Elf des Spieltags:"Frag doch unsere blinden Stürmer"

Hertha-Angreifer Salomon Kalou macht sich Feinde in der eigenen Mannschaft. Die Schalker Fans lassen Bierbecher auf das Team regnen. Und Christian Streich rennt eine Frau über den Haufen. Die Elf des 33. Bundesliga-Spieltags.

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Lars Stindl

FC Augsburg v Hannover 96 - Bundesliga

Quelle: Bongarts/Getty Images

In ein paar Monaten spielt Lars Stindl vielleicht gegen Real Madrid. Oder Barcelona. Oder Piräus. Auf jeden Fall spielt er dann für Borussia Mönchengladbach. Vor diesem Hintergrund ist die Leistung des Noch-Hannoveraners nur noch höher einzustufen. Statt sich bereits mit Kistenpacken zu beschäftigen oder im Internet nach einem schicken Loft in Innenstadtnähe zu forschen, setzt Stindl alles daran, seinem aktuellen Verein den Klassenerhalt zu sichern. Zwei Treffer hat er gegen Augsburg erzielt und seinem Team damit den ersten Sieg 2015 beschert. "Er ist ein toller Spieler, toller Charakter, toller Mensch. Mir war immer klar, dass er sich bis zum Schluss für 96 einbringen wird", sagt deshalb auch Martin Kind, der Klubboss. Auch er weiß: Ohne Stindl wäre 96 längst abgestiegen.

(ebc)

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Clemens Tönnies, Horst Heldt

Schalke 04's boss Toennies and manager Heldt leave the tribune after first half-time during the Bundesliga first division soccer match against Paderborn in Gelsenkirchen

Quelle: REUTERS

Man weiß, dass etwas Grundlegendes im Verhältnis zwischen Fans und Mannschaft nicht stimmt, wenn die einen pfeifen und Gegenstände auf den Rasen schmeißen, obwohl die anderen gerade den Einzug in die Europa League geschafft haben. Die Schalker Anhänger sind zornig - so zornig, dass sie das Team nach dem 1:0-Duselsieg über Paderborn mit schrillen Schreien bedachten. Der Frust, der sich über eine durchwachsene Saison hinweg aufbaute, hat sich bei den Schalker Fans am Samstag entladen - nachdem sie zunächst eine Halbzeit lang geschwiegen hatten. Manager Horst Heldt, der beim Verlassen der Arena Personenschutz brauchte, sagte: "Wir haben die Herzen verloren. Es liegt an uns, sie wiederzugewinnen." Bei der bizarren Schalker Ehrenrunde über den Rasen flogen die Bierbecher. Und Vorstandsboss Clemens Tönnies verzichtete gleich ganz auf den Gang zu den Fans.

(fued)

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Rafinha

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Quelle: AFP

Der 33. Spieltag dieser Bundesliga-Saison wird als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem elf Freiburger Fußballer stets ein bisschen spritziger, ein kleines bisschen wacher, ein kleines bisschen schneller waren als ihre elf Gegner vom FC Bayern, auch bekannt als Deutscher Rekord-Fußballmeister. Exemplarisch die Szene in der 57. Minute, als Admir Mehmedi dem Bayern-Verteidiger Rafinha enteilte: Der Freiburger hatte das 2:1 auf dem Fuß, da zupfte der Brasilianer an seiner Schulter. Mehmedi ging zu Boden, den klaren Elfmeter gab es aber nicht. Glück für Rafinha, denn der hätte korrekterweise mit Rot vom Feld gemusst. Vielleicht sah ihm Schiedsrichter Tobias Welz nach, dass ihm als Bayern-Spieler am Ende dieser langen und anstrengenden Saison die Puste ausgegangen ist.

(fued)

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Jérôme Boateng

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Quelle: AP

Ein wenig durfte man sich schon wundern über diese Erkenntnis von Bayern-Verteidiger Jérôme Boateng. Der Weltmeister räumte nach dem 1:2 in Freiburg offenherzig ein: "Wir wussten, dass unser Fokus nicht mehr auf der Bundesliga liegt, aber dennoch müssen wir unsere Spiele seriös angehen und dürfen in den letzten Minuten nicht so auftreten." Was die Frage aufwirft: Worauf lag der Fokus denn dann? Etwa auf der Champions League? Oder auf dem Pokal? Für einen Moment ließ Boateng tatsächlich durchblicken, dass der Fokus eigentlich gar nirgends mehr liegen kann. Die Saison ist für den FC Bayern vorbei - und die plötzliche Niederlagen-Serie in der Liga kommt bei anderen Klubs überhaupt nicht gut an. Kritik am Münchner Larifari gab es prompt: Wolfsburg-Manager Klaus Allofs und Hannovers Sportchef Dirk Dufner ließen ihr Unverständnis übermitteln. Den Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung werden die Münchner nicht so schnell los.

(jbe)

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Nils Petersen

SC Freiburg - FC Bayern München

Quelle: dpa

Tore gegen den Ex-Klub bejubelt man nicht, heißt ein ungeschriebenes Gesetz. Je häufiger ein Profi freilich den Verein wechselt, desto stärker beschränkt er seine Möglichkeiten, mal ausgelassen übers Spielfeld zu tanzen. Es sei Nils Petersen deshalb verziehen, dass er sich die Freude über seinen so wichtigen Siegtreffer des SC Freiburg über den FC Bayern in der 86. Minute auch anmerken ließ. Erst drei Minuten zuvor war er eingewechselt worden. Vielleicht hat er seinen Klub damit vor dem Abstieg bewahrt. "Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich den nicht gemacht hätte. Das war mein wichtigster Treffer", sagte der Torschütze nach der Partie. Von 2011 bis 2012 hatte Petersen ein Jährchen bei den Bayern verbracht. Das spielte am Samstag natürlich keine Rolle.

(fued)

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Martin Harnik

VfB Stuttgart v Hamburger SV - Bundesliga

Quelle: Simon Hofmann/Getty Images

"Ihr seid Affen, das seid ihr!" Wer hört so einen Satz von seinem Trainer nicht gerne? Huub Stevens hatte seine Spieler beim VfB Stuttgart im Training beleidigt. Aber die zahlten es ihm auf die souveränste Art und Weise heim, die man sich vorstellen kann. Nicht nur besiegten sie den Hamburger SV im existentiell wichtigen Spiel der Abstiegskandidaten 2:1. Sie bejubelten darüber hinaus den Siegtreffer durch Martin Harnik mit einem - genau: Affentanz. Der Torschütze machte den Anführer im Kreis der Stuttgarter Primatendarsteller - und sprach die abschließenden Worte zu dem Affärchen: "Wir haben in den letzten Wochen viele individuelle Fehler gemacht und den Trainer einige Nerven gekostet. Jetzt hat er mal einen Fehler gemacht und sich in der Wortwahl vergriffen. Wir haben es verziehen."

(fued)

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Kevin De Bruyne

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Quelle: AFP

Ein schneller Pass nach Außen - und Kevin De Bruyne war enteilt. Ein Blick in die Mitte, ein überlegter Pass exakt dorthin, wo Daniel Caligiuri eingelaufen war. Nach 30 Sekunden hatte Caligiuri zum Wolfsburger 1:0 gegen Dortmund getroffen, für die Statistiker viel wichtiger aber: De Bruyne hatte mal wieder aufgelegt. 21 Tor-Vorlagen hat er in dieser Saison nun gesammelt, was einen Bundesliga-Rekord bedeutete. Die alte Bestmarke von Zvjezdan Misimovic (2009 ebenfalls beim VfL) hat er damit übertroffen. Ist so einer nicht zu groß für den VfL Wolfsburg? Das dürfte ein Thema dieses Sommers werden. De Bruynes Berater deutet zumindest an, dass er das Salär seines Mandanten nicht mehr für angemessen hält. "Ich will wissen, ob sie Kevin einen neuen Deal anbieten", ließ Patrick De Koster ausrichten, "oder ob sie ihm erlauben, den Klub zu verlassen."

(ebc)

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Salomon Kalou

Hertha BSC v Eintracht Frankfurt - Bundesliga

Quelle: Matthias Kern/Getty Images

"Star-Angreifer" wird Salomon Kalou gerne genannt, was insofern seine Berechtigung hat, da in Berlin tatsächlich nur ein Spieler herumläuft, der sich Champions-League-Sieger nennen darf. Blöd nur, dass Kalou nicht wirklich wie ein "Star-Angreifer" spielt - seine grotesk vergebene Torchance gegen Frankfurt, die Hertha BSC wohl endgültig den Klassenerhalt beschert hätte, zählt sogar zu den am hochnäsigsten vertändelten Gelegenheiten dieser Saison. Ganz alleine war Kalou auf Frankfurts Keeper Trapp zugelaufen, er entschied sich für ein Heberchen, das Trapp sehr einfach fangen konnte. Es sei "immer ratsam, seriös abzuschließen", sprach ihm Manager Michael Preetz anschließend jegliche Seriösität ab. Noch härter ging sein Torwart mit dem Ivorer ins Gericht. Als Thomas Kraft nach seinem Kommentar zum Spiel gefragt wurde, raunte er den Journalisten entgegen: "Frag doch unsere blinden Stürmer."

(ebc)

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Paul Verhaegh, Raúl Bobadilla

FC Augsburg - Hannover 96

Quelle: dpa

Gemischte Gefühle beim FC Augsburg: Zwei Platzverweise in einem Spiel (Gelb-Rot für Paul Verhaegh, Rot für Raúl Bobadilla) und eine 1:2-Niederlage gegen Hannover obendrein. "Unglückliche Entscheidungen", nannte Manager Stefan Reuter das, was Schiedsrichter Felix Zwayer da passiert war, etwa die Rote Karte gegen Bobadilla für eine angebliche Tätlichkeit, die in Wahrheit nur ein Schubserchen war. Am Ende aber überwog die Freude: Augsburg spielt nächste Saison so gut wie sicher in der Europa League. Angesichts dieses größten Erfolgs in der Vereinsgeschichte war auch Reuter wieder zum Scherzen aufgelegt: "Die Spieler sind so heiß drauf, die wollen unbedingt englische Wochen spielen."

(fued)

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Christian Streich

Freiburg's coach Streich reacts during their German Bundesliga first division soccer match against Bayern Munich in Freiburg

Quelle: REUTERS

Es lief die 57. Minute im Spiel des SC Freiburg gegen den FC Bayern, als Christian Streich knapp an einem Herzinfarkt vorbeigeschrammt sein muss. Rafinha foulte Mehmedi im Bayern-Strafraum, doch der Elfmeterpfiff blieb aus. Streich wollte es nicht wahrhaben, hob die Arme, schrie, lief verzweifelt auf den vierten Offiziellen zu, drehte wieder ab und stieß weitere Verzweiflungsrufe hervor. Zur Freude all derer, die Streich gut leiden können, nahm der Tag ein versöhnliches Ende. Freiburg gewann 2:1 und hat nun im Abstiegskampf vor dem letzten Spieltag ganz gute Karten. Als der Schlusspfiff ertönte, eilte Streich in Windeseile in die Katakomben - und rannte dabei noch eine bedauernswerte Unbeteiligte über den Haufen. Glück gehabt: Die Frau blieb unverletzt. Streich dürfte sich inzwischen beruhigt haben.

(fued)

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Uwe Hünemeier

FC Schalke 04 - SC Paderborn

Quelle: dpa

Er wusste nicht, was er tun sollte. Also rannte Uwe Hünemeier zum Schiedsrichter, schrie ihn an. Er sei am Trikot gezogen worden, klagte Hünemeier - und wusste natürlich selbst, dass dies nur eine Ausrede war. Paderborns ansonsten so wackerer Kapitän hatte einen einzigen Fehler gemacht - und der tat richtig weh: Ein einziges Mal hatte er Schalkes Stürmer Klaas-Jan Huntelaar entwischen lassen. Beim Versuch, die Lücke wieder zu schließen, reckte er seinen Kopf in die Flugbahn des Balles und bugsierte das Spielgerät in der 88. Minute ins eigene Tor. Dass Huntelaar ihn dabei leicht berührte - geschenkt. "Wir waren klar die bessere Mannschaft, Schalke hat kein Land gesehen und schießt so ein Eiertor", klagte Hünemeiers Teamkollege Moritz Stoppelkamp, "schlimmer kann es nicht kommen". Hünemeier selbst sagte nichts mehr. Einem Kapitän, der sein Team in Richtung zweite Liga köpft, darf es schon mal die Sprache verschlagen.

(ebc)

© Süddeutsche.de/ebc/fued/dd
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