Eishockey-Weltmeister:Finnland dreht gepflegt durch

Lesezeit: 4 min

Eishockey-Weltmeister: Schaumbad statt Konfettidusche: Nach dem Sieg lassen die finnischen Spieler in der Kabine die Korken fliegen.

Schaumbad statt Konfettidusche: Nach dem Sieg lassen die finnischen Spieler in der Kabine die Korken fliegen.

(Foto: Kalle Parkkinen/Newspix24/Imago)

Krieg und Nato-Beitritt bestimmen gerade die Schlagzeilen - doch wenn die Finnen im eigenen Land in ihrem Nationalsport nach Olympia-Gold auch noch den WM-Titel gewinnen, feiert selbst die Ministerpräsidentin im Trikot auf der Tribüne.

Von Johannes Schnitzler

Als Kapitän Valtteri Filppula den WM-Pokal in die Luft reckte, geschah etwas Überraschendes. Denn es passierte: nichts. Keine Konfettifontänen, kein goldener Schnipselschauer, kein zischendes Tischfeuerwerk, wie es seit Jahren bei allen Meisterfeiern von der Champions League bis zur Kreisliga Usus geworden ist. So blieb der Blick frei auf feiernde Finnen und in ihre Gesichter, die von Stolz und Erschöpfung erzählten und goldiger glänzten als der lächerliche Lametta-Wirbel. "Es ist einfach unglaublich", sagte Trainer Jukka Jalonen nach dem dramatischen 4:3 (0:0, 0:1, 3:2)-Erfolg nach Verlängerung gegen Kanada. "Ich kann noch gar nicht begreifen, was eben passiert ist." Der 59-Jährige, der Finnland nach 2011 und 2019 zum dritten und insgesamt zum vierten Eishockey-Weltmeistertitel geführt hat, meinte natürlich nicht das Ausbleiben der Konfettidusche. Jalonen sprach über die vergangenen drei Monate, den Olympiasieg von Peking und die zurückliegenden knapp 67 Minuten des WM-Finales gegen Rekordweltmeister Kanada. Und da war genug passiert, um ein paar Geschichtsbücher damit zu füllen.

Zum ersten Mal seit 2006 ist ein Land zugleich Olympiasieger und Weltmeister

Drei Monate, zwei Triumphe: Finnland ist nach Schweden 2006 das erste und einzige Land, das im selben Jahr Gold bei Olympischen Spielen und bei einer WM gewonnen hat, jedenfalls, seit vor 50 Jahren beschlossen wurde, Olympia-Gold nicht gleichzeitig als WM-Titel zu werten. Der Krieg in der Ukraine, der Ausschluss Russlands und von Belarus und die Diskussionen um den Nato-Beitritt Schwedens und Finnlands hatten einen Schatten über dieses Turnier gelegt. Am Sonntag aber saß Ministerpräsidentin Sanna Marin im Teamtrikot mit ihrem Mann auf der Tribüne, ein Glas Wein in der Hand, und jubelte mit den anderen 11 486 Zuschauern in der Arena in Tampere ausgelassen der Leijonat, ihrer Nationalmannschaft, zu. Finnland, ein Land von nur 5,5 Millionen Einwohnern, ist in seinem Nationalsport weltweit das Maß der Dinge.

Eishockey-Weltmeister: Oberster Fan der Leijonat: Ministerpräsidentin Sanna Marin jubelt der finnischen Nationalmannschaft zu.

Oberster Fan der Leijonat: Ministerpräsidentin Sanna Marin jubelt der finnischen Nationalmannschaft zu.

(Foto: Jussi Nukari/Lehtikuva/Imago)

Zum dritten Mal nacheinander lautete die Endspielpaarung Finnland gegen Kanada. Wie im vergangenen Jahr ging die Partie in die Verlängerung, damals waren die Finnen in Riga 2:3 unterlegen, 2019 hatten sie 3:1 gesiegt. Der Kapitän und zweimalige Final-Torschütze der damaligen Mannschaft, Marko Anttila, 37, sagte: "Es war so viel Arbeit. Aber auch so viel Spaß. Ich komme von hier, aus Tampere. Natürlich ist es etwas Besonderes, hier zu gewinnen und mit meiner Familie und meinen Freunden zu feiern."

Eishockey-Weltmeister: Spaß an der Arbeit: Marko Anttila ist zum zweiten Mal Weltmeister.

Spaß an der Arbeit: Marko Anttila ist zum zweiten Mal Weltmeister.

(Foto: Maxim Thore/Bildbyran/Imago)

In diesem Finale gehörten aber anderen die Hauptrollen. Zunächst Mikael Granlund. Nach dem 1:0 für Kanada durch Dylan Cozens (25.) brachte der Weltmeister von 2011 sein Team mit zwei Powerplay-Toren innerhalb von 104 Sekunden (45./46.) in Führung. Und das Spiel, das zwei Drittel lang von körperlicher Härte und defensiver Disziplin geprägt war, begann sich zu drehen wie ein Wirbelsturm.

Eishockey-Weltmeister: Startschuss für ein wildes Schlussdrittel: Mikael Granlund (rechts) hat das 1:1 für Finnland erzielt.

Startschuss für ein wildes Schlussdrittel: Mikael Granlund (rechts) hat das 1:1 für Finnland erzielt.

(Foto: Jussi Nukari/Lehtikuva/Imago)

Nach Granlunds 1:1 musste Kanadas Keeper Chris Driedger verletzt vom Eis, Matt Tomkins, der bislang keine Sekunde gespielt hatte, nahm seinen Platz ein. Nach 1:04 Minuten war Tomkins erstmals geschlagen, und als Joel Armia 5:56 Minuten vor der Schlusssirene auf 3:1 erhöhte, sah Finnland schon wie der Sieger aus. Aber die Kanadier gaben nicht auf. Zach Whitecloud (58.) und Max Comtois (59.) glichen aus, wobei Whiteclouds Treffer erst noch per Videobeweis überprüft wurde und beide Tore fielen, als Kanadas Coach Claude Julien Keeper Tomkins für einen weiteren Feldspieler vom Eis genommen hatte. Verlängerung also, das viel zitierte Momentum schien sich wieder auf die Seite der Ahornblätter zu schlagen. Eine umstrittene Strafzeit - nicht die erste - gegen Kanadas Kapitän Thomas Chabot eröffnete Finnland aber das nächste Powerplay, das Sakari Manninen zum goldenen Tor nutzte (67.). Und Finnland drehte gepflegt durch.

Manninens Direktabnahme war ein Tor von jener Sorte, von der "man eigentlich Briefmarken produziert", wie der deutsche Bundestrainer Toni Söderholm Marcel Noebels' Penalty-Kunstschuss gegen die Schweiz anno 2021 einstufte. "Es war verrückt, es war großartig. Was für ein Ende!", jubelte Granlund. Der 30-Jährige hat Manninen übrigens philatelistische Erfahrung voraus: Sein "Michigan Move", ein Tor im Lacrosse-Stil aus dem WM-Halbfinale 2011 gegen Russland, wurde tatsächlich auf einer Briefmarke verewigt.

Die Kanadier gratulieren Finnland fair. Obwohl die Strafzeit umstritten war, sei der Sieg absolut verdient

Die Kanadier erwiesen sich als sportliche Verlierer. "Die Strafe in der Verlängerung war unglücklich. Davon haben sie profitiert. Aber sie haben großartig gespielt", sagte Stürmer Cole Sillinger, "Gratulation an Finnland." Cheftrainer Julien schritt mit einem Lächeln auf Jukka Jalonen zu und verpackte seine Anerkennung in zwei ehrlich gemeinte Worte: "Well deserved", absolut verdient sei der finnische Erfolg, der noch einmal besonders war, weil die Finnen erstmals in der Heimat Gold gewannen.

Eishockey-Weltmeister: Cheftrainer Jukka Jalonen umarmt den Siegtorschützen Sakari Manninen.

Cheftrainer Jukka Jalonen umarmt den Siegtorschützen Sakari Manninen.

(Foto: Jussi Nukari/Lehtikuva/Imago)

Man konnte die tiefe Befriedigung darüber am Sonntag in den flitterfreien Gesichtern der Protagonisten lesen. Im Gesicht von Filppula etwa, der am Sonntag als erster Finne mit der Mitgliedsnummer 31 in den Triple Gold Club eintrat, jenen exklusiven Zirkel von nun 30 Spielern und einem Trainer, die mindestens je ein Mal WM- und Olympia-Gold sowie den Stanley Cup in der nordamerikanischen Profiliga NHL gewonnen haben; im Gesicht von Jussi Olkinuora, dem zum wertvollsten Spieler gewählten Torhüter, der im Turnierverlauf vier Mal ohne Gegentreffer geblieben war und mit einer Fangquote von fast 95 Prozent bei acht Einsätzen acht Siege feierte; oder im Gesicht von Miro Heiskanen, 22, Verteidiger von den Dallas Stars, der trotz seiner Jugend spielte wie ein vielfacher WM-Veteran. Im Grunde war es egal, wen man ansah. Und Jalonen, der Hüter des Kollektivgedankens, tat das einzig Richtige: Er umarmte jeden seiner Spieler herzlich. Die Bronzemedaille hatte sich zuvor Tschechien gesichert mit einem 8:4 gegen das Team USA. Deutschland, den Tschechen im Viertelfinale 1:4 unterlegen, nimmt im Abschlussklassement der WM Rang sieben ein.

Die WM 2023, die eigentlich in Sankt Petersburg ausgetragen werden sollte, findet nach der Suspendierung Russlands abermals in Tampere statt sowie in Riga (Lettland), an den Schauplätzen der beiden jüngsten Endspiele. Niemand sollte überrascht sein, wenn die Paarung dann wieder Finnland gegen Kanada lautet.

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