Glasgow Rangers gegen Leipzig:Überwältigt von der emotionalen Wucht

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Glasgow Rangers gegen Leipzig: Der finale Nackenschlag: Die Leipziger müssen sich den Jubel von John Lundstram anschauen, der Glasgow mit seinem Tor ins Finale führt.

Der finale Nackenschlag: Die Leipziger müssen sich den Jubel von John Lundstram anschauen, der Glasgow mit seinem Tor ins Finale führt.

(Foto: Russell Cheyne/Reuters)

Die Glasgow Rangers werden selbst von der Ehrentribüne angepeitscht, Leipzig verzweifelt und verpasst das Endspiel. Die Schotten widmen ihren Finaleinzug auch dem verstorbenen Zeugwart.

Von Javier Cáceres, Glasgow

Fußballkabinen sind heilige Räume voller Geheimnisse und Riten, die nur denen bekannt sind, die dort Zugang haben. Sie haben eher etwas mit Beichtstühlen als mit Umkleiden gemein, und der Beichtvater ist in nicht wenigen Fällen der Mann, der mit der Berufsbezeichnung Zeugwart geführt wird und im engeren Sinne dafür zuständig ist, die richtigen Trikots, Hosen, Stutzen und Schuhe herauszulegen.

Jimmy Bell war so ein Mann, bei den Glasgow Rangers wirkte er mehr als 30 Jahre lang. Bis er am Dienstag überraschend verstarb. Am Donnerstagabend spielten die Rangers im Halbfinale der Europa League gegen RB Leipzig, und sie wollten hier nicht nur das 0:1 aus dem Hinspiel aufholen. Sondern vor allem für Jimmy siegen. Es gelang ihnen. Die Rangers gewannen 3:1 und zogen ins Endspiel von Sevilla ein, wo sie am 18. Mai auf die Frankfurter Eintracht treffen. Es wird für die Rangers das wichtigste Spiel seit exakt 50 Jahren, als sie in Barcelona gegen Dynamo Moskau den Pokalsiegerwettbewerb gewannen. Für die Leipziger hingegen ist eine Titeloption perdu. Ihnen bleibt die Hoffnung auf den Pokalsieg. Sie treffen am 21. Mai im Endspiel von Berlin auf den SC Freiburg.

Der Sieg der Rangers basierte darauf, dass ihre Mannschaft exakt nichts mit dem Team zu tun hatte, das sich in der Vorwoche in der Leipziger Arena präsentiert hatte. Dort war Glasgow eine Art Dr. Jekyll gewesen, im heimischen Ibrox Stadium war die Mannschaft von Trainer Giovanni van Bronckhorst nun Mr. Hyde. Ein fieberhaft anlaufendes Team, das von der ersten Sekunde an auftrat, als bohrten die 50 000 Zuschauer den elf Spielern in blauen Hemden Sporen ins Fleisch. Selbst auf der Ehrentribüne brüllten die Vertreter der Upper Class wie Berserker, obwohl sie fein geknotete Schlipse am Hals hängen hatten, und trugen ihren Teil dazu bei, dass auf dem Rasen jeder Zweikampf mit der unerschrockenen Entschlossenheit geführt wurde, die man von Wirtshausschlägereien kennt.

Doch während die Rangers mit angebrochenen Gläsern hantierten, traten die Leipziger mit aufgerissenen Tetra-Paks an. Ihr erstes Foul leisteten sie sich in der 35. Minute. Zu dem Zeitpunkt führten die Rangers schon mit 2:0.

Leipzigs Glück hält nur zehn Minuten

Besonders der erste Treffer war von emotionaler Wucht. Ryan Kent setzte sich auf der linken Seite durch und passte flach in den Fünfmeterraum, wo James Tavernier den Ball aus kurzer Distanz über die Linie drückte (18.). Tavernier hatte am Vorabend erzählt, wie ihm Zeugwart Bell vor jedem Spiel die Kapitänsbinde über den Bizeps zog. Sechs Minuten später war es dann Glen Kamara, der aus 16 Metern flach zum 2:0 ins Leipziger Tor traf. RB Leipzig hatte dem kaum mehr entgegenzusetzen als Schüsse seiner beiden Spanier. Einmal setzte Dani Olmo knapp über den Winkel (28.), kurz vor der Pause schoss Angeliño bei einem Freistoß Verteidiger Joe Aribo im Wortsinn K.-o. - Aribo bekam den Ball ins Gesicht, kippte vornüber und musste ausgewechselt werden.

Es folgte die einzige Phase, in der Trainer Domenico Tedesco mit seiner Mannschaft kommunizieren konnte. In der Abgeschiedenheit der eigenen Kabine waren die Zuschauer nicht zu hören. Die Leipziger vermochten es dann, längere Ballbesitzphasen zu haben. Doch zwingende Chancen entwickelten sich daraus nicht. Ihrem Spiel fehlte lange Zeit die nötige Dringlichkeit, Entschlossenheit und Präzision - bis Konrad Laimer in der 70. Minute zentral freigespielt wurde und im Strafraum allein vor Rangers-Torwart Allan McGregor stand.

Laimer schoss den Keeper an - und konnte von Glück reden, dass sich sofort eine neuerliche Großchance auftat, als er noch damit beschäftigt war, sich die Haare zu raufen. Denn nach einer Flanke von Angeliño von links verlängerte Stürmer Christopher Nkunku - wer sonst? - den Ball zum 2:1 ins Netz (70.). Damit war die K.-o.-Runde ausgeglichen. Doch nur für zehn Minuten.

Eine Flanke von Rangers-Offensivkraft Kent wurde lang und länger - und flog im hohen Bogen über Leipzigs Torwart Peter Gulacsi hinweg. Verteidiger Josko Gvardiol kratzte den Ball noch von der Linie. Doch der landete bei John Lundstram, der flach zum 3:1 einschoss. Das bedeutete den Finaleinzig - auch weil angesichts des Todes ihres Zeugwarts Jimmy Bell die Rangers-Profis willens waren, das Spiel ihres Lebens zu machen.

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