Doping in der Leichtathletik:Jamaika hinkt den Standards hinterher

Der kleine Karibikstaat hinkt bei seiner Anti-Doping-Arbeit den Standards hinterher. Die Klagen kommen von der Insel selbst. Renée Anne Shirley, die frühere Direktorin der jamaikanischen Anti-Doping-Agentur Jadco, hat im Sommer schon erklärt, dass Jadco vor Olympia 2012 in London nur eine (in Zahlen: 1) Trainingskontrolle durchgeführt habe. Im Oktober sagte sie in der britischen Zeitung Telegraph, die Agentur sei unterbesetzt und bewerkstellige keine Bluttests. Jamaikas Chefkontrolleur Paul Wright nannte die jüngsten Jamaika-Fälle in der BBC "die Spitze des Eisbergs".

Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada kritisierte die Verhältnisse, drohte mit Konsequenzen und schickte ein Team zur Prüfung. So groß ist der Leidensdruck, dass Shelly-Ann Fraser-Pryce in Monte Carlo ihrem Land mit Streik drohte: "Wenn gewisse Dinge nicht den Standards entsprechen, ist nicht zu laufen etwas, das man tun muss", sagte sie.

Die Vorlagen für ein paar ernsthafte Gedanken waren also da. Aber die konnte IAAF-Chef Diack irgendwie nicht nutzen. "Hört auf mit dem ganzen Schmarrn! Jeder kennt die Stärke von Jamaika", rief er bei einer Gala-Pressekonferenz auf Anfrage. "Ich habe in den Zeitungen gelesen, wie die Wada dahin gegangen ist und dass sie Jamaika suspendieren würden." Frechheit, findet Diack: "Die können niemanden suspendieren!"

Und Diacks wichtigster Quotenbringer, der Weltrekordler Usain Bolt, wünschte sich eine Klärung der Kritik aus dem irdischsten aller Gründe: "Das bringt Probleme für mich, wenn es ums Geldverdienen in meinem Sport geht." Die Idee der Kollegin Fraser-Pryce, zu sportpolitischen Zwecken nicht zu rennen, gefällt ihm deshalb auch nicht: "Shelly, damit bist du allein", sagte Bolt, "es ist hart für mich zu streiken, weil das mein Job ist."

Das Prinzip eines Streiks hat Bolt offensichtlich nicht ganz erfasst, und auch Diack wirkte nicht sehr gut informiert. Sonst hätte er seine Wut wohl kaum gegen die Wada gerichtet, die Jamaika zuletzt guten Willen zur Besserung zugestand und meldete, dass Sportministerin Natalie Neita Headley einen zusätzlichen Jadco-Zuschuss von acht Millionen Jamaika-Dollar (knapp 57 000 Euro) in Aussicht gestellt habe. Sondern eher gegen die undurchsichtigen Verhältnisse rund um seinen Sport.

Über den Jadco-Vorsitzenden Herb Elliott, einst Mitglied der IAAF-Anti-Doping-Kommission, berichtete zuletzt das Wall Street Journal, dass sich dessen Akademiker-Titel von den Universitäten in Columbia und Brüssel nicht bestätigen ließen. So etwas ist Jamaikas Glaubwürdigkeit gar nicht zuträglich. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Disziplinar-Kommission des Leichtathletik-Verbandes JAAA früher im Herbst beschloss, Veronica Campbell-Brown nur zu verwarnen wegen ihres Tests auf das Entwässerungsmittel Hydrochlorothiazid - ohne tiefere öffentliche Begründung, dabei kann man mit Entwässerungsmitteln härtere Dopingsubstanzen kaschieren.

Und die Sportwelt wartet weiterhin auf das abschließende Urteil der IAAF zu der vielbeachteten Affäre - genauso wie auf Klarheit in den Fällen Powell, Simpson und Gay. Aber so pflegt halt jeder seine eigenen Ansichten und Interessen. Lamine Diack findet es wahrscheinlich gar nicht schlecht, wenn nicht zu viel Wahrheit über die Leichtathletik ans Licht kommt.

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