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Emir Spahic beim HSV:Er will doch nur spielen

Nach Eklat um Spahic: Bayer will ´schonungslose Aufklärung"

In Leverkusen nach einer Prügelei suspendiert, beim Hamburger SV soll er nun die Defensive ordnen: Emir Spahic.

(Foto: Jonas Güttler/dpa)
  • Wortgefecht, Prügelei, ausgeschlagene Zähne: Nach einem Eklat in der vergangenen Saison musste Emir Spahic Bayer Leverkusen verlassen.
  • Man dachte, kein Bundesligaklub würde ihn noch verpflichten, doch der Hamburger SV gibt ihm eine Chance.

Von Carsten Eberts, Hamburg

Von Gladbach nach Leverkusen sind es rheinabwärts nur 70 Kilometer. Von daher hätte Emir Spahic die erste Dienstreise für den Hamburger SV fast nah ran in die böse Vergangenheit geführt. Hätte Spahic am Sonntag beim Vorbereitungsturnier in Gladbach spielen müssen, hätten sich die Leute daran erinnert, was im April nebenan in Leverkusen geschah.

Doch Spahic ist noch gesperrt, bis einschließlich Sonntag. Erst ab Montag darf er wieder Fußballspiele bestreiten.

Ein Wortgefecht, eine Prügelei, zwei ausgeschlagene Zähne: Es waren schlimme Bilder, die Spahic, 34, vor wenigen Monaten nach dem Leverkusener Pokal-Aus gegen den FC Bayern produzierte. Nach dem Spiel war er mit Freunden mit dem klubeigenen Sicherheitspersonal einander geraten. Spahic fühlte sich drangsaliert, sprang einem Ordner auf den Rücken, schlug zu, verteilte eine Kopfnuss. Es dauerte Minuten, ehe der Bosnier zur Vernunft bewegt werden konnte. Der Verein sah sich das Videomaterial an, bewertete die Ereignisse. Schnell war man sich einig, dass einer wie Spahic keine Zukunft hat.

Nicht in Leverkusen, auch nicht bei einem anderen Bundesligisten, so wurde allseits vermutet.

Auch der Trainer hatte Vorbehalte

Doch der HSV suchte in diesem Sommer einen Innenverteidiger, und da der Klub bei Spielern, die auch von anderen Klubs umworben werden, kaum Chancen hat, rückte Spahic in den Fokus. Viele mussten sich an den Gedanken erst gewöhnen, so hat etwa Coach Bruno Labbadia offen über seine Vorbehalte gesprochen. Auch in der Stadt war das Entsetzen anfangs groß. Vom "Prügel-Profi" und vom "Bad Boy" war in Hamburger Medien die Rede. Als hätte der HSV nicht schon genug Probleme.

Doch die Führungsriege fasste ihren Entschluss, es mit Spahic zu versuchen. Vielleicht spielte ja auch der biblische Grundsatz eine Rolle, dass jeder Mensch im Leben eine zweite Chance verdiene. Man habe die Ereignisse in Leverkusen kritisch bewertet, viele ehemalige Mitspieler und Weggefährten befragt, erklärte Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer. Cheftrainer Labbadia saß mit dem Bosnier über drei Stunden beim Abendessen, auch er klopfte alle kritischen Punkte ab. Schließlich entschieden die Bosse, dass die Chance, dass sich Emir Spahic fortan im Griff hat, ausreichend groß ist.

Auch Spahic hat in dieser Woche ein paar Dinge gesagt, die darauf schließen lassen, dass er seine Auszeit genutzt hat, um über seine Rolle im Fußballbetrieb nachzudenken. Er freue sich riesig über das Angebot aus Hamburg. Er wolle in der Hansestadt seinen "Job machen" und "nur Fußball spielen", erklärte Spahic. Über alles andere mag er nicht reden.

Er soll den HSV-Hühnerhaufen in der Defensive ordnen

"Emir weiß, dass er einen großen Fehler begangen hat. Seine Reue wirkte nicht gespielt", erklärte Trainer Labbadia nach dem gemeinsamen Abendessen. Auch in der Mannschaft wurde Spahic "sehr positiv" aufgenommen, wie er selbst sagt. "Er tut uns richtig gut", lobte sein Mitspieler Pierre-Michel Lasogga: "Gut, dass wir so einen Verteidiger haben, vor dem die Gegner sicher Respekt haben." Er sprach von Spahic' Statur, seiner Zweikampfstärke.

Dass er ein sehr guter Innenverteidiger ist, hat Spahic in 49 Bundesliga-Partien und etlichen Einsätzen in Champions League für Leverkusen bewiesen. Sogar einer von jener Klasse, den der HSV niemals hätte finanzieren können, hätte Spahic seinen eigenen Marktwert nicht mit Macht nach unten gedrückt. Am Sonntag in Gladbach darf er noch nicht zeigen, dass er die HSV-Defensive, die zuletzt einem Hühnerhaufen glich, ordnen kann. Aber danach setzen sie große Stücke auf ihn.

Wer in der kommenden Saison neben ihm spielt, ist noch nicht klar. Johan Djourou ist ein Kandidat, aber auch der Brasilianer Cléber oder Talent Jonathan Tah, sofern er denn in Hamburg bleibt. Spahic wird an in jedem Fall der Abwehrchef sein: der Boss, auf den alle hören. An die zahlreichen Kameras, die ihn verfolgen und nur darauf warten, dass er wieder ausfällig wird, muss er sich gewöhnen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes fehlte der Hinweis, dass Spahic in Gladbach noch gesperrt ist. Wir entschuldigen uns dafür.

© SZ vom 12.07.2015/fued

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