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Neues Maradona-Museum:Ein Museum, dass einen zurück in die Achtziger beamt

Naheliegende Frage: Hat der Mann denn sonst nichts zu tun? Pérez sagt: "Ich bin 76, ich war 40 Jahre lang Anwalt und jetzt mache ich eben das, was mir Spaß macht." Es ist ein Spaß, den er mit heiligem Ernst betreibt. Sein Museum soll "La Casa de D10S" heißen, ausgesprochen "La Casa de Dios", das Haus Gottes. Ein Verrückter mehr, denkt man im ersten Moment. Und Verrückte gibt es im Universum der Maradona-Verklärung ja wahrlich genug. Auch 20 Jahre nach seinem Karriereende wird dieser Fußballer noch wie der Heiland verehrt, ungeachtet der Tatsache, dass er im wahren Leben allzu oft auf die Schnauze fiel. Im Grunde sind alle Lieder über Maradona gesungen, alle Bücher geschrieben, alle Filme gedreht, alle Messen gelesen und alle Museen eingerichtet. Andererseits bietet die fast schon manisch originaltreu bestückte Wohnung in der Calle Lascano einen einzigartigen Einblick in das Leben einer der interessantesten Figuren des 20. Jahrhunderts. Und ja, es macht tatsächlich Spaß, sich in diesem begehbaren Geschichtsbuch zurück in die frühen Achtziger beamen zu lassen.

Diego Maradona schlief auch in seinem dritten Profijahr noch in einer winzigen Rumpelkammer. Um aufs Klo zu kommen, musste er durchs Fenster klettern. "Für eine Familie, die aus Villa Fiorito kam, war das damals ein Palast", sagt Pérez. Und dass Diego der Hauptverdiener der Sippe war, erkennt man schon daran, dass er überhaupt ein eigenes Zimmer abbekam, die fünf Schwestern mussten sich zwei Räume teilen. "Zwischenzeitlich wohnten hier 15 bis 20 Leute, inklusive Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen."

Im Wohnzimmer steht eine Heimorgel der Marke "Fun Machine". Direkt darüber an der Blümchen-Tapete hängt ein bezauberndes Bild: Diego orgelt. Und wenn er dabei keinen Trainingsanzug tragen würde, könnte man ihn glatt für einen braven Musikschüler halten. "Diese Orgel hat er von seiner Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen", so Pérez, "aus Höflichkeit hat er sich auch einmal für ein Foto hingesetzt. Spielen konnte er darauf aber nicht."

Das Spiel, das er beherrschte wie kein anderer, führte ihn bald zu größeren Vereinen als den Kiezklub Argentinos Juniors. Die Maradonas verließen das Haus, das nur ein paar Schritte hinter dem heutigen Maradona-Stadion liegt, kurz bevor Diego 1981 zum Stadtrivalen Boca Juniors wechselte. Laut Pérez, der an dem Deal beteiligt war, wurde die damals unfassbare Ablösesumme von acht Millionen US-Dollar vereinbart, die Boca allerdings jahrelang säumig blieb.

Wenn heute von der Vereinskarriere Maradonas die Rede ist, dann fallen jedem Fußballfan der FC Barcelona und vor allem der SSC Neapel ein, viele wissen auch, dass er in der Bombonera, dem Stadion von Boca, eine Ehrenloge besitzt. Über die vier Profijahre bei Argentinos, wo alles begann, redet dagegen kaum jemand. Alberto Pérez geht es mit seinem Museum auch darum, gegen diese historische Ungerechtigkeit anzukämpfen. Er sagt: "Für Boca hat er 45 Tore geschossen, für Napoli 115." Kunstpause. "Und für uns 116."

Alberto Pérez feilt noch an letzten Details, irgendwann im Lauf dieses Jahres soll das Diego-Heimatmuseum offiziell eröffnet werden. Schon jetzt bietet er aber private Führungen an, meist auf Anfrage von Fans aus Buenos Aires oder Neapel, die es nicht mehr erwarten können. Einmal kam ein Mann mit seinen fünfjährigen Zwillingstöchtern vorbei. Sie hießen Mara und Dona.

Weil Pérez ein Profi ist, verpasste er nicht die Gelegenheit, die Pässe der beiden Mädchen zu kopieren. Auch die können bald von einem breiten Publikum bestaunt werden.

© SZ vom 05.01.2018/mwal/tbr
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