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Doping:Das System Sport schützt sich selbst

Seit Montag werden die Fälle beleuchtet, zum Auftakt die der russischen Langläufer Alexander Legkow und Jewgenij Below. Deren juristische Eingabe liegt nun vor. Und sie beinhaltet all die Volten, welche die Einzelfall-Strategie des IOC ermöglicht - und die einer breit angelegten Staatsaffäre völlig unangemessen sind: Es ist halt unmöglich, in jedem Einzelfall den Dopingnachweis zu führen. Wie auch - bei Athleten, deren Urinproben ausgetauscht worden sein sollen?

Die Absurdität solcher Verfahren zeigt die Verteidigungsargumentation der Russen-Läufer: Es sei nicht mal klar, wessen Urin in den geöffneten Behälter sei; ohne DNA-Test gäbe es keinen Schuldbeweis. Und selbst wenn der Urin des Sportlers im manipulierten Gefäß sei, hieße das nichts: Er könnte auch ohne Wissen des Athleten aus Klinik-Beständen oder anderen Dopingtests herangezogen worden sein.

Kronzeuge Rodtschenkow sagt, Athleten hätten Bescheid gewusst

Nach SZ-Informationen soll der 2016 in die USA geflohene russische Ex-Anti-Doping-Chef Grigorij Rodtschenkow dem Oswald-Stab gerade noch einmal versichert haben, die Athleten hätten damals gewusst, zu welchem Zweck sie vor den Spielen sauberen Urin abliefern mussten. Aber Whistleblowern wird im Sport traditionell kaum geglaubt - raffinierte Begründung: Sie standen früher ja auf der anderen Seite.

So einfach ist das. Dabei genügen strafrechtliche Variationen nicht den Anforderungen des Sports, dessen höchstes Gut die Integrität ist: seine Glaubwürdigkeit. Wenn dank der vom IOC gewählten Verfahrensweise nun jeder Athlet behaupten kann, er habe nicht gewusst, dass sein Urin manipuliert wurde, bricht die Beweisführung zusammen. Staatlich orchestriertes Systemdoping ist der stärkste aller Angriffe auf die Integrität des Sports, es bräuchte also stärkste Sanktionen. Sonst sind Betrugssysteme gar nicht zu bestrafen. Und dann darf jede Nation ihre Athleten hinter einem Schutzwall aus staatlichem Betrug und Vertuschungstricks verstecken.

Laut McLaren-Report profitierten mehr als 1000 Athleten im russischen System. Weil das IOC für so ein Problem auf Einzelfallprüfung setzt, wird Oswalds Stab das Präjudiz geben. Es dürfte das Kernsignal dieser Branche sein: Das System Sport schützt sich selbst.

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