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Russische Sportler in Rio:Putin ist der wahre Herrscher von Olympia

IOC-Präsident Thomas Bach kündigt "Nulltoleranz" an und lässt dann Russlands gedopten Agentensport zu Olympia. Der Rauswurf von Whistleblowerin Stepanowa ist blanker Hohn.

Kommentar von Thomas Kistner

Die olympische Goldmedaille in der neuen Sparte Zynismus geht an Thomas Bach. Souverän sichert sich der deutsche Wirtschaftsadvokat an der Spitze des IOC die fragwürdige Auszeichnung: Die brutale Art, wie sein IOC die russische Whistleblowerin Julia Stepanowa jetzt von den Rio-Spielen verjagt hat, kommentiert der Boss mit angemessener Kälte. Stepanowa hatte den Dopingskandal mit beispiellosen Enthüllungen ausgelöst, seit Jahren ist sie deshalb mit Mann und Kind auf der Flucht. Ihr Lohn? Hohn. Am Sonntag erzählte Bach, er werde die Whistleblowerin samt Ehemann jetzt halt mal auf die IOC-Gästeliste in Rio setzen.

Indem es die Russin genauso bestraft wie all ihre Sportkollegen, die nie an einer Aufklärung mitwirkten und trotz klarer Beleglage sogar Doping bestreiten, zieht Bachs IOC auch allen potenziellen Hinweisgebern den Nerv: Wer will noch einmal Kopf und Kragen als Whistleblower riskieren? Stepanowas Rauswurf wird dafür sorgen, dass das stärkste Instrument der Dopingbekämpfung überhaupt, der diskrete Informationsfluss aus den vernetzten Wirksystemen des Spitzensports, endgültig versiegt.

Der Gedanke, dass das beabsichtigt ist, wirkt mitnichten abwegig, sieht man die Chuzpe, mit der Bach und Mitstreiter die Interessen Wladimir Putins durchfechten. Alles wirkt geplant, wie aufgestellt von langer Hand. So, wie auch der Geheimdienst arbeitete. Der Kremlchef, das ist seit Sonntag keine Frage mehr, ist der wahre Herrscher von Olympia. Und müßig wäre es, noch weiter auf die Diskrepanz zwischen den IOC-Fensterreden auf die eigene "Nulltoleranz" und dem staatlich orchestrierten Großbetrug bei den Sotschi-Spielen 2014 und anderen Events hinzuweisen. Eine Volltoleranz für russische Spiele hat nur der Leichtathletik-Weltverband verhindert, der Putins Leichtathleten schon ausgeschlossen hatte; ein Verdikt, das der Sportgerichtshof Cas absegnete.

Auch hier zeigt sich die Strategie des IOC. Es hatte dieses Cas-Urteil erklärtermaßen abgewartet - und offensichtlich darauf gehofft, dass die Sportrichter den Komplettausschluss der Leichtathleten noch kippen würden. Groß muss die Enttäuschung gewesen sein - doch immerhin, dank der Warterei gingen weitere wertvolle Tage ins Land, die nicht für Untersuchungen gegen all die russischen Athleten genutzt werden konnten, deren Einzelfallprüfung das IOC nun den Fachverbänden aufgebürdet hat.

Putin darf stolz auf seinen deutschen Freund sein. Der sicherlich auch nichts dagegen hat, wenn demnächst in Witali Smirnow, 81, ein Apparatschik des Sowjetsports für neue Sauberkeit im russischen Sport sorgen sollte. Alt-Olympier Smirnow kennt wohl mehr dunkle Sportgeheimnisse als jeder andere, in Russland publizierte Hinweise auf eine angebliche Agententätigkeit für den Geheimdienst KGB wirken äußerst realitätsnah.

Putin, Ex-KGB-Agent in Deutschland, hält viel von ihm. Und von Bach, von dem man schon gern wissen will, warum er noch die letzte Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt für Russlands Agentensport. Und welche mysteriösen Kräfte ihn so unlösbar an Putin und Co. binden - wie es aussieht, um jeden Preis.

© SZ vom 25.07.2016/schm
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