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Erster Sieg bei der Fußball-EM:Deutschland diesmal mit Durchschlagskraft

Fußball EM - Portugal - Deutschland

Die deutschen Spieler feiern, die EM kann nun beginnen.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Nach frühem Rückstand siegt das DFB-Team völlig verdient 4:2 gegen Portugal, auch dank zweier Eigentore des Gegners. Bundestrainer Joachim Löw hält an seiner Taktik trotz Kritik fest - der Plan geht auf.

Von Philipp Schneider

Joachim Löw stand an der Seitenlinie, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, dann stemmte er die Hände in die Hüften. Wer wollte, konnte darin nun eine Karikatur der manierierten Pose Cristiano Ronaldos erkennen, die er im Style Lucky Lukes vor seinen Freistößen zeigt. Aber das war sicher Zufall.

Löw lief ein paar Schritte, im Stile eines Theater-Regisseurs ging er seinen Darstellern entgegen, die soeben eine wahrlich eindrucksvolle Vorstellung aufgeführt hatten. Es war zwar erst Halbzeit. Aber diese ersten 45 Minuten der Partie Deutschland gegen Portugal bargen bereits mehr Leben, Wendung und Drama in sich, als es die Kritiker Löws Ensemble zugetraut hatten.

Deutschland hatte in der ersten Halbzeit gedrückt und gedrängt, dann ein Konter-Tor von Cristiano Ronaldo bezogen. Doch anstatt aufzugeben, rollten die weißen Leibchen wie die Brandung an Portugals Atlantikküste nun unaufhörlich auf das Tor von Rui Patricio - und drehten diese Partie.

Als hätten sie sich vorgenommen, perfide Rache zu nehmen für das Eigentor von Mats Hummels beim 0:1-Auftakt gegen Frankreich, gelang ihnen dies, indem sie nun ihrerseits die Portugiesen hinterhältig anschossen. Zunächst Ruben Dias, dann Raphael Guerreiro. Zwar erhöhten in der zweiten Halbzeit noch Kai Havertz und Robin Gosens, auch gelang Portugals Diogo Jota noch ein Treffer zum 4:2-Endstand. Aber die Leidenschaft Portugals, sie war schon in der Halbzeit gebrochen. Welche Mannschaft verkraftet zwei Eigentore in kurzem Takt nacheinander?

Löw spielt mit der gleichen Aufstellung wie gegen Frankreich - diesmal funktioniert sie

Als sich Löw mit der Zunge genüsslich über die Lippen fuhr, da war das sehr wohl eine Geste der Genugtuung, die man ihm nun nachsehen wollte. Er hatte sein System nach der Pleite gegen Frankreich nicht geändert. Aber diesmal hatte es funktioniert. Löw blieb seinem Konzept treu. Kritiker nennen so etwas Sturheit. Andere nennen es Rückgrat. Als Rechtsverteidiger, hatte Joshua Kimmich vor dem Spiel geklagt, habe er das Gefühl gehabt, dass das Spiel "vermeintlich abseits von einem selbst stattfindet und man vermeintlich auftragslos ist".

Niemand, nicht einmal der Bundestrainer, nahm Kimmich dieses leise Gemaule übel. Es ließ sich ja auch gut überhören. Ob er zumindest über Alternativen gegrübelt habe, wurde Löw vor dem Anpfiff gefragt? "Nicht so sehr", sagte der Bundestrainer in der ARD: "Wird heute besser gelingen." Kimmich sei als Rechtsverteidiger wichtig, weil er "schon auch Betrieb macht über die Seite". Wichtig sei: "Genug Leute ins letzte Drittel bringen. Und wenn wir mal da sind: durchziehen." Ob Löw selbst ahnte, wie sehr er Recht behalten würde?

Kimmich beweist der Welt, dass es sich auch als Rechtsverteidiger Einfluss nehmen lässt

Ganz so als hätte sie in den vergangenen Tagen in ihrem Camp in Herzogenaurach dreimal täglich Kraftfutter zu sich genommen, legte die deutsche Elf los. Kai Havertz, der gegen Frankreich im Rampenlicht noch etwas hyperventiliert hatte, zeigte gleich mal zu Beginn robuste Härte gegen das Kraftpaket Pepe.

Vier Minuten waren gespielt, da geschah schon wieder etwas Erstaunliches: Linksverteidiger Robin Gosens sprang wie ein Kung-Fu-Kämpfer in eine Flanke von Matthias Ginter und brachte den Ball trotz steilem Winkel irgendwie im Netz unter. Nur weil Serge Gnabry in Abseitsposition den Torwart Rui Patricio irritierte, zählte der Treffer nicht. Aber die Szene machte der Mannschaft Mut: Es folgte die erste eindrucksvolle Drang-Phase: Havertz zog aus der Distanz ab - Patricio tauchte tief ab und musste sich strecken. Löw wollte seine Elf offenkundig die vielzitierte "Durchschlagskraft" demonstrieren lassen, die sie gegen Frankreich hatte missen lassen.

Das schuf allerdings Platz. Sehr viel Platz für die Portugiesen. Und niemand spürte das so sehr wie Cristiano Ronaldo.

Nach 15 Minuten köpft Ronaldo eine Ecke von Toni Kroos höchst persönlich aus dem eigenen Strafraum - rüber auf den rechten Flügel zu Bernardo Silva. Und vor Silva tat sich nun ein so weites und menschenleeres Grün auf, als flitze er nicht in einer Arena in Fröttmaning die Seite entlang, sondern im Weideland der Great Plains. Er spielte einen herrlichen Pass in den Lauf von Diogo Jota. Und der sah im Strafraum den nach vorne mitgeeilten Ronaldo, der den Ball über die Linie drückte. Es war sein, man mag es gar nicht glauben, erster Treffer gegen Deutschland.

Wer das Spiel dominiert und dann ein unnötiges Tor nach einem Konter bezieht, der muss sich gedanklich oft neu sortieren. So auch hier: Portugal kam nun vorübergehend besser ins Spiel - und zu guten Chancen: die beste hatte Ruben Dias, der knapp vorbei köpfte (22.). Aber Deutschland war offensichtlich diesmal nicht gewillt, nach der WM 2018 schon im zweiten Turnier nacheinander die Koffer nach der Vorrunde zu packen.

Weil Frankreich nur Unentschieden spielt, ist sogar noch der Gruppensieg drin

Und dann bewies Kimmich der Welt, dass es sich doch auch als Rechtsverteidiger Einfluss nehmen lässt auf das Spiel: Mit der Präzision eines Chirurgen flankte er zu Gosens auf den gegenüberliegenden Flügel. Der nahm diese mit ähnlicher Schusshaltung entgegen wie nach seinem abgepfiffenen Treffer. Und in der Mitte drückte Ruben Dias den Ball ins Tor - bevor es Havertz gemacht hätte (35.). Welle um Welle brandete nun auf Patricios Tor. Havertz verpasste eine Hereingabe von Müller, doch Kimmich setzte nach, spielte den Ball kurz vor der Grundlinie scharf in die Mitte. Und dabei schoss er Guerreiro an, der das linke Bein nicht schnell genug wegziehen konnte und das nächste Eigentor nachlegte (39.).

Gegen Frankreich hatte Deutschland eine Menge guter Fußballer hinter dem Ball positioniert - aber viel zu selten mal einen vor dem Ball in Position gespielt. Es fehle halt "ein Ochse" im Sturmzentrum, hatte DFB-Manager Oliver Bierhoff im SZ-Interview bemängelt.

Gegen Portugal lief der Ball auch in der zweiten Hälfte rund. Und anstelle eines Ochsens gab es nun plötzlich viele fleißige Kälber. Vor dem nächsten Treffer kreiste der Ball höchst offiziell zwischen allen Mannschaftsteilen: Müller spielte einen Doppelpass mit Kimmich, der legte ab auf Gosens, der passte ins Zentrum, dort schob ihn Havertz zum 3:1 ins Netz (51.). Und so ging es immer weiter. Müller grätschte, Havertz passte, Kimmich flankte: Und Robin Gosens, der womöglich die Partie seines Lebens spielte - er schraubte sich in die Höhe und traf per Kopf zum 4:1 (60.).

Löw brachte Marcel Halstenberg für Gosens, der unter Applaus in der Kabine verschwand. Es waren pandemiebedingt zwar nur 14 000 Fans in der Arena, aber sie machten Lärm für 40 000. Und den Spaß ließen sie sich auch nicht mehr nehmen, als Diogo Jota noch das 2:4 erzielte - als sich Deutschland nach einem vermeintlich geklärten Freistoß bereits in Sicherheit wähnte. Weil Frankreich zuvor nur 1:1 gegen Ungarn gespielt hatte, ist für Deutschland nun theoretisch sogar noch der Gruppensieg möglich.

© SZ/ebc
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