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Rechte Fans im Fußball:Viele Fans fühlen sich missverstanden, wenn über das Nazi-Problem berichtet wird

"In der Fußball- und Fanszene konnten sich diese Gruppen jahrelang frei bewegen und Nachwuchs rekrutieren, ohne große Gegenwehr", sagt Hooligan-Forscher Robert Claus, der die Szene seit Jahren beobachtet. Ein Beispiel: Noch 2013, also 14 Jahre nach der Gründung von Inferno, ging der damalige Vereinssprecher von Energie so mit dem Problem der rechten Fans um, er sagte dem RBB: "Aus unserer Sicht sind es Einzelne. Wir sind ja mit denen im Gespräch. Und die Menschen von Inferno, mit denen wir sprechen, die sagen uns jedes Mal: Nein, wir sind nicht im rechtsextremen Milieu unterwegs." Nach den Vorfällen 2017 beim Derby gegen Babelsberg beschloss Energie Cottbus eine Zusammenarbeit mit dem Toleranzbündnis "Cottbuser Aufbruch". Lange habe sich Energie gegen die Zusammenarbeit gewehrt, sagte Mitglied Bettina Handke damals dem Nachrichtenportal watson.de: "Die dachten, wir würden ihnen etwas Böses wollen."

Diese Befürchtung treibt viele in Cottbus um. Durchschnittlich 7300 Menschen besuchen das Stadion der Freundschaft, von denen sich etliche missverstanden fühlen, wenn wieder über das Nazi-Problem berichtet wird. Wenn es aus ihrer Sicht größer gemacht wird, als es ist. Man würde die Nazis damit stärken und den Herzensverein gleichermaßen schwächen. Gerade jetzt, im Abstiegskampf.

26,8 Prozent haben bei der Bundestagswahl 2017 im Wahlkreis Cottbus- Spree-Neiße die AfD zur stärksten Partei gewählt, doch eine starke Gegenbewegung in der Stadt will man sich trotzdem zuschreiben. "Es gibt noch genügend Leute, die sich gegen Inferno stellen", sagt so auch Joschka Fröschner von der Opferperspektive, "aber sie müssen damit umgehen, dass es dieses Gewalt- und Bedrohungspotenzial der Rechten gibt." Was die "Energiefans gegen Nazis" ja genauso erleben. Sie sind eine kleinere Gruppe von Fans, die aber davon ausgehen, dass sie die Mehrheit der Energiefans repräsentieren. Schließlich applaudieren ihnen die Leute auch, wenn sie ihr Banner im Stadion aufhängen. Fast 1400 Menschen gefällt die zugehörige Seite auf Facebook. "Daran, dass sie offenbar nicht ihre Fahne aufhängen können, ohne dafür auch Gewalt und Bedrohungen zu kassieren, ist im Grunde das ganze Dilemma schon geschildert", sagt Rechtsextremismus-Experte Claus. Die Rechten bleiben sichtbar, der große Rest ist eingeschüchtert.

Von 170 Personen spricht der Verfassungsschutz, wenn er die rechtsextreme Szene in Cottbus beschreibt, von einer hohen zweistelligen Zahl an Inferno-Mitgliedern und Zugehörigen der Nachwuchsorganisation "Unbequeme Jugend". "Wenn man sich die Muskelkraft anguckt, dann üben sie das Gewaltmonopol im Ultrablock aus", sagt Claus. Logisch: Einige Kampfsportstudios sind gut besuchte Orte rechter Schläger. "Jeder Neonazi kann in Deutschland ein Kampfsportgym aufmachen. Das öffnet Tür und Tor für militante Faschisten", sagt Claus.

Am Mittwoch will sich Energie Cottbus unter anderem mit Verfassungsschutz und Polizei treffen, "Runder Tisch der Vielfalt" haben sie das genannt, 2018 gab es eine erste Version davon. Die Stelle für "Vielfalt und Toleranz" wird nun geschaffen, es hat lange gedauert, bis der Fußball-Drittligist die Finanzierung sichern konnte. Auch Präventionsmaßnahmen mit Schulen soll es geben. Die kommen für Fanforscher Claus insgesamt noch viel zu kurz, seien aber die wichtigste Methode: "Nur so kann man langfristig das Problem lösen: Indem man versucht, der Szene den Nachwuchs abzugraben, oder es ihnen zumindest deutlich schwerer macht, an ihren Nachwuchs zu kommen." Das brauche allerdings eine langfristige Strategie und Zeit, um zu wirken, mehrere Jahre.

Es ist schon viel Zeit verloren gegangen in Cottbus.

© SZ vom 06.03.2019/tbr
Mg Reggio Emilia 19 08 2018 campionato di calcio serie A Sassuolo Inter foto Matteo Gribaudi I; Kevin Prince Boateng Sassuolo

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