als früher. Eher, weil das Drumrum schwächer ist.

Und damit zu Niko Kovac.

Es wird ja neuerdings misstrauisch verfolgt, was der neue Trainer so macht, ob er rotiert, wie er rotiert, ob die Defensive sein Problem ist oder die Offensive. Das alles ist branchenüblich und legitim, dennoch wird es in der aktuellen Debatte auch darauf ankommen, diesen Fußballlehrer in Verbindung zu setzen zu der Klasse, die er unterrichtet. Das ist ja die zentrale Frage, die sich im Falle einer Fortsetzung der Krise auch die Klubbosse an der Säbener Straße stellen müssen: Ist es so, dass dieser Trainer nicht alles rausholt aus diesem Team?

Oder steckt in diesem Team vielleicht gar nicht so wahnsinnig viel mehr drin?

Aktuell fühlt man sich erinnert an die DFB-Elf in Russland

Wer den Bayern zuletzt beim Versuch des Fußballspielens zusah, der hat sich womöglich an jene andere große deutsche Mannschaft erinnert gefühlt, die sich kürzlich bei der WM in Russland am Fußballspielen versuchte. Wie die DFB-Elf in ihrem Quartier in Watutinki, so macht plötzlich auch der FC Bayern einen überroutinierten und überspielten Eindruck, und manche Szenen wirkten wie in Slowmotion abgespielt. Tatsächlich handelt es sich zum Teil ja ums gleiche Personal: Jéròme Boateng, Mats Hummels, Thomas Müller und selbst Manuel Neuer sieht man inzwischen all die Kilometer an, die sie auf dem Tacho stehen haben, und mitunter meint man jede Faser zu spüren, die zuletzt ramponiert, beleidigt oder übermüdet war. Die Helden haben sich über Jahre wundgelaufen auf den europäischen Spielfeldern, dazu zählen auch Javi Martinez oder Robert Lewandowski, die - zumindest im Moment - nicht mehr die Präsenz und die Schärfe ausstrahlen wie zu besten Zeiten.

Dazu Ribéry und Robben: Das ergibt eine Mannschaft, die wie die Nationalelf - und das ist ja keine Schande - allmählich in ihrem Grenzbereich angekommen ist.

Diese Erkenntnis lenkt den Blick aber auf jene Führungsfiguren, die dem Trainer diesen immer noch hochwertigen, aber eben auch empfindlichen Kader hingestellt haben. Dieser Kader erscheint zumindest fürs höchste Niveau nur bedingt betriebssicher, wenn der Ausfall eines eher ordentlichen Spielers wie Rafinha auf den Außenbahnen sofort Katastrophenalarm auslöst. Und selbst der Ausfall eines ausgezeichneten Spielers wie Kingsley Coman sollte in einem ausgewogen gebauten Kader nicht gleich dazu führen, dass Robben und Ribéry noch unersetzlicher werden.

Womöglich haben sie bei Bayern die Kräfte der alten Helden etwas über- und die Tücken eines Umbruchjahres etwas unterschätzt. Immer mehr werden nach den Abschieden von Philipp Lahm und Xabi Alonso auch integrative Kräfte vermisst, die genügend Gespür und Autorität besitzen, um den Laden zu lenken. Boateng und Hummels sind sich bei Bayern in derselben skeptischen Rivalität verbunden wie bei der Nationalelf, Müller ist da und dort der lustige Solitär, und Neuer muss immer noch kämpfen, um wieder auf seiner unantastbaren Neuer-Höhe anzukommen. Diese Umbruch-Elf braucht Führung und Spieler, die mit Macht für den FC Bayern stehen - es ist kein ermutigendes Zeichen, wenn das am Ende auch noch die beiden Wilden vom Flügel machen müssen, von denen der eine schon gegen Frank Pagelsdorf gespielt hat.

Bundesliga Ein Kovac-Aus würde auf die Bosse zurückfallen

FC Bayern

Ein Kovac-Aus würde auf die Bosse zurückfallen

Im vergangenen Herbst entließ der FC Bayern früh in der Saison den Trainer nach einer Ergebniskrise. Aber diesmal sind die Umstände völlig andere.   Kommentar von Claudio Catuogno