FC Bayern in Fürth:45 Minuten in Unterzahl im Wohngebiet

Referee Robert Schröder with whistle, gestures, shows, watch, individual action, Schiedsrichter, shows red card to Benja

Robert Schröder zeigt Benjamin Pavard die rote Karte.

(Foto: via www.imago-images.de/imago images/ActionPictures)

Greuther Fürth bemüht sich nach Kräften, dem FC Bayern unbequem zu werden - hat aber nach der frühen roten Karte gegen Benjamin Pavard auch gegen zehn Münchner nicht wirklich eine Chance.

Von Christof Kneer, Fürth

Der Satz des Stadionsprechers schien einen Fehler zu enthalten, aber er enthielt keinen. "Wir spielen in einem Bundesligaspiel gegen den großen FC Bayern", rief er mit jener Mischung aus Ehrfurcht und kindlicher Weihnachtsfreude, die man sonst nur von Erstrundenspielen im DFB-Pokal kennt, wenn der große FC Bayern bei einem Verbandsligisten antritt, dessen Spieler im normalen Leben als Fliesenleger, Karosserieflaschner oder BWL-Studenten amtieren. Aber eben: Das hier war ein Bundesligaspiel. Der ruhmreiche Klub der tausend Titel trat mitten im Wohngebiet bei einem Verein an, bei dem die Gattin des ehemaligen Präsidenten Helmut Hack vor nicht allzu langer Zeit noch die Kuchen für den Presseraum gebacken hatte.

"Und das hier ist die Weltauswahl von Julian Nagelsmann!", auch das rief der Stadionsprecher der SpVgg Greuther Fürth noch, bevor er die Aufstellung des FC Bayern verlas. Das war rührend und vermutlich sympathisch, aber war es auch das richtige Signal im nicht sehr rührenden Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga, der die Fürther bereits stabil auf dem letzten Tabellenplatz führt? Wer aus dieser Begrüßung allerdings folgerte, die Fürther würden sich nur ein paar Bayern-Trikots signieren lassen, der täuschte sich in der fünften, sechsten und siebten Spielminute, als die Gastgeber kesses Pressing spielten und die Münchner durchaus beschäftigten. In der achten Minute stand es allerdings 1:0 für die Bayern.

Es war schon ein bisschen gemein: Zur Herstellung ihres Führungstors benutzten die großen Bayern das bewährte Stilmittel der Kleinen. Sie konterten. Nach einem Pressing-Versuch der Fürther sausten die Bayern über die linke Seite von Alphonso Davies nach vorne, nach Davies' Hereingabe wurde der Ball von Fürths Maximilian Bauer noch abgefälscht, wo er dem Weltauswahlspieler Thomas Müller vor die Füße fiel. Es war jenes frühe 1:0, das die Fliesenleger und Karosserieflaschner normalerweise ebenso desillusioniert wie deren Zuschauer. Das Publikum im Ronhof blieb allerdings ebenso tapfer wie die dazugehörige Mannschaft, deren mutig gemeinte Spiel- und Zweikampfführung aber mitunter ein bisschen ins Naive changierte. Am Ende hatte sich an der Tabellensituation nur wenig geändert: Nach dem ungefährdeten 3:1 (2:0) bleiben die Bayern ganz vorne und die Fürther ganz hinten.

Trainer Nagelsmann bot zuletzt viele erstaunliche Einblicke in sein Denkerstübchen

Abseits jener Fakten, die sich in einer Tabelle ablesen lassen, richten sich die Blicke bei den Bayern zurzeit vor allem auf ihren neuen jungen Trainer, der zuletzt immer wieder erstaunliche Einblicke in sein Denkerstübchen gewährte. Beständig treibt Julian Nagelsmann ja dasselbe Luxusproblem um: Wieviel vom Erfolgskonzept des alten Trainers Hansi Flick soll er beibehalten, was soll er ändern, und vor allem: in welchem Tempo? Ein weiteres Mal bestätigte sich in Fürth der Anfangsverdacht, dass Nagelsmann anders verteidigen lassen möchte als sein Vorgänger. Wieder ließ Nagelsmann seine Vorliebe für eine Dreier-Abwehr erkennen, bei eigenem Ballbesitz scherte Rechtsverteidiger Benjamin Pavard aus der Kette aus und ließ die Kollegen Niklas Süle, Dayot Upamecano und Lucas Hernandez beim Verteidigen allein - was keine unterlassene Hilfeleistung darstellte, sondern artige Befehlserfüllung. Der Trainer hatte ihn nach vorne geschickt.

Eine rote Karte beendet das Experiment mit der Dreieinhalber-Abwehrkette

Was allerdings auch gemein war: dass die Bayern trotzdem meistens über links spielten. Pavard sah zu, wie Davies auf der gegenüberliegenden Seite Flankenlauf auf Flankenlauf häufte, in der 31. Minute zum Beispiel, als es den großen Bayern vermutlich auch zum Erstaunen des Stadionsprechers gelang, ihr Führungstor einigermaßen originalgetreu nachzustellen. Davies flankte, Leroy Sané legte den Ball ab, Joshua Kimmich traf zum 2:0.

"Gegen eine der besten Mannschaften Europas geht es mit einem 0:2 in die Pause", sagte der Stadionsprecher kurz darauf.

Eine der besten Mannschaften Europas hatte bis dahin allerdings einfach das gezeigt, was sie zeigen musste. Ballsicher waren die Bayern, bei Bedarf ließen sie ihre Klasse aufblitzen, aber ihnen stand der Sinn diesmal nicht nach neuen Torrekorden. Nach der Pause suchten sich die Bayern eine neue Herausforderung, es war allerdings eine, die ihrem Trainer nicht gefiel: Nach einem hübschen Steilpass strebte Fürths Julian Green ohne schuldhaftes Zögern dem Bayern-Tor entgegen, als ihn Pavard in höchster Not von hinten zu Fall brachte. Schiedsrichter Schröder zückte nach zumindest kurzem Zögern die rote Karte - die Weltauswahl war jetzt nur noch zu zehnt.

Julian Nagelsmann wusste, was das bedeutete: Sein Experiment mit der Dreieinhalber-Abwehrkette war zumindest an diesem Abend zu Ende. Süle rückte mit seinem mächtigen Körper auf Pavards Position rechts hinten, Davies verkniff sich links das Stürmen, es entstand eine handelsübliche Viererkette. Die Fürther bemühten sich nun, ihre Überzahl nutzbar zu machen, aber auch mit einem Mann weniger geriet der Klub der tausend Titel nicht mehr ernsthaft in Gefahr - auch wenn dem eingewechselten Cedric Itter kurz vor Schluss noch der Ehrentreffer für Fürth gelang (87.).

Zuvor hatten sich auch die Fürther noch eine kleine Gemeinheit geleistet: Statt den unersättlichen Robert Lewandowski zum Schuss kommen zu lassen, erzielten sie das 3:0 der Bayern lieber selbst. Sebastian Griesbeck lenkte einen Freistoß von Kimmich ins eigene Netz (68.). "Das war aber fast ein Tor des Weltfußballers Lewandowski!", rief der Stadionsprecher - nicht.

© SZ/lib
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