bedeckt München 17°
vgwortpixel

E-Sport:Samstag um 15.30 Uhr wird Bundesliga gespielt

In beiden Welten daheim: Sascha Mockenhaupt ist Verteidiger für Wehen Wiesbaden – und als „M_0cki“ an der Konsole aktiv.

(Foto: SV Wehen Wiesbaden/OH)

Zumindest virtuell. 26 Klubs treten mit einem E-Sportler und einem Profi-Fußballer in der Simulation "Fifa 20" gegeneinander an. Favorit ist Werder Bremen - der FC Bayern fehlt.

Uli Hoeneß wird wohl nicht zuschauen auf Youtube, wenn am Samstag um 15.30 Uhr die Bundesliga wieder Fußball spielt, zumindest virtuell. Die DFL trommelt dann ihre Vereine zusammen, Profi-Zocker und Profi-Fußballer treffen sich gemeinsam zu Quarantäne-Spielen, mit genügend Sicherheitsabstand. Gespielt wird von der heimischen Couch aus - aber ohne den FC Bayern München. 26 Klubs aus Bundesliga und zweiter Liga treten an, gespielt wird die Fußball-Simulation "Fifa 20". Pro Team treten zwei Spieler an, ein Zocker mit einem Profi-Fußballer zusammen. Einer der großen Favoriten sind die sonst so arg gebeutelten Bremer: Fußballer Maximilian Eggestein hat Deutschlands amtierenden Fifa-Meister an seiner Seite, Michael Bittner, Spitzname "Megabit". Während die Werder-Kicker in der Bundesliga gegen den Abstieg kämpfen, haben ihre Kollegen an der Konsole gerade den Titel verteidigt.

Am virtuellen Spieltag werden je Begegnung zwei Partien als Einzel ausgetragen, eine Partie dauert rund 25 Minuten. Jedes Team spielt mit der virtuellen Repräsentation seines Klubs, also Werder mit Werder. Alle virtuellen Teams sind aber in der Simulation gleich stark, damit die Zweitligisten nicht chancenlos sind. Es sind bekannte Namen unter den Profis: Achraf Hakimi spielt für den BVB, Maximilian Mittelstädt für die Hertha, Daniel Brosinski für Mainz. Den Auftakt macht die Partie Fürth gegen Hoffenheim. "Bundesliga Home Challenge" nennt die Deutsche Fußball Liga (DFL) das, seit 2012 wird die Virtual Bundesliga unter dem Dach der Liga veranstaltet. Und die nutzt in der Corona-Krise nun die Chance, ihr Produkt zu vermarkten.

Vorreiter sind sie damit nicht, am vergangenen Wochenende hatten schon die spanischen Vereine eine Meisterschaft ausgespielt: Real Madrids Profi Marco Asensio gewann das Turnier mit 18 der 20 spanischen Erstligisten. Sascha Mockenhaupt dürften wohl auch die Profi-Zocker fürchten, er ist der einzige Fußballprofi, der auch in der virtuellen Bundesliga antritt. Der Verteidiger von Wehen Wiesbaden spielt auch für das E-Sport-Team des Zweitligisten, als "M_0cki" hat er schon Punkte eingefahren. In der vergangenen Saison wurde Wiesbaden aber trotzdem Letzter.

Und der FC Bayern? Der spielt sein eigenes Spiel

Das Zocken "hilft mir über die Zeit", sagt Mockenhaupt. Die Wiesbadener stehen nach einem positiven Corona-Fall in der Mannschaft unter Quarantäne. Wie lange schon, da ist sich Mockenhaupt am Telefon nicht mehr ganz sicher: "Die Tage verschwimmen gerade", das Leben sei aus dem Tritt geraten ohne die Taktung des Profisports. Mit E-Sport-Aktionen könne der Fußball "die Nähe zum Fan" wiederherstellen, "die Distanz wieder aufbrechen", glaubt er. Am Wochenende spielt er an der Konsole auch noch gegen Bernd Leno, Wehen Wiesbaden gegen FC Arsenal; am Montag soll eine deutsche Fifa-Auswahl zum Freundschaftsspiel gegen Spanien antreten, übertragen im spanischen Fernsehen. Gerade ist vieles möglich, was sonst nur schwer vorstellbar wäre.

Unter den Profis ist das Daddeln weit verbreitet. Antoine Griezmann, Gareth Bale, Mesut Özil, große Namen im Fußball, investieren alle im E-Sport, sie haben eigene Teams und Profi-Spieler angestellt. Über den Eifer der Fußballer an der Konsole sind allerdings nicht immer alle Trainer glücklich. Während der desolaten WM in Russland 2018 soll der DFB den Nationalspielern sogar die Internetverbindung gekappt haben, um die nächtliche Daddelei einzudämmen.

Nun allerdings wittert die Branche eine Chance. Denn der E-Sport ringt ja um die Anerkennung als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht. Sogar im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist festgehalten, dass sich die Parteien dafür einsetzen wollen, auch bei den olympischen Ambitionen wolle die Koalition helfen. Davon verspricht sich die E-Sport-Gemeinde Fördergelder und Visa-Erleichterungen bei Reisen - und Anerkennung. Man wolle nun den "klassischen Sport umarmen", sagt Ralf Reichert, Geschäftsführer der Electronic Sports League (ESL), einer der ältesten E-Sport-Ligen weltweit. "Wir sind mit vielen Sportarten in Gesprächen, wie wir ihnen helfen können, kurzfristig E-Sport-Wettbewerbe aufzusetzen", sagte Reichert: "Wir sind da, um zu helfen und nicht, um zu sagen: Hey, wir sind viel geiler als der klassische Sport." Tatsächlich startete auch die Formel 1 eine eigene Simulation, um die ausgefallenen Rennen nachzufahren.

Und der FC Bayern? Der spielt sein eigenes Spiel. Mit Konami, Entwickler des "Fifa 20"-Konkurrenten "Pro Evolution Soccer", haben die Münchner seit Sommer 2019 eine Partnerschaft. Nachdem der erklärte E-Sport-Gegner Hoeneß ("Schwachsinn!") seinen Posten als Präsident abgab, ging es flott mit dem Einstieg der Münchner in die Welt der Fußball-Simulation. Doch der E-Sport ist zerrissen, die Hersteller werben um die Großen der Branche. So sind der FC Barcelona und der FC Bayern verbunden mit Konami und bleiben Turnieren fern, auf denen die Fifa-Reihe gespielt wird. Geld, auf die Idee könnte man kommen, regiert auch den virtuellen Fußball.

© SZ vom 28.03.2020/schm
ESL One Köln 2019

SZ Plus
E-Sports
:Berufswunsch: Videospiel-Streamer

Das Geschäft mit E-Sport-Angeboten boomt, die Stars daddeln heute in Stadien und verdienen Millionen damit. Immer mehr Jugendliche wollen deshalb auch Sportler werden - am Computer.

Von Jürgen Schmieder

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite