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Fußball-EM:Eine Bühne für umstrittene Regime

Azerbaijan, Baku, city skyline with Baku Television Tower and Flame Towers form Baku Bay, dawn. (Walter Bibikow)

Der östlichste und zugleich umstrittenste der elf Austragungsorte der Europameisterschaft: Aserbaidschans Hauptstadt Baku.

(Foto: Walter Bibikow /imago images)

In der Not ersann die Uefa vor knapp zehn Jahren das Konzept einer europaweiten EM. Dies führt nun dazu, dass sich mehrere umstrittene Staatsführungen inszenieren können - insbesondere das autoritäre Regime in Aserbaidschan.

Von Johannes Aumüller

Michel Platini war erkennbar darum bemüht, gute Laune zu verbreiten. Die EM 2012, ausgetragen in Polen und der Ukraine, ging zu Ende, und der damalige Präsident von Europas Fußball-Union (Uefa) saß in Kiew in der obligatorischen Abschluss-Fragestunde. Er feixte und scherzte, und zwischendurch teilte er mit, dass er in den vergangenen Wochen viel Wodka getrunken habe. Da passte es doch, dass er in diese Darlegungen einen Satz einstreute, den mancher im Saal zunächst als Schnapsidee verbuchte: Wie wäre es, fragte Platini also in die Runde, "wenn wir die EM 2020 nicht in einem Land oder in zwei Ländern veranstalten würden - sondern in ganz Europa?"

Damit war eine bemerkenswerte Idee in der Welt - auch wenn sie Platini und der Uefa eher in der Not gekommen war. Denn in jenen Tagen hatte der Verband Mühe, überhaupt noch geeignete Bewerber für künftige EM-Turniere zu finden. Viele Länder in Europa steckten in einer tiefen wirtschaftlichen Krise und hatten andere Sorgen als die mögliche Veranstaltung eines solchen Events; zumal durch die lustigerweise just von Platini initiierte Aufstockung des Teilnehmerfeldes von 16 auf 24 Teams die Anforderungen noch gestiegen waren. Aber nun versuchte die Uefa, den europaweiten Ansatz als tolle Idee zu verkaufen. "Dann muss jedes Land nur noch ein Stadion und einen Flughafen bauen", sagte Platini, und ein Symbol für die europäische Vereinigung sei das doch auch, hieß es.

Knapp neun Jahre nach Platinis Auftritt beginnt nun tatsächlich eine EM quer durch Europa. Es ist ein Konzept, das gewiss ein paar vorteilhafte Facetten hat. Aber zugleich ist es so ausgestaltet worden, dass zu den größten Profiteuren ein paar der umstrittensten politischen Regime des Kontinents gehören - die das Turnier nun als besondere Bühne nutzen können.

Aserbaidschans autokratischer Staatspräsident Ilham Alijew nutzt den Sport schon seit Jahren zur Selbstdarstellung

Das gilt insbesondere für den östlichsten der elf Austragungsorte: Baku, die Hauptstadt von Aserbaidschan. Schon seit Jahren prangern Menschenrechtler die Lage in dem autoritären Regime von Staatspräsident Ilham Alijew an, und nach dem neuerlichen Ausbruch des Konfliktes zwischen Aserbaidschan und Armenien um die Region Bergkarabach 2020 verschlimmerte sich die Situation laut Amnesty International noch einmal. In dem Kampf sei es zu zahlreichen Menschenrechtsverstößen gegen die Zivilbevölkerung und zu Kriegsverbrechen gekommen. Innerhalb des Landes hätten die Behörden den Konflikt genutzt, um noch rigider gegen Kritiker vorzugehen. Dutzende Oppositionelle und Aktivisten seien willkürlich festgenommen worden, und zentrale Grundrechte blieben eingeschränkt. Aber der Autokrat Alijew darf sich trotzdem als Gastgeber der EM inszenieren.

Sein Regime nutzt den Sport schon seit Jahren zur Selbstdarstellung. 2015 eröffnete das neue Nationalstadion, kurz darauf fanden die Europaspiele in Baku statt und kam die Formel 1 - und im Fußball war das Engagement besonders. 2013 stieg Socar, ein staatlich kontrolliertes Energieunternehmen, bei der Uefa als Sponsor ein, 2019 war Baku Spielort des Europa-League-Finales, und nun, als Krönung der Entwicklung, ist Aserbaidschan also Mit-Gastgeber der EM. Drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale finden dort statt.

Ähnlich wie Baku wäre auch Budapest ohne das Konzept eines europaweiten Turnieres nur schwerlich EM-Gastgeber geworden. Und auch in Ungarn versucht sich die Staatsführung um den umstrittenen Ministerpräsidenten Viktor Orban entsprechend zu inszenieren. Sport sei ein "strategischer Sektor", sagte Orban vor ein paar Jahren mal, insbesondere auf den Fußball spielte er an. In vielen Klubs und an anderen Schaltstellen haben Mitglieder von Orbans Fidesz-Partei das Sagen. Sehr viel Geld floss in den vergangenen Jahren in den Sport, und das nicht nur in dem Örtchen Felcsut, wo Orban ein großes Anwesen hat, sondern quer durchs Land. Aber längst rechnen Kritiker hoch, dass die Investments der Regierung in den Sport viel zu hoch ausfallen würden im Vergleich zu jenen in die Bildung oder das Gesundheitssystem.

Dazu kommt ein weiterer bemerkenswerter Spielort: Sankt Petersburg. Die EM ist das erste große Sportevent, das in Russland stattfindet, seitdem der Internationale Sportgerichtshof (Cas) wegen des umfangreichen Staatsdopingsystems einen zweijährigen Ausrichter-Bann verfügte. Doch dieser Spruch betrifft nur Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. Die EM - und damit eines der drei größten Sportevents des laufenden Jahres - hingegen klassifiziert der Cas als "regionales/kontinentales Ereignis". Aber damit nicht genug: Russland kommt trotz der Sperre sogar in den Genuss, besonders viele Spiele auszurichten und damit nach dem Endspiel-Ort London die zweitwichtigste Spielstätte des Turnieres zu sein. Denn als die Uefa kürzlich Dublin als Ausrichter strich, weil die Iren keine Garantie für Zuschauer in Stadien abgeben wollten, schlug sie die für dort vorgesehenen Gruppenspiele zusätzlich Sankt Petersburg zu.

Zugleich ist das Turnier in Russland aus einem zweiten Grund aufgeladen: dem Konflikt des Landes mit der Ukraine, der auf vielfältige Weise längst auch auf den Sport Einfluss nimmt. Erst in dieser Woche gab es in Russland einen großen Aufschrei, weil auf den neuen ukrainischen Nationaltrikots eine Silhouette mit den Umrissen des Landes abgebildet ist - inklusive der Halbinsel Krim, die Russland 2014 völkerrechtswidrig annektierte und als sein Eigen betrachtet. Schon bei der Auslosung der Gruppen war die Auseinandersetzung aber ein Thema gewesen, weil die Uefa ein Vorrundenduell zwischen Russland und der Ukraine von vorneherein ausschloss - so etwas hatte es bei einem solchen Turnier noch nie gegeben. Und das bei einer EM, die doch ein Symbol für ein vereinigtes Europa sein sollte.

© SZ/pps/sewi
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