Jahreshauptversammlung:Revolte bis nach Mitternacht

Vorstandsvorsitzender Oliver Kahn (FC Bayern Muenchen AG), Jahreshauptversammlung 2021, FC Bayern München. 25.11.2021 M

Erlebte eine eskalierende Jahreshauptversammlung: Oliver Kahn.

(Foto: Ulrich Gamel/Imago/kolbert-press)

"Das war die schlimmste Veranstaltung, die ich je beim FC Bayern erlebt habe", sagt Uli Hoeneß und verlässt die Halle. Das Thema Katar und die Kommunikation darum lässt die Mitgliederversammlung eskalieren. Der Abend endet in Buh-Rufen und Pfiffen.

Aus der Halle von Sebastian Fischer

Von vielen Szenen eines Abends, der in die Geschichte des FC Bayern eingehen wird, war eine der letzten die eindrücklichste. Menschen buhten, brüllten wütend und traten gegen Sitzschalen. "Wir sind die Fans, die Ihr nicht wollt", sangen sie. Da betrat Uli Hoeneß die Bühne, spontan, er wollte schlichten. Und es geschah etwas, das so wahrscheinlich noch nie geschehen ist: Ihm fehlten die Worte. Das, was er sagen wollte, behielt er für sich. Er verließ die Bühne wieder. Und als er aus der Halle ging, sagte er nur: "Das war die schlimmste Veranstaltung, die ich je beim FC Bayern erlebt habe."

Jahreshauptversammlungen des FC Bayern sind immer große Folklore. 2019, beim zuvor letzten Mal, war Hoeneß noch im Mittelpunkt. Er verabschiedete sich als Vereinspräsident, es gab ein "Danke, Uli"-Plakat, mindestens beinahe gab es ein paar Tränen. 6091 Mitglieder kamen damals in die Olympiahalle, weil der Verein befürchtet hatte, dass die Basketballhalle nicht ausreichen würde. Aber diesmal? Kamen nur 780 von erlaubten 1700, weil die Basketballhalle nur zu 25 Prozent gefüllt werden durfte. Wer drin war, musste genesen, geimpft und getestet sein, es galt die 2-G-Plus-Regel, außerdem FFP2-Maskenpflicht. Doch 780 Menschen mit FFP2-Masken probten etwas, das sich wie eine Revolte anfühlte.

Noch so eine vielsagende Szene, kurz vor Mitternacht: Dieter Mayer, der erste Vizepräsident, unterbrach die erste Wortmeldung nach Abarbeitung aller Tagesordnungspunkte. Mayer gehörte bislang nicht gerade zu den berühmten Figuren des Vereins, aber das dürfte sich seit Donnerstag ein bisschen ändern. "Es geht hier doch nicht um Demokratie", sagte er. Es gehe doch nur um einen juristisch nicht zulässigen Antrag. Doch wenn es nach der Mehrheit der Menschen in der Halle ging, lag er damit falsch.

Es war eigentlich der Abend von Oliver Kahn - bis das Thema Katar alles überrollte

Die Versammlung am Donnerstagabend war die erste seit Pandemiebeginn, 2020 war sie ausgefallen. Wie immer wurden die Geschäftszahlen präsentiert: 1,9 Millionen Euro Jahresüberschuss statt zuvor 9,8, 2019 waren es gar 52,5 Millionen gewesen, die Auswirkungen der Pandemie. Es ging auch inhaltlich kurz um Corona, die vierte Welle hat den FC Bayern zuletzt ja vehement getroffen.

Die letzte Meldung von vielen: Der ungeimpfte Joshua Kimmich hatte sich in häuslicher Isolation mit Corona infiziert. Präsident Herbert Hainer sagte, man versuche ständig auf die Spieler einzuwirken, Impfen sei der beste Weg aus der Pandemie. Er sagte auch, es sei nicht in Ordnung, Kimmich "an den Pranger zu stellen". Das hatte ein paar Stunden lang durchaus Nachrichtenwert, weil der Klub seinem Spieler bislang nicht gerade zur Seite gesprungen war. Doch später am Abend war es der FC Bayern, der am Pranger stand.

Es war eigentlich auch der Abend von Oliver Kahn, der seine erste Rede als Vorstandschef der FC Bayern AG hielt, Tagesordnungspunkt 8. Er legte den inhaltlichen Schwerpunkt auf die Stellung des Klubs im internationalen Vergleich, er plädierte für einen "Salary Cap", eine Gehaltsobergrenze. Es müsse verhindert werden, dass Investoren unbegrenzt Geld ausgeben dürfen. Dann bemerkte er, das Projekt "Super League" sei vollkommen zurecht kollabiert. Er traf damit einen Nerv, er erhielt langen Applaus der Mitglieder, die damit sonst gespart hatten. Doch es war der letzte Applaus des Abends für einen Funktionär auf der Bühne.

Das eigentliche Thema des Abends war eines, das den Verein schon seit Wochen beschäftigte: Katar. Vereinsmitglied Michael Ott, ein Rechtsreferendar aus Mainz, hatte einen Antrag einbringen wollen, um über die Zukunft des umstrittenen Sponsorings durch Qatar Airways abstimmen zu lassen. Seine Meinung: Es vertrage sich nicht mit den Werten des Vereins, es dürfe nicht über das Vertragsende im Jahr 2023 hinaus verlängert werden.

"Pfui" und "Buh", und Hainer fragt: "Sind Sie denn gegen einen sachlichen und fachlichen Dialog?"

Nur wenige Stunden vor der Versammlung hatte das Landgericht München I seine Beschwerde zurückgewiesen, die "eine Ergänzung der Tagesordnung hinsichtlich des Sponsorings durch Qatar Airways" erreichen sollte. Ott hatte sich zuvor schon ans Amtsgericht gewandt und war dort mit einer Einstweiligen Verfügung gescheitert. Denn der FC Bayern hatte seinen Antrag Ende der vergangenen Woche noch nicht zugelassen.

Der Verein sei nicht verpflichtet, auf der Jahreshauptversammlung "über das weitere Sponsoring durch Qatar Airlines zu beraten", erklärte das Gericht. Die Argumentation: Das Thema Sponsoring sei laut Vereinssatzung ausschließlich Aufgabe des Präsidiums, die Mitgliederversammlung nicht zuständig. Auch einen Spontanantrag am Abend lehnte der Verein ab. Mayer, der erste Vizepräsident, berief sich in seiner Begründung auf das Landgericht. "Wir werden nicht über rechtswidrige Anträge abstimmen", sagte er. Doch den erschienenen Mitgliedern ging es nicht um juristische Feinheiten. Als sich unter Tagesordnungspunkt 9, Anträge, Ott und noch ein weiterer Katar-Kritiker zu Wort meldeten, bekamen beide in der Halle stehende Ovationen.

Hainer war schon in seiner Eröffnungsrede konkret auf das Thema eingegangen: "Wir als Verein stellen uns jedem Diskurs." Natürlich dürfe auch Kritik sein. "Aber die Kritik soll immer sachlich und auf nüchterner Basis erfolgen", sagte er. Er meinte damit Ott, der den Verein in den vergangenen Wochen in Interviews "feige" und "niederträchtig" genannt hatte. "Pfui" und "Buh" riefen viele, es gab Pfiffe. Hainer fragte: "Sind Sie denn gegen einen sachlichen und fachlichen Dialog?" Doch das war nur der Prolog.

Als der Abend auf Mitternacht zuging, ging es um diverse Anträge und Satzungsänderungen, es ging zum Beispiel um die Verankerung von Menschenrechten. Doch unterschwellig ging es immer um Katar und die Kommunikation des Vereins in der Sache, die ihn schon seit Jahren von einem Teil der Fanszene entzweit. Das Präsidium kassierte mehrere Niederlagen in Abstimmungen zu Anträgen, jeweils frenetisch bejubelt. Nur ein weiterer Antrag von Ott, dass die Mitglieder zustimmen müssen, sobald die Anteile des Vereins auf 75 Prozent fallen, verfehlte knapp die Dreiviertelmehrheit.

Warum, fragt ein Mitglied, nimmt der Klub als Ärmelsponsor nicht einfach das zweitbeste Angebot?

Es war kurz nach zwölf, vielleicht bezeichnenderweise, als Hainer eine Wortmeldung beantwortete, die das Problem auf den Punkt brachte. Gregor Weinreich, lange Jahre Vorsitzender des Fanklubdachverbandes "Club Nr. 12", hatte über das Katar-Sponsoring gesprochen. Er verstehe den Klub bei diesem Thema einfach nicht. Er zählte auf, dass der FC Bayern Veranstaltungen der Fans nicht besucht und das Versprechen auf Dialog nicht eingehalten habe, obwohl immer vom Dialog die Rede sei. Und er fragte, wo Kahn doch zuvor das Financial Fairplay so gelobt hatte: Warum nehme man als Ärmelsponsor nicht einfach das zweitbeste Angebot nach Qatar Airways?

Die Halle erhob sich und klatschte minutenlang, es war der längste Applaus des Abends. Hainer antwortete zwar: "Wir haben bei weitem noch nicht entschieden, mit Katar weiterzumachen." Doch als er wenig später die Sitzung beendete, obwohl Antragsteller Ott und andere Mitglieder noch nicht gesprochen hatten, schwappte auf den Rängen der Halle die Wut über. "Hainer raus!", riefen die Fans.

Und während Uli Hoeneß die Halle sprachlos verließ, nur seine Fassungslosigkeit ausdrückte, scharten sich die verbliebenen Fans um ein Vereinsmitglied, das auf einen Stuhl stieg und einfach ohne Mikrofon seine Rede hielt. Es ging um einen Rassismus-Skandal am Campus im vergangenen Jahr. Die Menschen, die an diesem Abend die Mehrheit der Mitglieder des deutschen Fußball-Rekordmeisters waren, hörten ihm zu und jubelten.

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