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Deutsche Nationalmannschaft:Löw coacht nur seine Versatzstücke

Germany Herzogenaurach Training Session

Muss schnell Lösungen finden: Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

In der ersten Woche der EM überzeugen vor allem Trainermannschaften wie Italien - die deutsche Elf zählt bislang nicht dazu. Joachim Löw muss schnell Lösungen finden.

Kommentar von Christof Kneer

Wer sich länger nicht mehr mit größeren Fußballturnieren beschäftigt hat, weil zum Beispiel eine Seuche überm Land lag, der wird sich auf die aktuelle EM wohl ganz klassisch vorbereitet haben. Man nimmt eines der Sonderhefte zur Hand und nähert sich dem Turnier zunächst auf direktestem Wege. Man schaut sich erst mal die Kader an: Ah, stimmt, bei den Niederländern fehlt ja der verletzte van Dijk. Wie heißt nochmal der Trainer der Belgier? Die Franzosen haben aber viele gute Stürmer! Und der Modric, ist der wirklich schon fast 36?

Als Nächstes folgt dann der vergleichende Teil: Deutschland, oh, Respekt, gleich acht Spieler vom großen FC Bayern, dazu drei vom Champions-League-Sieger FC Chelsea, einer von Manchester City und dann auch noch einer von Real Madrid! Dagegen diese neuen Italiener: Heißen alle Barella oder Berardi und spielen mehrheitlich bei Sassuolo. Und lustig, den alten Immobile gibt's auch noch, der hat's ja damals bei Dortmund nicht gepackt.

Eine Woche läuft die EM inzwischen, und eines lässt sich inzwischen sagen: Im Moment würde man die Deutschen nicht so gern gegen Italien spielen sehen. Die Italiener sind seit insgesamt 29 Spielen ungeschlagen, und nach den Erkenntnissen der ersten Spielrunde gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sie ausgerechnet gegen die Deutschen verlieren sollten.

Wer sich dann in einem dritten Vorbereitungsteil etwas genauer in die Biografien der Spieler vertieft, wird erkennen, was dieses Italien ist: eine Trainermannschaft. Profis mit eher unspektakulärem Werdegang hat Trainer Robert Mancini zu einem harmonischen Etwas zusammengefügt, das den Eindruck vermittelt, als bestünde der Sinn des Lebens ausschließlich darin, miteinander Fußball zu spielen.

Löw hat sich in der Nations League erst spät die nötige Wettbewerbshaltung aufschwatzen lassen

In der ersten Turnierwoche sind bereits einige Trainermannschaften aufgetreten, neben den Italienern natürlich die Franzosen, auch die Niederländer und die Belgier, auf ihre Art auch die Spanier. Selbst vermeintliche Mittelklasseteams wie die Ukraine wirken schlüssig kombiniert und artgerecht gecoacht. Was die Frage aufwirft: Wer sind und wo stehen in diesem Turniertableau eigentlich die Deutschen?

Es ist ein erster Trend dieser EM, dass die Favoriten ihrer Rolle bisher weitgehend gerecht geworden sind. Dass die DFB-Elf mit null Punkten in ihr zweites Spiel startet, bildet dazu keinen Widerspruch. Zwar ist Löws Elf trotz der bekannten Problemzonen im Sturmzentrum und in der Außenverteidigung hochkarätig besetzt, aber sie folgt immer noch keiner überzeugenden Idee. Mancini coacht eine Mannschaft, Löw coacht immer noch Versatzstücke. Goldglänzende zwar, aber eben: Versatzstücke.

Natürlich könnte Löw auf mildernde Umstände plädieren, der Stillstand während der Pandemie hat ihn viele Monate Zeit gekostet, er konnte seine Umbruch-Elf nicht zu Ende bauen. Aber es ist ja so: Andere Trainer hatten auch Pandemie, und sie sind fertig. Die Nations League zum Beispiel hat Löw eher so mittelinteressiert an sich vorbeiziehen lassen und sich erst gegen Ende vom Verband die dazugehörige Wettbewerbshaltung aufschwatzen lassen.

In Löws Kader stecken noch Lösungen, fürs Spiel gegen Portugal und fürs ganze Turnier. Er hat schon mal bewiesen, dass er sie finden kann. Es wird Zeit, dass er's jetzt wieder tut.

© SZ/mok/jkn
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