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Fall Stepanowa:IOC gewinnt Gold im Heucheln

Athletics - European championships - Amsterdam

Julia Stepanowa und ihr Mann sollen den Anti-Doping-Kampf des IOC unterstützen. Im Gegenzug gibt es Geld.

(Foto: Michael Kooren/Reuters)

Die Entscheidung, Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa von Olympia auszusperren, war ein Skandal. Die Kehrtwende des Internationalen Olympischen Komitees, Stepanowa nun diskret zu unterstützen, kommt zu spät.

Zeit für eine kleine Sommerbilanz des Internationalen Olympischen Komitees mit seinem deutschen Chef Thomas Bach. Aus Zeit- und Platzgründen seien nur die Höhepunkte erwähnt: Die Vorgänge um treue Förderer Bachs wie den Kuwaiter Ahmad al-Sabah und den Iren Pat Hickey, die ins Visier der Justiz rückten (Sabah) oder inhaftiert waren (Hickey). Staatsdoping in Russland ohne harte Sanktionen. Und der Umgang mit der Frau, die den Betrug freilegte, von Versteck zu Versteck flüchtete und von Olympia ausgesperrt wurde: Whistleblowerin Julia Stepanowa.

Das IOC doziert gerne über Ethik, Fairness, Erziehung. In Wahrheit ist es längst derart weit von diesen Werten abgerückt, dass es sie nicht mal mehr mit dem Fernglas erspähen kann.

Jetzt weht also die Kunde herein, dass Bach Stepanowa und ihren Ehemann Witali unterstützen will. Ein Stipendium für die 800-Meter-Läuferin, ein Beraterjob im Anti-Doping-Ressort des IOC für Witali, der sich in Russlands Anti-Doping-Behörde einst gegen die Korruption stemmte. Klingt gut. Kommt leider ungefähr zwei Jahre zu spät. Damals hatten die Stepanows in der ARD erstmals Beweise für den Systemschwindel vorgelegt. Die Welt-Anti-Doping-Agentur und der Leichtathletik-Weltverband IAAF gaben sich entsetzt, die Stepanows aber wurden ignoriert. Erst als Wada-Chef Craig Reedie und IAAF-Boss Sebastian Coe in Bedrängnis gerieten, erhielt Stepanowa Zuspruch. Sie durfte bei der Leichtathletik-EM starten, IAAF und Wada stellten eine Empfehlung für einen Start in Rio aus. Und das IOC? Schlug sich auf die Seite des Kremls; Russland sieht in Stepanowa eine Verräterin, bis heute.

Es folgte ein absurdes Schauspiel, das zeigte, wie sehr die Ringe-Familie all die verachtet, die Olympias Scheinwelt entblättern. Bach beauftragte seine hausinternen Ethiker, die zu der Erleuchtung kamen, Stepanowa sei "ethisch ungeeignet" für einen Start in Rio. Sie habe einst ja selbst gedopt. Kurz darauf fehlten in Rio zwar fast alle russischen Leichtathleten - dank Stepanowas Belegen und einem IAAF-Verdikt -, dafür traten diverse ehemalige Dopingtäter auf, auch aus Russland. "Abscheulich", urteilte IOC-Mitglied Richard Pound. Bach moderierte die bislang größte Glaubwürdigkeitskrise seines IOC, indem er den schönen Schein krampfhaft aufrecht erhielt.

Nach Olympia werden ja oft Medaillen umgeschichtet, möglichst unauffällig, weil Nachtests viele Leistungen als Schwindel entlarven. Dass Bach sich erst jetzt diskret mit den Stepanows trifft, da seine Umfragewerte im Keller und die Scheinwerfer des olympischen Theaters ausgeknipst sind - dafür hat sich das IOC nachträglich auch eine Medaille verdient: Gold in der Disziplin Heuchelei. Und man darf gespannt sein, was passiert, sollte sich eine vom IOC unterstützte Stepanowa in knapp vier Jahren erneut für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen bewerben.

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