Es war einmal WM - 1986:Uli Stein muss abreisen

Doch Beckenbauer hatte keine Strategie für Konfliktlösungen. Auch vier Jahre später, als die deutsche Mannschaft in Italien mit ihm überzeugend Weltmeister wurde, handelte er seinem Naturell entsprechend oftmals intuitiv. Aber da war seine Haltung viel eindeutiger, er wirkte sicher und ernsthafter.

"Diese Weltmeisterschaft war das reinste Chaos", erinnerte sich Dieter Hoeneß. Besonders Uli Stein hatte darunter zu leiden. In Mexiko fühlte sich Stein ausgebootet, nachdem Beckenbauer ihm eröffnet hatte: "Du bist derzeit der beste Torwart der Welt, aber hier kannst du nicht spielen."

Stein war tief gekränkt, vermutete Interessen des DFB-Partners Adidas. Er betrieb Frustbewältigung, indem er in der Lobby demonstrativ Bier trank oder den einstigen Knorr-Werber Beckenbauer als "Suppenkasper" verspottete. Wie Augenthaler, Jakobs und Dieter Hoeneß überzog er nach einem Besuch der nahegelegenen Millionenstadt Querétaro um drei Stunden den Zapfenstreich. Am nächsten Vormittag mussten alle beim Teamchef antreten.

"Dann gib mir gleich mein Ticket"

Beckenbauer begann seine Standpauke mit: "Ihr Idioten", viel weiter kam er nicht. "Pass gut auf, was du sagst, Franz", parierte Hoeneß, "hier ist kein Idiot." Augenthaler, Jakobs und Hoeneß sollten jeweils 5000 Mark Strafe zahlen, Stein 10.000. "Das rettet dich vor dem Heimflug", beschied ihm der Teamchef. Darauf Stein: "Dann gib mir gleich mein Ticket", wie im Duett stimmten Augenthaler und Hoeneß ein: "Mir auch". Beckenbauer stutzte einen Moment, lachte und meinte, dann fliege natürlich keiner.

Am Tag darauf erwischte es Stein doch. "Tut mir leid, Uli, die Order kommt von ganz oben", sagte Beckenbauer beim Abschied. Der DFB-Präsident Hermann Neuberger hatte den Daumen gesenkt.

Mit den Erfolgen der Mannschaft wurde Franz Beckenbauer etwas gelassener. Gleichwohl blieb er, wegen seines Charmes oft verkannt, ein unbestechlicher Verfechter des Leistungsprinzips, dem der Sieg über alles geht.

Dieser Text ist dem Buch "Süddeutsche Zeitung - WM-Bibliothek Spanien 1982" entnommen.

Teil eins der Serie: Schwarzes Wunder - die Geschichte von José Leandro Andrade, dem ersten Glamour-Star des Fußballs und Weltmeister von 1930.

Teil zwei: Deutschland ehrenvoll ausgeschieden - die erste WM-Teilnahme der Deutschen 1934 zwischen Nazipropaganda und Szepans tollem Spiel.

Teil drei: Torhüter mit gebrochenen Knochen - wie schwer es die besten Torhüter ihrer Zeit in den dreißiger Jahren hatten.

Teil vier: No World Cups, please! - die erste WM-Teilnahme Englands im Jahr1950 gerät zur Blamage.

Teil fünf: 4:1 für Deutschland - ich bin sprachlos - wie Gefängnis-Insassen der DDR den WM-Titel 1954 im Radio erleben.

Teil sechs: "Trainer, stellen Sie mich bitte nicht mehr auf" - wie der Torhüter Heinrich Kwiatkowski 14 Gegentore in zwei WM-Einsätzen kassiert.

Teil sieben: "Ein Tritt, ein Flug" - die Geschichte des brasilianischen Dribblers Garrincha, der 1962 kaum mit fairen Mitteln zu fassen war.

Teil acht: "Hund Pickels findet WM-Pokal" - über die Suche nach dem verlorenen gegangenen Pott in England 1966.

Teil neun: "Vier Tage Arrest für Bobby Moore" - wie die englische Fußballlegende in eine Diebesgeschichte verwickelt wurde.

Teil zehn: "Herrgott i bitt' di, lass gwinna Haiti" - wie die Insel-Kicker aus HaitiWerbung für den Tourismus machten.

Teil elf: Allys lustige Army - das Chaos in der schottischen Nationalmannschaft in Argentinien.

Teil zwölf: "Ein schmutziges Stück Fußball-Porno" - Ein Schandfleck der österreichischen und deutschen WM-Geschichte.

© SZ.de/dimo/jkn
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