Verletzung von Thomas Dreßen Ein schwerer Schlag für die alpinen Rennfahrer

Thomas Dreßen stürzt bei der Abfahrt in Vail. Im dortigen Krankenhaus musste er notversorgt werden.

(Foto: Nathan Bilow/dpa)
Von Barbara Klimke

Bei aller Anerkennung, aller Hochachtung, die er sich in einem rauschhaften Winter verdiente, hat Thomas Dreßen nie den Blick aufs Wesentliche verloren. "Am Ende des Tages ist wichtig, dass man gesund ist und dass ich meinen Traum als Beruf ausübe", hat er vor wenigen Wochen gesagt. Es klang wie eine Selbstverständlichkeit, aber weder das eine, die Unversehrtheit, noch das andere, die Berufsausübung, sind jemals Gewissheiten im Leben eines Skirennfahrers, der mit 125 km/h auf zwei schmalen Brettern alpine Steilhänge hinunter jagt. Am Freitag stürzte Dreßen schwer auf der Abfahrtspiste in Beaver Creek. Und noch ehe ihn der Akia ins Zielgelände transportiert hatte, war zu befürchten, dass Dreßen, Streif-Bezwinger 2018, zweimaliger Weltcup-Sieger und Drittbester der Abfahrts-Wertung, die kommenden Monate nicht auf der Piste, sondern in der Reha verbringt.

Noch in der Nacht bestätigte der Deutsche Skiverband die niederschmetternde Diagnose aus der Klinik in Vail: Schwerer Knieschaden rechts mit einem Riss des vorderen und hinteren Kreuzbands, außerdem eine linksseitige Schulterluxation. Am Wochenende sollte Dreßen, 25, aus Colorado nach Hause fliegen, in den kommenden Tagen werden die weiteren Behandlungsschritte definiert. "Wir werden jetzt nicht resignieren", sagte der deutsche Alpindirektor Wolfgang Maier am Samstag am Telefon in Beaver Creek, wo weitere Rennen anstanden. "Aber natürlich ist klar, dass man einen so außergewöhnlichen Skifahrer wie ihn nicht ersetzen kann."

Ski alpin Dreßen stürzt bei Abfahrt und verletzt sich schwer
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Dreßen stürzt bei Abfahrt und verletzt sich schwer

Deutschlands bester Abfahrer rutscht beim Rennen in Beaver Creek mit mehr als 100 km/h in die Fangnetze. Er fällt den Rest der Saison mit einem Kreuzbandriss aus.

Maier hatte am Freitag am Rande der Abfahrtspiste nicht weit vom Unglücksort entfernt gestanden. Er wusste, dass sich Dreßen körperlich und technisch hervorragender Verfassung befand, erkannte anhand der Zwischenzeit, dass er der Schnellste war, beobachtete die "Eleganz, mit der er die Sprünge nahm". Und musste dann mitansehen, wie er nach einer minimalen Irritation aus dem Gleichgewicht kam, "an einer Stelle, an der man das im Leben nicht erwarten würde", am letzen Tor vor dem Flachstück der Strecke. Die Kante des Skis fräste sich ein, eine Millimeterentscheidung, so Maier, die bei den Fahrgeschwindigkeiten enorme Konsequenzen haben kann. Dreßen schoss schwer über die Piste in die Fangnetze. Er schrie vor Schmerz.

Dreßen war glänzend in die Saison gestartet

Es war erst seine zweite Weltcup-Station im noch jungen Winter; in der Woche zuvor war der beste deutsche Skirennfahrer im kanadischen Lake Louise glänzend in die Saison gestartet als Siebter der Abfahrt und Neunter im Super-G. In Beaver Creek in den Rocky Mountains, am nächsten Wettkampfort, fand er ein Terrain vor, das ihm liegt: Dreßen gilt als Speed-Spezialist mit breit gefächerten Fähigkeiten, sowohl auf Gleitstrecken als auch in Steilhängen. Mittlerweile findet er auf vielen Strecken die Ideallinie, ob in Kitzbühel, Bormio, Wengen oder Kvitfjell. In Beaver Creek, auf der WM-Piste "Birds of Prey", war er vor einem Jahr Dritter geworden - es war sein erster großer Erfolg bei einem Weltcuprennen. Den phänomenalen Schwung hatte er bis nach Kitzbühel, zum Triumph auf der Streif, mitgenommen, und er hatte ihn von dort durch die gesamte Saison getragen.

Von nun an, sagte Alpindirektor Maier, müssten die Anstrengungen darauf ausgerichtet sein, dass Thomas Dreßen den Weg zurück in den Schnee findet nach den erforderlichen Medizin- und Rehamaßnahmen. Das zweite, nicht minder wichtige Erfordernis sei die Konzentration auf die Arbeit mit dem übrigen Team. Man dürfe wegen des schweren Unfalls nicht in Trübsinn verfallen, "denn wir haben eine Verpflichtung gegenüber allen Athleten". Gleichwohl ist es ein schwerer Schlag für die alpinen Rennfahrer im DSV, die auch im vergangenen Jahr den Ausfall zweier hochveranlagter Athleten beklagten: Felix Neureuther, dem besten Slalom-Spezialisten, riss vor einem Jahr in Copper Mountain, eine Autostunde von Beaver Creek entfernt, ebenfalls das Kreuzband. Stefan Luitz erlitt im Dezember 2017 das gleiche Unglück. Neureuther wurde damals übrigens im selben Krankenhaus in Vail wie Dreßen notversorgt.

Etwas Trost hat dem DSV am Wochenende immerhin Kira Weidle, 22 Jahre alt, aus Starnberg spenden können. Bei der ersten Saison-Abfahrt in Lake Louise kam sie zum ersten Mal in ihrer Karriere als Dritte in einem Weltcuprennen ins Ziel. Für Thomas Dreßen allerdings, so glaubt man im Verband, ist die Saison wohl beendet.

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