FC Bayern in der Champions League:Nicht ganz 8:2

Thomas Mueller

Thomas Müller eröffnet erneut: Er schoss wie beim 8:2 vor etwas mehr als einem Jahr den ersten Treffer gegen Barcelona.

(Foto: Joan Monfort/AP)

Mit einem 3:0-Sieg startet der FC Bayern problemlos in die Champions League - und muss gegen eine erschreckend schwache Barcelona-Elf nicht mal überragend spielen.

Von Christof Kneer

Natürlich war die Frage vor dem Spiel allgegenwärtig gewesen - die Frage, wie lange 13 Monate wirklich sind. 13 Monate ist es her, dass dem FC Bayern ein Jahrzehntspiel rausrutschte und der FC Barcelona das Pech hatte, dabei zu sein. Würden sich die Katalanen noch sehr daran erinnern, und wenn ja, warum eigentlich? Würden sie in Angst erstarren oder Trotz entwickeln, oder wäre ihnen die Geschichte von vor 13 Monaten total egal, weil sie vollauf mit dieser seltsamen Gegenwart beschäftigt sind, in der Barcelona weniger Weltklassespieler, dafür mehr Schulden hat als je zuvor? Immerhin wurde sehr früh klar, dass dieses Auftaktspiel der Champions-League-Gruppe E eher nicht 8:2 ausgehen würde, und erkennbar war dann auch, was Spielerschwund und Schulden aus dem FC Barcelona gemacht haben: eine Elf, die nach ordentlichem Beginn ziemlich unordentlich wurde und am Ende fast froh sein konnte, dass der FC Bayern sich beim 3:0-Auswärtssieg mit seiner zunehmenden Dominanz zufriedengab und nicht weiteren Treffern hinterherjagte.

"Ab Mitte der ersten Halbzeit haben wir wenig zugelassen. Wir hatten viele Ballgewinne, hätten schon vor der Pause mehr Tore machen können. Hier zu spielen, macht richtig Spaß. Wenn du hier 3:0 gewinnst, ist das ein klares Signal. Das freut uns sehr", sagte Thomas Müller nach dem Spiel bei Amazon Prime.

Der FC Bayern ist damit wie gewohnt vielversprechend in die Champions-League-Vorrunde gestartet, aber eines war an diesem Abend doch neu: Hoher Favorit bei einem Auswärtsspiel in Barcelona, das waren die Bayern bisher noch selten gewesen. Womöglich haben die einen also ihre Demütigung von vor 13 Monaten mit aufs Feld geschleppt und die anderen ihre Favoritenrolle, jedenfalls entwickelte sich eine Anfangsphase, die aussah wie das Gegenteil eines 8:2-Spektakels. Beide Teams bemühten sich um Kontrolle, sie waren hoch konzentriert, wirkten zunächst aber noch ein bisschen mühselig und beladen. Die Anfangsphase sah aus wie das Ergebnis einer kleinen Rüstungsspirale; im Bemühen, die mutmaßlichen Qualitäten des anderen nicht zur Geltung kommen zu lassen, ließen beide ihre Waffen erst mal stecken.

Es war heiß an diesem Abend in Barcelona, das Tempo passte sich der Hitze an, und es dauerte etwa 20 Minuten, bis der Unterschied zwischen den Konkurrenten deutlich wurde: Die Bayern brauchten zwar eine gewisse Zeit, um sich an das ungewöhnlich vorsichtige 3-5-2-System der Gastgeber zu gewöhnen, aber sie konnten es besser. Bei Barcelona war das nicht zu erkennen. Sie blieben selbst in ihrer guten Phase nahezu ohne Torchance, anstatt Manuel Neuer hätte zumindest für eine Weile auch der Vorstandschef Oliver Kahn, 52, im Tor stehen können; und als die gute Phase endete, hätte irgendwer auf der Bayern-Bank auch mal schauen können, ob er vielleicht die Telefonnummer von Sepp Maier, 77, hat. Seinen Bayern von hinten beim Kicken zuschauen, das hätte der Sepp wahrscheinlich auch noch hingekriegt.

Bayern dominieren Barcelona - ohne überragend zu spielen

Wenigstens ein deutscher Torhüter bekam an diesem Abend etwas zu halten, Marc-André ter Stegen musste im Barcelona-Trikot in der 19. Minute einen Schuss von Leroy Sané parieren - in diesem Moment änderte sich das Spiel. Die Münchner mussten nicht mal überragend spielen, um zu dominieren, sie konnten sich im Mittelfeld auch ein paar jener Abstimmungsprobleme leisten, die der Übergang von Hansi Flick auf Julian Nagelsmann zurzeit noch mit sich bringt. In solchen Phasen ist es ziemlich praktisch, einen Thomas Müller im Team zu wissen, dessen schrulliges Spiel sich auch mal die Freiheit nimmt, akademische Feinheiten zu ignorieren.

In der 34. Minute erinnerte sich Müller an jene altehrwürdige Regel, die man vermutlich auch in der Jugend des TSV Pähl vermittelt bekommt: Wer nicht schießt, kann auch nicht treffen. Nach einem schnellen Angriff über die linke Seite schien es irgendwie nicht mehr weiterzugehen, aber so was ist dem Müller traditionell wurscht, er schoss halt mal, nicht besonders stark, nicht besonders platziert, wie Thomas Müller halt. Aber der Ball traf den Rücken des Barcelona-Verteidigers Eric Garcia und flog abgefälscht ins Tor, völlig unhaltbar für Marc-André ter Stegen, Oliver Kahn und Sepp Maier (34.).

Es sprach für die Bayern, dass sie sich mit der Führung nicht zufrieden gaben, sie setzten nach der Pause sofort nach. Und es sprach gegen den FC Barcelona, dass er dem kaum etwas entgegenzusetzen hatten. Sanés nächste Chance wehrte ter Stegen noch ab (52.), vier Minuten später konnte er nur noch hinterherschauen. Jamal Musiala, den Nagelsmann anstelle des angeschlagenen Serge Gnabry in seine Startelf berufen hatte, hämmerte den Ball an den Pfosten, den Abpraller verwandelte Robert Lewandowski gedankenschnell (56.).

Julian Nagelsmann gestattete sich nun ein paar Wechsel, auch seine Spieler ließen Barcelona vorübergehend ein wenig gewähren, aber am Ende konnte Lewandowski dann doch nicht widerstehen. Er nahm eine Einladung der Barça-Abwehr an und erzielte das 3:0. Aber das war schon in der 85. Minute. Für ein 8:2 war es da schon zu spät.

© SZ/tbr
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