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Deutsche Eishockey Liga:Ein Hilferuf wie eine absurde Lösegeldforderung

Scott Valentine Augsburger Panther 22 dankt den Zuschauern Augsburger Panther Red Bull Muench; Eishockey

Scott Valentine von den Augsburger Panthern dankt den Zuschauern.

(Foto: imago images / kolbert-press)

Die DEL braucht Geld für den Saisonstart und wendet sich an die Politik. Doch die fehlenden 60 Millionen Euro werden kaum so schnell aufzutreiben sein. Es drohen drastische Folgen.

Kommentar von Johannes Schnitzler

Am Wochenende war die Stimmung gedrückt. Wo sonst die Massen jubeln, singen, lustig sind - nichts als triste Ödnis. Sechseinhalb Millionen Menschen kommen jedes Jahr zum Oktoberfest nach München, das OB Reiter am Samstag mit zwei, drei kühnen Hammerschlägen gern eröffnet hätte. Aber, ach. Nicht ganz so viele, immerhin 2,5 Millionen Menschen besuchen Jahr für Jahr die Spiele der Deutschen Eishockey Liga (DEL), die ursprünglich ebenfalls an diesem Wochenende hätte starten sollen. Mit im Schnitt 6500 Zuschauern pro Partie ist die DEL bei den Stadiongängern die zweitbeliebteste Teamsportliga, weit vor Basketball und Handball. Eigentlich ein Grund zu feiern, singen, lustig sein. Aber, ach. Nach aktueller Corona-Lage sind maximal 20 Prozent der jeweiligen Zuschauerkapazität zugelassen. Und weil die Klubs, die eigentlich keine Klubs sind, sondern Gesellschaften mit beschränkter Haftung, zwei Drittel ihrer Einnahmen über die Zuschauer erlösen, verkehrt sich die segensreiche Beliebtheit beim Fan in eine verfluchte Abhängigkeit vom Kunden.

60 Millionen Euro binnen zehn Tagen - das wird kaum aufzutreiben sein

"Unter den Hallensportarten haben wir eine Sondersituation", sagt Gernot Tripcke dazu. Seit 20 Jahren führt der Anwalt die Geschäfte der DEL. Vor Problemen wie in diesem Jahr stand er aber nie. Erst der allseits gelobte Abbruch der alten Saison Mitte März; dann die Verschiebung auf den 13. November, ehe die Gesellschafter nun am Montag die neue Spielzeit mit zwei, drei kühnen Sätzen komplett infrage stellten. 60 Millionen Euro fehlten für einen "verantwortungsvollen" Saisonstart, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende Jürgen Arnold. Dafür bekommt man im Fußball einen Leroy Sané. Im Eishockey bekommt man existenzielle Probleme.

"Ohne die Hilfe Dritter" sei die Summe nicht aufzubringen, klagt Arnold nun. Bis zum 2. Oktober erwartet die DEL verbindliche Zusagen, sonst sei "ein Spielbetrieb nicht möglich". Zu den "massiven Unwägbarkeiten" (Tripcke) zählt unter anderem, dass die DEL-Klubs nicht wissen, ob sie aus dem 200-Millionen-Hilfstopf der Bundesregierung löffeln dürfen. Der ist mit bis zu 800 000 Euro pro Klub gefüllt - wenn sich die Antragsteller "nicht bereits am 31. Dezember 2019 in finanziellen Schwierigkeiten befunden haben", so steht es in der Billigkeitsrichtlinie des Bundesinnenministeriums vom 1. September. Und da wird es heikel, denn im DEL-Alltag gleichen die Gesellschafter am Ende jeder Saison ein dickes Minus aus. 60 Millionen werden binnen zehn Tagen nicht zu finden sein, und die Politik, die zuvorderst die Gesundheit der Bürger zu schützen hat, wird keine Zuschauerzusagen treffen, die sie später bereuen müsste. So liest sich der vermeintliche Hilferuf wie eine absurde Lösegeldforderung: 60 Millionen, in 14 kleinen Köfferchen, bis 2. Oktober, sonst ... "Wir wollen keinen Plan B oder C vorwegnehmen", hatte Tripcke vor der Versammlung in Frankfurt gesagt. Die Hygienekonzepte der Klubs ließen eine Auslastung der Arenen zwischen 40 und 60 Prozent zu, "dann können wir anfangen zu rechnen". Entweder - oder. Wir wollen ja. Aber die Politik lässt uns nicht.

Der Imageschaden durch eine Absage der Saison - während Basketball, Handball und übrigens auch die DEL2 konkrete Starttermine benannt haben - ist kaum abzusehen, ebenso der Schaden für die Champions-League-Teilnehmer und die Nationalmannschaft. Dass die Liga ihr Ultimatum wenige Stunden vor der Wahl von Leon Draisaitl zum wertvollsten Spieler der NHL veröffentlicht hat, verleiht der Entscheidung zusätzliche Bitternis. Den DEL-Profis, die Kurzarbeit und einem 25-prozentigen Gehaltsverzicht zugestimmt haben, dürfte sie umso sauerer aufstoßen. Einstimmig war sie übrigens nicht. Am Montagabend veröffentlichten 13 von 14 Klubs die Erklärung der DEL auf ihren Seiten - alle bis auf den EHC Red Bull München. Der Meister der Jahre 2016 bis 2018 spielte am Wochenende beim hauseigenen Einladungsturnier in Salzburg gegen drei Teams aus Österreich - deutsche Gegner waren nicht zu finden.

© SZ vom 23.09.2020/tbr
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Von Johannes Schnitzler

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