Die Elf der Hinrunde:"Weidenfeller? Schönsaufen!"

Dortmunds Trainer erträgt seinen Torhüter nur mit viel Alkohol, der Stahli aus Koblenz haut einfach mal drauf, beim FC Bayern sind alle plötzlich beleidigt. Die Elf der Hinrunde.

Albert Linner und Carsten Eberts

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Schneeball

Quelle: Screenshot: Sky

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Dortmunds Trainer erträgt seinen Torhüter nur mit viel Alkohol, der Stahli aus Koblenz haut einfach mal drauf, beim FC Bayern sind alle plötzlich beleidigt. Die Elf der Hinrunde. In Bildern.

Christian Tiffert (im Bild), beruflich Mittelfeldspieler beim 1. FC Kaiserslautern, hatte an diesem Tag eigentlich schon genug erlebt. Sein Klub verlor bei Mitaufsteiger FC St. Pauli 0:1, der entscheidende Treffer ging auch noch auf das Eigentorkonto von Tiffert selbst. Zu allem Übel musste der Lauterer auch noch zum Interview mit dem Fernsehsender Sky, eine Übung, die der in der Öffentlichkeit stets trocken-missmutig gestimmte Tiffert noch schnell herunterspulen wollte. Doch dann machte es "zack", Tifferts Gesicht war plötzlich weiß: Ein Schneeball der Pauli-Fans hatte ihn unfein im Gesicht getroffen.

Man stelle sich nun vor, Oliver Kahn hätte dort gestanden, besser noch Jens Lehmann, vielleicht auch Mark van Bommel. Die wären wohl in den Pauli-Block gestürmt, hätten den Übertäter vermöbelt, den nervenden Sky-Reporter dank seiner nervtötenden Nachfragen gleich mit. Tiffert blieb ruhig. Er wischte sich den Schnee aus dem Gesicht und brummte: "Wenn es den Fans denn Spaß macht." Irgendwie trocken, der Mann.

FC Bayern München - Louis van Gaal

Quelle: dpa

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Es war der Zwist der Hinrunde: Bayern-Präsident Uli Hoeneß (rechts im Bild) attackierte seinen Coach Louis van Gaal (links), der keilte zurück. Im Wortlaut klang das so:

Hoeneß: "Ich glaube, es ist sehr schwierig mit van Gaal zu reden, weil er anderer Leute Meinungen nicht akzeptiert."

van Gaal: "Ich bin sehr enttäuscht, sehr enttäuscht, dass mein Präsident so etwas sagt über mich. Weil ich denke, dass Kommunikation eine meiner besten Qualitäten ist."

Hoeneß: "Die Spieler aus der zweiten Reihe hat man zu lange nicht stark gemacht. Wir haben ständig darüber diskutiert, dass Spieler wie Demichelis, Gomez, Altintop weggehen können. Das waren die Spieler, die am Samstag das Spiel entschieden haben. Man hätte viel früher sagen müssen: Die sind genauso gut oder ähnlich gut wie die anderen. Ich glaube, dass man heutzutage nur Erfolg haben kann, wenn man alle Spieler bei Laune hält. Das ist in der Vergangenheit nicht immer gelungen."

van Gaal: "Ich bin auch sehr erstaunt, dass das ein Präsident in dieser schwierigen Phase mit neun verletzten Spielern sagt, auch über meine Zweite-Reihe-Spieler. Zweite Reihe, das sind nicht meine Worte, das sind seine Worte. Ich habe die Perspektive offen gehalten für diese Spieler. Mit diesen Spielern haben wir in fünf Spielen 13 Punkte geholt. Das widerspricht dem, was er gesagt hat."

Hoeneß: "Ein Fußballverein darf heutzutage keine One-Man-Show mehr sein. Er wird die Kritik nicht annehmen, er wird sie aufnehmen und er wird damit leben müssen."

van Gaal: "Und ich bin nunmehr ein Jahr und ein paar Monate Trainer von Bayern München und nicht in der Lage, dass ich einem Mann wie Uli Hoeneß widersprechen will. Aber ich finde auch, dass ein Mann, der so viel bedeutet für Bayern München, um die Konsequenzen von seinen Aussagen wissen muss."

Blaszczykowski

Quelle: imago sportfotodienst

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"Ein Fußballtor ist gar nicht so groß", hätte man Jakub Blaszczykowski tröstend ins Ohr flüstern können, nur 2,44 Meter hoch und schlappe 7,32 Meter breit. Blaszczykowski hätte sich ohnehin kaum trösten lassen. Die 85. Minute der Partie Borussia Dortmund gegen den SC Freiburg lief, als der BVB-Stürmer beim Stand von 2:1 ganz alleine auf das Freiburger Tor zustürmte. Den Torwart hatte Blaszczykowski längst passiert, kein Abwehrspieler befand sich in seiner Nähe - doch der Pole setzte den Ball aus nur zehn Metern drüber, nicht knapp, sondern gleich ein paar Meter. Der Fehlschuss der Hinrunde war damit gefunden, gar einer der kuriosesten in der langen Geschichte der Bundesliga überhaupt.

Und Blaszczykowski? Der musste sich sogar noch den Spott seines Trainers anhören. "Wir werden ihn ein- oder zweimal in der kommenden Woche daran erinnern", sagte Jürgen Klopp: "Vielleicht werden wir die Szene nachstellen, um ihm zu zeigen, dass man da ein Tor machen kann." Was Klopp wohl gesagt hätte, wäre Freiburg nach Blaszczykowskis Aussetzer noch der Ausgleich gelungen?

Eintracht Frankfurt - 1. FC Köln

Quelle: dpa

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Faryd Mondragon ist in den letzten 20 Jahren viel rumgekommen. Er stand bereits in Kolumbien, Paraguay, Argentinien, Spanien, Frankreich und der Türkei unter Vertrag, ehe er beim 1. FC Köln anheuerte. Ein gesundes Selbstvertrauen ist da völlig normal, zumal Mondragon (im Bild) mit 39 Jahren der älteste Spieler der Bundesliga ist. Auf Kritik der Kölner Medien an einer Länderspielreise reagierte der Kolumbianer allerdings etwas dünnhäutig.

Höhepunkt seiner eigens anberaumten Pressekonferenz war ein Vergleich, der doch an der Bodenhaftung des Keepers zweifeln lässt: "Das hat mit fairer Berichterstattung nichts zu tun. Ich fühle mich, als hätte ich ein Messer im Rücken. Auch Jesus Christus wurde hinterhältig behandelt und verraten." Das brachte ihm zwar den Spitznamen "Jesus" ein, vorerst aber nicht seinen verlorenen Stammplatz zurück. Mittlerweile hat der Keeper seinen Wechsel zur Winterpause nach Philadelphia bekanntgegeben. Ob er dort etwas mehr Huldigung erfährt?

Veh Keller

Quelle: imago sportfotodienst

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Man darf diesen Auftritt mit ruhigem Gewissen als "Einlauf der Hinrunde" bezeichnen. Zur Vorgeschichte: Jens Keller hatte beim VfB Stuttgart gerade seinen bisherigen Chef Christian Gross beerbt. Zu den Hintergründen des Trainerwechsels sagte Keller in einem Interview, er selbst habe Probleme mit Gross' Mannschaftsführung gehabt, sogar als Assistent "nicht immer Gehör gefunden".

Im Aktuellen Sportstudio wurde Hamburgs Übungsleiter Armin Veh (links im Bild) mit diesen Aussagen konfrontiert. Vehs Gesichtsfarbe erreichte ungesunde Röte, er sagte: "Das geht gar nicht. Wenn er sagt, dass er als Assistenz-Trainer nicht gehört wurde, dann muss er aufhören als Assistent. Er kann jetzt nicht nachkarten und sagen, der Trainer hat nicht auf mich gehört. Dann auch noch sagen: 'Ich arbeite schon lange daraufhin, Chef-Trainer zu werden' - Leute, mit solchen Aussagen kann ich nichts anfangen!" Wie gut, dass Keller beim VfB Stuttgart schon wieder entlassen wurde. Auf der nächsten Trainertagung wäre es sonst womöglich zu ernsten Handgreiflichkeiten gekommen.

DFB-Pokal - TuS Koblenz - Hertha BSC

Quelle: dpa

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Der Koblenzer Michael Stahl (links im Bild) ist gewiss kein Wunder an fußballerischer Ästhetik, das wusste auch sein Trainer Petrik Sander: "Stahli, wenn du nicht weißt, wohin mit dem Ball, hau ihn einfach weg", hatte er vor dem wichtigen Pokalspiel gegen Hertha BSC Berlin gesagt. Und Stahli erinnerte sich wirklich daran: In der 60. Minute wusste er tatsächlich nicht, wohin mit dem Ball, und haute ihn einfach weg: Sein Befreiungsschlag wurde immer länger und senkte sich über den Berliner Torwart Marco Sejna hinweg ins Tor. Ein Schuss, wie er Stahl kein zweites Mal gelingen wird, ein Tor aus 61,5 (in Worten: einundsechzigeinhalb) Metern.

Der 23-Jährige, der in der vergangenen Saison noch für die zweite Mannschaft der TuS Koblenz in der Bezirksliga gekickt hatte, reihte sich mit seinem Tor in eine illustre Riege von Weittorschützen wie Bernd Schuster, Bernd Schneider oder Diego ein. Dabei war er auch noch ehrlich: "Das war keine Absicht. Ich hab das Ding einfach rausgeknallt." Äußerst positive Begleiterscheinung von Stahls Traumtor: Koblenz gewann gegen den Favoriten aus Berlin und zog in die nächste Pokalrunde ein.

Vorstellung neuer Spielball der Fussball-Bundesliga

Quelle: ddp

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Im Vorfeld der Saison war viel gemeckert worden über den neuen Bundesliga-Einheitsball "Torfabrik". Ein allzu flatterhaftes Wesen habe das Spielgerät, mokierten die Torhüter; für Dortmunds Trainer Jürgen Klopp kam die Einführung des Balls sogar einer Regeländerung gleich: "Als wären die Tore größer gemacht worden", sagte Klopp, was bekanntlich Blödsinn ist, denn dann hätte Blaszczykowski ja getroffen.

Tatsächlich hat sich die Aufregung nach einer gespielten Halbserie mittlerweile gelegt. Zwar fielen mehr Tore - durchschnittlich waren es in der Vorrunde 3,1 Treffer pro Spiel. Zum Vergleich: In der Saison 2009/10 zappelten die Bälle nur 2,7 Mal je Spiel im Netz. Lediglich Borussia Mönchengladbach scheint mit der "Torfabrik" nicht sonderlich gut zurechtzukommen: 47 Gegentore in 17 Spielen sind eine überragend schlechte Quote. Insider vermuten jedoch, das liege nicht am Spielgerät, sondern an der Gladbacher Abwehr.

Hannover 96 - VfB Stuttgart

Quelle: dpa

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Noch so eine Torfabrik, jedenfalls manchmal. Wenn der VfB Stuttgart (im Bild Pawel Pogrebnjak) in dieser Saison mal gewinnt, dann nämlich richtig: 7:0 gegen Borussia Mönchengladbach, 6:0 gegen Werder Bremen. Klingt nach einer alles dominierenden Mannschaft, für die andere Teams keine Gegner, sondern Opfer sind.

Leider waren dies so ziemlich die einzigen Siege des VfB in der Hinrunde. Ansonsten: große Misere, zwei Trainerwechsel, Abstiegsplatz 17 nach der Hinrunde. Aufgebrachte Fans demonstrierten sogar vehement nach dem 3:5 gegen den FC Bayern. Sollte die Rückrunde ähnlich verlaufen, kann sich der VfB immerhin damit rühmen, der Absteiger mit dem besten Torverhältnis aller Zeiten zu sein.

Mainz's coach Tuchel reacts during their German Bundesliga soccer match against Hanover in Mainz

Quelle: REUTERS

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Es ist das Wort der Hinrunde: der Matchplan. Sogar die Siegesserie des FSV Mainz 05 in den ersten sieben Spielen der Saison schien sich allein mit diesem einen Begriff erklären zu lassen. Das war selbst dem Trainer peinlich: "Ich habe das Wort selbst nur drei Mal in meinem ganzen Leben bei einer meiner ersten Pressekonferenzen benutzt und es wurde dann mit mir in Verbindung gebracht" entschuldigte sich Thomas Tuchel (im Bild).

Das kleine Geheimnis dahinter: Tuchel entwarf für seine Mannschaft für jeden Spieltag eine ganz individuell auf den Gegner ausgerichtete Taktik. Dauerrotation in allen Mannschaftsteilen inklusive, nicht selten tauschte Tuchel gleich auf fünf Positionen die Spieler aus. Was andernorts eine mannschaftsinterne Revolte nach sich gezogen hätte, wurde in Mainz stillschweigend akzeptiert. Es stand ja schließlich im Matchplan.

Erzgebirge Aue

Quelle: imago sportfotodienst

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Noch nicht viele Mannschaften haben es geschafft, sich das Prädikat "zu erfolgreich" anzuheften. Das Team von Erzgebirge Aue hat es geschafft. 40 Punkte bis Saisonende war die Kalkulation der Sachsen vor der Saison. Alles darüber hinaus schien dermaßen unrealistisch, dass im Etat noch nicht mal Punktprämien dafür vorgesehen waren. Und dann das: Die Aufstiegsmannschaft startete zwischenzeitlich bis an die Tabellenspitze durch. 31 Punkte sind die Ausbeute nach der Hinrunde. Toll für die Fans, toll für die Spieler.

Nicht so toll für Aues Schatzmeister Bertram Höfer. Eine Etataufstockung um 500.000 Euro sei nötig, wenn die Mannschaft das bis Saisonende so durchziehe, ließen die Erzgebirgler verlauten. Doch woher nehmen? Gerade rechtzeitig stellte die Mannschaft ihren Lauf ein, verlor 0:6 als Tabellenführer gegen Energie Cottbus. Zumindest Schatzmeister Höfer konnte kurz durchatmen.

Klopp Interview

Quelle: Screenshot: WDR

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Zum Abschluss bleibt das Interview der Hinrunde - doch das ist schnell gekürt. Gewiss, die beiden haben sich einen Spaß daraus gemacht, Dortmunds Trainer Jürgen Klopp und WDR-Journalist Arnd Zeigler, die nach dem 4:0 des BVB gegen Hannover 96 ein betont kritisches Interview fingierten. Klopps beste Antworten zum Nachlesen:

Über die Situation bei Tabellenführer Borussia Dortmund:

"Die Mannschaft hält sich einfach nicht an die Vorgaben. Es ist schwierig, da noch durchzudringen. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob ich noch der Richtige bin."

Über Torwart Roman Weidenfeller:

"Wenn man ihn morgens nach dem Aufstehen sieht, da gibt er schon ein schreckliches Bild ab. Aber auch da besteht keine Chance, etwas zu ändern. Da müssen wir ihn jetzt eben mit durchschleppen. Dementsprechend müssen wir ihn uns ab und zu einfach schönsaufen."

Über Ex-BVB-Stürmer Lothar Sippel, der mit seinen 45 Jahren gegen Hannover wieder nicht auf der Bank saß:

"Lothar und ich kennen uns ja schon lange. Wir haben zusammen in der Hessen-Auswahl gespielt - das heißt, er meistens vorne im Sturm mit Dieter Hecking und ich saß draußen auf der Bank. Ich wusste immer, wenn ich ihn mal als Spieler habe, dann werde ich ihm das zurückzahlen. Und das mache ich jetzt."

© sueddeutsche.de/ebc/alin
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