Fußballer im Streik:Die Sitten verlottern

Lesezeit: 2 min

Premier League - Liverpool vs Swansea City

Will weg und übt seine Macht aus: Regisseur Coutinho vom FC Liverpool.

(Foto: Action Images via Reuters)

Coutinho will von Liverpool zu Barcelona - also streikt er: Das stolze Mittel der Arbeitsniederlegung wird im Fußball missbraucht. Und das ohne vorherige Friedenspflicht.

Kommentar von Christof Kneer

Von den vielen schönen Geschichten, die über Ailton im Umlauf sind, ist diese eine der schöneren: wie Ailton pünktlich, also zwei Tage zu spät aus Brasilien nach Bremen zurückkehrte und wie er dann in Bremen in ein Taxi kletterte, um sich von da, angeblich auf eigene Kosten, ins Trainingslager nach Norderney transportieren zu lassen. Auf Norderney angekommen, hat er wahrscheinlich erst mal "musse guck, musse konzentrier" gesagt, und dann hat er natürlich wieder eine Strafe bekommen, wegen wiederholten Ailtontums.

Aber ein Streik? Nein, ein Streik war das nicht. Es war halt einfach Ailton.

Der Transfermarkt wird immer obszöner

Man muss das deshalb so klar sagen: Der Spieler Walace ist als Ailton-Nachfolger eine jämmerliche Fehlbesetzung. Okay, der Brasilianer will nicht mehr zum HSV zurück (unter uns: Kann man ihm das verdenken?), er steckt gerade noch in Brasilien, während die Kollegen bereits ihr Trainingslager in Spanien bezogen haben. HSV-Vorstand Bruchhagen hat "eine saftige Geldstrafe" für den Spieler angekündigt, aber damit enden schon die Parallelen zum Fall Ailton.

Der Original-Ailton kam halt immer zu spät, weil er in Brasilien noch seine Pferde putzen oder einen Geburtstag einer seiner zahlreichen Großmütter besuchen musste. Aber Ailton flog dann eben nicht, wie Walace wohl an diesem Donnerstag, an der Seite eines Spielerberaters ein, der ihn aus seinem Vertrag heraus tricksen soll.

Der Transfermarkt wird immer obszöner, aber erst allmählich begreift man so richtig, was das fürs praktische Fußballleben bedeutet. Bereits im Sommer haben die Profis Coutinho und Ousmane Dembelé versucht, sich aus Liverpool bzw. Dortmund nach Barcelona zu streiken, Dembelé mit, Coutinho ohne Erfolg. Coutinho versucht die Nummer gerade erneut, mit guten Aussichten diesmal, und Gewerkschafter aller Art werden damit leben müssen, dass das stolze Mittel der Arbeitsniederlegung im Fußball in zunehmendem Zynismus missbraucht wird, und das ohne vorherige Friedenspflicht.

Immer mehr Geld im Markt, immer mehr Möglichkeiten für die Spieler, immer mehr sinistre Gestalten, die sich an die Spieler hängen, immer weniger Skrupel: Das ist jene zugespitzte Marktmechanik, die die Sitten weiter verlottern lässt. Wer nicht gleich streiken will, kann es auch machen wie Liverpools Rekordtransfer Virgil van Dijk, der in Southampton ein Statement mit der Kernaussage "Es ist Zeit zu gehen" an die Presse verteilen ließ; oder wie Schalkes neuer Stürmer Cedric Teuchert, der in Nürnberg seine Unlust zeigte. Man würde sich fürs neue Jahr wirklich mal einen Profi wünschen, der - muss guck, musse konzentrier - mit dem Taxi nach Norderney fährt.

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