Achtelfinalsieg gegen Wales:Dänemark rauscht durch die EM

Lesezeit: 3 min

Euro 2020 - Round of 16 - Wales v Denmark

Hatte vielleicht den Auftritt seines Lebens: Dänemarks Doppeltotschütze Kasper Dolberg

(Foto: Olaf Kraak/Reuters)

Schon wieder vier Tore: Nach dem Schock zum Turnierauftakt besiegen die Dänen auch Wales und stehen im Viertelfinale - da fragt manch einer schon nach dem Titel.

Von Ulrich Hartmann, Amsterdam

"Auf einen Tag wie diesen habe ich lange gewartet", sagte der Fußballer Kasper Dolberg am Samstagabend. Der 23-Jährige hat schließlich eine maue Saison beim "Olympique Gymnaste Club de Nice Côte d'Azur" hinter sich. Viel Grau beim OGC Nizza am azurblauen Mittelmeer.

Im September infizierte sich Dolberg mit dem Corona-Virus. Im Oktober verstauchte er sich den Knöchel. Im November lähmte ihn eine schmerzende Hüfte und im Februar musste ihm der Blinddarm entfernt werden. Da war es eigentlich ein Wunder, dass er überhaupt für den dänischen EM-Kader nominiert wurde.

Kein Wunder war es, dass er in den ersten beiden Spielen (0:1 gegen Finnland, 1:2 gegen Belgien) durchgängig auf der Bank saß und im dritten Spiel (4:1 gegen Russland) erst eine halbe Stunde vor Schluss eingewechselt wurde. Doch mit jenem Sieg war seine Rückkehr nach Amsterdam beschlossen, zum Achtelfinale in jenes Stadion, in dem er von 2015 bis 2019 für Ajax gespielt hatte. "Es sollte wohl so sein, dass Kasper ausgerechnet hier solch ein Highlight erlebt", sagte später der dänische Nationaltrainer Kasper Hjulmand.

Und jetzt der EM-Titel? "Langsam, langsam", mahnt Dänemarks Trainer Hjulmand

Weil Dänemarks zweimaliger EM-Torschütze Yussuf Poulsen von RB Leipzig wegen muskulärer Probleme im K.o.-Spiel gegen Wales nicht mal die Sportklamotten überwarf, durfte erstmals bei dieser EM Dolberg in der Startelf ran. Im Johan-Cruyff-Stadion in Amsterdam hatte er seine beste Zeit als junger Fußballer gehabt. Hier hat er sich einst als hoffnungsvolles Talent für die großen europäischen Klubs empfohlen. Aber gereicht hat es dann erst einmal nur für Nizza.

Der Trainer Hjulmand fand, dass es angesichts des Ausfalls von Poulsens eine gute Idee wäre, Dolberg in Amsterdam in die Startformation zu berufen. Und es war eine gute Idee! In der 27. Minute schlenzte er den Ball wunderschön aus 18 Metern zum 1:0 ins Netz. Drei Minuten nach der Pause nutzte er einen Patzer der gegnerischen Abwehr zum 2:0. Damit waren die schwachen Waliser schon so gut wie besiegt. Joakim Maehle und Martin Braithwaite erhöhten spät zum 4:0-Endstand.

Wieder vier Tore für Dänemark. Wie schon fünf Tage zuvor in Kopenhagen gegen Russland. Wieder schleuderten die Fans bei jedem Treffer ihre Bierbecher in die Luft. In einem nahezu ausschließlich mit dänischen Fans besetzten Stadion (Limit wieder 16.000, Waliser durften nicht anreisen) sah das jedes Mal aus wie eine Sprinkleranlage mit Gerstensaft - und es roch auch so.

Dolberg war der Star des Abends im Johan-Cruyff-Stadion. "Cruyff ist für mich eine der größten Inspirationen", sagte der Trainer Hjulmand. Dolberg sagte das nicht, aber vielleicht hat ihm Cruyffs Geist in diesem gewaltigen Stadion in Amsterdams Südosten ja unbemerkt ein bisschen Schützenhilfe gegeben.

Die dänische Mannschaft ist heilfroh, dass Eriksen sich daheim in Odense wieder erholt

4:1 im finalen Gruppenspiel gegen Russland und nun 4:0 gegen Wales. Die Dänen wirken ein bisschen wie im Rausch, und wer das angesichts des Herzstillstands ihres Kameraden Christian Eriksen im ersten Spiel seltsam fände, dem sei gesagt: Die dänische Mannschaft ist heilfroh, dass Eriksen sich daheim in Odense gerade wieder erholt und dass sie selbst befreit und erfolgreich aufspielen kann. "Nach dem, was mit Christian passiert ist, sind wir eine noch stärkere Gruppe geworden als zuvor", sagt Dolberg, "und ich bin stolz, zu dieser Einheit aus starken, coolen Jungs gehören zu dürfen."

"Wie auf Flügeln", schilderte der Trainer Hjulmand, fliege man gerade durch die EM. Wie befreit vom Ballast des Schocks aus dem ersten Spiel. Aufwind bekomme man durch all den Zuspruch aus der ganzen Welt. "Durch die Liebe, die wir erfahren", sagt Hjulmand poetisch.

Die dänischen Sport-Journalisten aber interessiert jetzt dringend auch noch etwas eher Profanes: "Könnt Ihr vielleicht sogar den Titel holen?", fragte einer, als Kasper (Hjulmand) und Kasper (Dolberg) gemeinsam in der Pressekonferenz saßen. "Langsam, langsam", mahnte Hjulmand. "Das Selbstvertrauen hätten wir schon", ließ sich Dolberg entlocken, "aber jetzt müssen wir erst mal das Viertelfinale angehen." Nächsten Samstag in Baku. Gegen Tschechien oder die Niederlande. Dann wird sich zeigen, ob Dänemarks von Liebe getragener Flug weitergeht.

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