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Doping:Immer wieder standen Beamte vor der Wohnung - nach einer Rangelei war Xues Mann tot

Xue sagt, sie habe nie gesehen, wie die Sportler gedopt wurden. Jeder habe ja ihre kritische Haltung gekannt. Aber sie habe viel von anderen Ärzten gehört und gesehen. Sie schrieb das in ihre Tagebücher, die sie mittlerweile an einem sicheren Ort versteckt hat. Der Fall des Tischtennisspielers Cai Zhenhua, der Anfang der 80er-Jahre viele WM-Goldmedaillen gewann. Oder die Affäre einer erfolgreichen Leichtathletin, deren Proben im Pekinger Anti- Doping-Labor vor den Asienspielen 1986 so lange getestet wurden, bis sie negativ waren. Erst dann durfte sie ausreisen.

Der eindrücklichste Fall handelt von der Krankenschwester Huang Meiyu, er erschien zuletzt wieder auf diversen chinesischen Nachrichtenseiten im Ausland. Huang wurde vor den Asienspielen 1986 aufgetragen, diverse Sportler zu dopen; darunter auch eine bekannte Badmintonspielerin. Als ein Dopingtest ausschlug (dem die Funktionäre später mit einem Erkältungsmittel begründeten), machten sie allein Huang verantwortlich. Irgendwann war sie so zermürbt, dass sie einen Selbstmordversuch unternahm. Huang erzählte die Geschichte 2015 in einem Interview. 2016 wurde sie dann am Darm operiert. Ein halbes Jahr später, im Februar 2017, starb sie. Die Operation sei leider missglückt, teilte man der Familie mit. Später wurden die Eltern bedroht, sagt Xue. Die Badmintonspielerin von damals ist heute eine hohe Funktionärin im Weltsport.

Xue sah in den 80er-Jahren immer mehr vom Betrug, doch ihre Stimme wurde immer schwächer. Ihr Gehalt wurde gekürzt, sie wurde von Sitzungen ausgeladen, Trainer dopten viele Turner hinter ihrem Rücken. Sie weigerte sich weiter. "Als Sportmedizinerin war ich immer der Meinung, dass das Oberste die Gesundheit der Sportler sein sollte. Diese Dopingmittel haben nur negative Folgen, nicht nur körperlich", sagt sie. "Wenn die Sportler ihren Erfolg haben, werden sie danach immer fallen gelassen." Sogar Chinas offizielle Sportzeitung Zhongguo Tiyu Bao berichtete Monate vor den Peking-Spielen 2008, dass rund 300 000 staatlich hochgezüchtete Eliteathleten inzwischen in Armut lebten.

Xue glaubte lange an den olympischen Geist. Heute weiß sie, dass es diesen Geist nie gab. "Ich war naiv. Für die Sportkommission war ich ein Clown, der ihnen den Aufstieg in die Weltspitze verbaute", sagt sie. Einige Athleten hielten zu ihr, Turner Li Ning etwa, der bei den Spielen 1984 in Los Angeles dreimal Gold gewann. Xue durfte da schon nicht mehr mitreisen.

Kurz vor Olympia 1988 in Seoul drängten sie die Funktionäre endgültig aus dem Sport. Später entließen sie Xues Sohn, der ebenfalls als Arzt arbeitet. Die Mutter wurde von der Sportmedizin in die Ambulanz versetzt, doch viele Sportler kamen weiter zu ihr. So sah sie weiter die Nebenwirkungen des Dopings, von Dalibu etwa, dem "Kraft-Ergänzer". Sie schrieb es in ihre Tagebücher, wie im Fall eines Turners:

Kam am 12. Januar 1989 morgens.

Hat im vergangenen Jahr Dalibu konsumiert. Gewicht stieg auf 57 Kilo. Hatte von August bis September 1986 Dalibu genommen, Gewicht von 51,5 auf 55 Kilo. Medizin kam von einem Krankenhaus in Peking. Körperkraft sei gut, Beweglichkeit schlecht. "Ich kann nicht mehr trainieren", sagt er.

Xue wurde 1998 pensioniert, nach 36 Jahren im Staatsdienst. Sie hörte, dass in den Nationalteams weiter gedopt wurde, in der Laufgruppe des Trainers Ma Junren ("ein unglaublicher Despot"), der seine Sportlerinnen mit Gürteln schlug, oder bei den Schwimmern, die von 1994 bis 2004 für 40 Positivfälle sorgten und vor der WM 1998 am Flughafen Perth geschnappt wurden. Sie hatten versucht, Wachstumshormon per Thermoskanne ins Land zu schmuggeln. Als Xue bei den Sommerspielen 2012 sah, wie die 16-jährige Ye Shiwen auf der Schlussbahn schneller als die Männer schwamm, sagte sie: "Man sieht sofort, dass sie etwas eingenommen hat." Ye stritt das stets vehement ab.

"Eigentlich", sagt Xue heute, "müsste man alle chinesischen Goldmedaillen bis heute aberkennen."

Leichtathletik Die Studie, die der Sport nicht sehen will
Studie

Die Studie, die der Sport nicht sehen will

Verbände wollten verhindern, dass eine anonyme Befragung an die Öffentlichkeit gelangt, in der 30 Prozent der Athleten Doping zugeben. Offenbar sollten die Ergebnisse vertuscht werden.   Von Johannes Knuth

Im November 2005 erlitt Xue den ersten Schlaganfall, der ihr kurz die Sprache raubte, 2006 den zweiten. "Wir sind in der Zeit oft belästigt worden, nachts gab es Anrufe, aber niemand ging ran", sagt sie. "Mein Mann war furchtbar angespannt." Ihn mussten die Ärzte im Sommer 2007 am Gehirn operieren. Zwei Monate später, am 25. September 2007, standen acht Beamte vor der Wohnung. Sie wollten sich nach der Gesundheit von Xue erkundigen, sagten sie. Xue wollte sie nicht ins Haus lassen, es kam zu einer Rangelei, ihr Mann fiel zu Boden, er trug noch einen Verband von der OP. Weil er von einem Beamten gestoßen wurde, sagt die Familie. Ein unglücklicher Sturz, sagten die Beamten. Die Beamten kamen jedenfalls ins Haus, "wollten sich absichern", erinnert sich Xue. "Es war noch ein Jahr bis zu Olympia in Peking, und sie haben mir konkret gesagt, dass ich nichts über das Doping erzählen sollte."

Zwei Monate später starb ihr Mann an den Folgen des Sturzes.

Eine SZ-Nachfrage zu dem Fall bei chinesischen Behörden blieb ebenfalls unbeantwortet.

Damals, zwei Tage, bevor die Staatsmacht in Xues Haus eindrang, platzte die globale Kriminalermittlung "Raw Deal" in die Öffentlichkeit. Die US-Drogenbehörde DEA, Interpol und Behörden aus neun Ländern beschlagnahmten Steroide im Wert von 50 Millionen Dollar. Weltweit wurden Dealer verhaftet, Labore ausgehoben, Bargeld, Boote, Waffen sichergestellt. Die Ermittlungen ergaben, dass 99 Prozent der verarbeiteten Rohstoffe aus China kamen. Chinas größter Wachstumshormon-Produzent wurde in den USA angeklagt. Die Hysterie in Pekings Apparat war enorm, wenige Monate vor den Heim-Spielen 2008.

Der Tod des Vaters habe etwas in ihm ausgelöst, sagt Yang Weidong heute, der ältere Sohn, der sich mit seiner Frau Du Xing ein zweites Zimmer im Asylheim teilt. Er fragte sich: Wie können wir in einer Gesellschaft leben, in der so etwas möglich ist?