Doping-Whistleblowerin Julia Stepanowa: Wer auspackt, wird verbannt

Julia Stepanowa darf höchstens als Besucherin nach Rio - die Laufwettbewerbe bleiben ihr verwehrt.

(Foto: dpa)

So absurd ist der Anti-Doping-Kampf: Julia Stepanowa half als Kronzeugin mit, Russlands Betrugssystem aufzudecken. Bei Olympia in Rio muss sie trotzdem zuschauen.

Von Johannes Knuth

Wenn man Julia und Witalij Stepanow anruft, per Videotelefonie, sieht man eine weiße Wand. Sie leben mit ihrem zwei Jahre alten Sohn irgendwo in Amerika, wo genau, das soll kaum jemand wissen, nicht einmal die Familie in der Heimat. Denn die Stepanows haben verraten, was Russlands Leichtathletik und vermutlich den gesamten russischen Sport jahrelang antrieb: Doping und Manipulation, abgeschirmt von Staat und Behörden. Seitdem ist Julia Stepanowa nicht mehr willkommen, weder in Russland, noch bei den Olympischen Spielen, die in eineinhalb Wochen anbrechen.

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Julia Stepanowa war 20, als sie in den Betrug hineinwuchs. Sie war eine schüchterne 800-Meter-Läuferin, aufgewachsen in Kursk, Mutter Krankenschwester, Vater Alkoholiker, der Mutter und Kinder schlug. Julia flüchtete in den Sport und damit in ein System, in dem die Athleten gelehrt wurde: Du musst dopen, so machen das alle, weltweit. Also machte Julia es auch, mit dem Blutdopingmittel Erythropoetin, oder Testosteron. Sie wurde schnell besser, 2011 Platz drei bei der Hallen-WM.

Sie heiratete Witalij, einen Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur. Es war eine chaotische Ehe. Während Julia zu Erfolgen gedopt wurde, wehrte sich Witalij gegen die wuchernde Korruption. Seine Agentur kontrollierte die Athleten aber nicht, sondern deckte sie. Julia verstand Witalij nicht, Doping, das machen doch alle, hatte man ihr gesagt. Die Ehe war kurz vor dem Scheitern. Bis Stepanowa 2013 positiv getestet und für zwei Jahre gesperrt wurde.

Die Kulisse, die das System vor Stepanowa aufgezogen hatte, fiel in sich zusammen. Sie merkte, dass sie ausgebeutet worden war von Trainern, die jetzt halt ein anderes Mädchen nahmen. Sie filmte ihre Trainer und Athleten heimlich beim Betrug, entblößte das System, floh mit Mann und Kind, bis heute sind sie auf Spenden angewiesen. Drei Untersuchungsberichte der Welt-Anti-Doping-Agentur gingen ihren Vorwürfen nach und hoben ein gigantisches Betrugsnest aus.

Russlands Athleten hatten jahrelang betrogen, unterstützt vom Geheimdienst und vom Staat. Die Leichtathleten sind mittlerweile kollektiv gesperrt, auch für Olympia. Stepanowa, die ihre Sperre abgesessen hat, wollte wieder laufen, sie hatte nur kein Land mehr, für das sie starten könnte. Also hoffte sie auf eine Ausnahmegenehmigung für Rio, wegen ihrer Verdienste als Kronzeugin.

Am Sonntag entschied das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit seinem Präsidenten Thomas Bach, eng vernetzt mit Russlands Staatschef Putin: Stepanowa darf nicht in Rio starten. Weil sie die "ethischen Anforderungen" des IOC nicht erfülle, als ehemalige Doperin. Die übrigen russischen Sportler, bis auf die Leichtathleten, dürfen dagegen mitmachen, wenn sie ihre Unschuld beweisen. Das ist nahezu unmöglich, nachdem sie jahrelang in ein staatliches Betrugsnetzwerk eingebettet waren. Die zynische Botschaft dahinter lautet: Wer betrügt und still bleibt, hat nichts zu befürchten.

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